Mit diesem Buch hat Ulrich Schacht sich ein Trauma von der Seele geschrieben - ein Trauma namens DDR. 1951 im Frauengefängnis Hoheneck geboren, wo seine Mutter aus politischen Gründen in Haft saß, war der angehende Dichter durch sein Theologiestudium wie durch seine Herkunft stigmatisiert, als die Staatssicherheit ihn 1973 wegen der Teilnahme an einer Mahnwache für Jan Pallach festnahm und zu sieben Jahren Gefängnis verurteilte. Nach drei Jahren im Zuchthaus Brandenburg kam er im Zuge des Häftlingsfreikaufs in die Bundesrepublik, wo man ihn mit schulterklopfendem Unverständnis empfing, so als habe er sich Verfolgung und Unterdrückung bloß eingebildet oder, schlimmer noch, selbst zuzuschreiben.

Die Entspannungspolitik stand damals auf dem Höhepunkt, und die beinharte Realität des Mauerstaats wurde von den bundesdeutschen Medien so lange weich gespült, bis Erich Honecker als kuscheliger Teddybär erschien, dem Udo Lindenberg eine Lederjacke überzog. Angewidert vom sozialliberalen Schmusekurs, in dem er seine bitteren Erfahrungen nicht wiederfand, lief Ulrich Schacht über zum Klassenfeind und trat als Redakteur in die Welt am Sonntag ein, womit er sich unter DDR-Dissidenten den Ruf eines Rechtsabweichlers erwarb. Nur die Gedichte, Erzählungen und Essays, die er in angesehenen Verlagen veröffentlichte, passten nicht ins Bild - ihr literarischer Anspruch entzog sich ideologischer Schwarzweißmalerei.

Die Probe aufs Exempel liefert der Erzählungsband Verrat, eine Sammlung von Prosatexten, die sich wie Fragmente eines autobiografischen Romans um ein geheimes Zentrum gruppieren: von der Ausspionierung durch einen Stasi-Spitzel über das Verhör in der Untersuchungshaft bis zum Gefängnisalltag, für den das Adjektiv trist allzu beschönigend klingt

und weiter von der abrupten Abschiebung über die schwierige Ankunft im Wirtschaftswunderland bis zum selbst gewählten Exil auf einer schwedischen Insel, deren rauer Charme den Autor an seine Wismarer Kindheit erinnert.

Die durch die Wende ermöglichte Wiederbegegnung mit einem Vernehmungsoffizier, dessen Frau die Wiedervereinigung als Verrat qualifiziert, bildet das Scharnier zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Im Vergleich beider Epochen wird deutlich, dass Ulrich Schacht als Erzähler dort am besten und sich selbst am nächsten ist, wo die Wut ihm die Sprache verschlägt, während die nachträgliche Überhöhung durch literarische Stilmittel weniger überzeugt, weil die Wirklichkeit die wildesten Fantasien übertraf: "Es gibt Länder, da gibt es nicht mal ein einziges Röntgengerät im ganzen Land. Oder vielleicht gerade ein einziges. Und hier durchleuchten sie Pakete. Nach Büchern, Schallplatten, Zeitungen. Das sind Krankheiten für die: Bücher, Zeitungen, Schallplatten." Kürzer und treffender lassen sich Unterdrückung und Zensur kaum auf den Punkt bringen, und gerade in der Kunstlosigkeit liegt die größte Kunst.

* Ulrich Schacht: Verrat. Die Welt hat sich gedreht

Erzählungen