In einem Brief vom September 1930 an Martin Heidegger schildert Hannah Arendt eine beklemmende Szene. Sie steht auf einem Bahnsteig, am Zugfenster ihr gegenüber, ohne sie zu erkennen, "Martin", der immer noch Geliebte, und "Günther", Günther Stern-Anders, seit 1928 ihr - ungeliebter - Mann. Sie fühlt sich, wie einst als kleines Kind, von ihrer Mutter völlig verlassen: "Ihr beide da oben und ich allein und ganz machtlos dem gegenüber. Es blieb nichts (...) als warten, warten, warten." Die Szene bleibt rätselhaft. In "der diabolischen Klarheit des so Gesehenen" ist aber spürbar, dass auch die beiden Männer, die "da oben" nebeneinander stehen, kaum etwas verbindet.

Mehr als ein halbes Jahrhundert später begegnet der deutsche Visiting Professor Peter Sloterdijk auf dem Campus des Bard College, 100 Meilen nördlich von New York am Ufer des Hudson River gelegen, dem Grab Hannah Arendts und ihres (zweiten) Mannes Heinrich Blücher. Sloterdijk kontrastiert den Campus-Friedhof der beiden Emigranten mit Heideggers Grab in der Meßkircher Provinz, in der Heidegger auch in diesem Sinn bleiben wollte - ein "Umzugsverweigerer" noch im Tod. Welten liegen zwischen denen, die in beiden Szenen so dissonant verknüpft werden. Freilich gibt es da auch manche überraschende Nähe.

Hannah Arendt, die bei Karl Jaspers über den Liebesbegriff bei Augustinus promoviert hat, die vom Nationalsozialismus vertriebene deutsche Jüdin, wird die Kritikerin der "totalen Herrschaft", die politische Philosophin der "Pluralität der Vita activa", wird im Anschluss an Augustinus' Schöpfungspathos des Anfangs die Denkerin der "Gebürtlichkeit", der "Natalität".

Wettkopfstehen in Todtnauberg

Günther Stern-Anders, der vom Nationalsozialismus vertriebene deutsche Jude, der die beiden Heideggers - Martin und Elfride - unerachtet einer früh konsolidierten Antipathie aus persönlicher Bekanntschaft in Freiburg, Todtnauberg und Marburg kennt, wird der Philosoph der Antiquiertheit des Menschen im Zeitalter der Technokratie des "prometheischen Gefälles" zwischen "Herstellen" und "Vorstellen", einer atomaren Apokalypse, in der sich "Endzeit und Zeitenende" als Ende von Zeit und Sein zu verschlingen drohen, einer selbst verursachten Mortalität, die aus dem vormaligen "Geschlecht der Sterblichen" das "sterbliche Geschlecht" macht.

Martin Heidegger, der Messnersohn aus Meßkirch, der bei abgrundtiefer Verachtung alles "Politischen" als NSDAP-Rektor der Universität Freiburg der vita activa seinen Tribut abgestattet hat, den die Liebe zu einer philosophisch hochbegabten Jüdin nicht gehindert hat, gegen die "Verjudung" der deutschen Universität zu wüten, wird dem geworfenen, aber entschlossen in den gewissen, noch unbestimmten, eigensten, unbezüglichen und unüberholbaren Tod vorlaufenden Dasein das mögliche Ganzseinkönnen eröffnen; und wird nach der quasi augustinischen Konversion seiner "Kehre" im Zeichen des "Seins des Seienden" einen "anderen Anfang" suchen, der weder vom Vorstellen noch vom Herstellen, überhaupt nicht von irgendeiner Art technischen "Ge-Stells", noch gar vom nihilistischen "Willen zum Willen" bestimmt ist.

Peter Sloterdijk schließlich sucht in seinen Versuchen nach Heidegger und Hannah Arendt ohne Günther Anders die neue Lichtung des Seins, die Initialität des nur noch begrenzt "gebürtlichen" Daseins, den Selbstentwurf der vormals Geworfenen in neuen und anderen "Regeln für den Menschenpark", die den Abschied von antiquierten Formen des Menschenwesens einschließen.