Vor ein paar Tagen saß ich in unserer Küche vorm Fenster und habe meine Tochter gestillt. Die Schneeflocken tanzten. Und ich begann, zu träumen: von der Natur, von Pferden. Ich liebe Pferde, ich bin eine leidenschaftliche Reiterin.

Ein Film, in dem Pferde die Hauptrolle spielen, das würde mir gefallen. Es muss ja nicht gleich ein Western sein. In meinem Traum spiele ich mit Robert Redford in Der Pferdeflüsterer II. Wir reiten durch die Kornfelder, tauchen in die Natur ein. Der Pferdeflüsterer bin übrigens ich. Warum? Weil ich die Sprache der Tiere verstehe, ich höre ihnen seit Jahren genau zu. Ich habe selbst zwei Pferde, sie bedeuten mir viel: Freiheit, Wärme, Geborgenheit.

Ich bin auf dem Land aufgewachsen. Kino- oder Theaterbesuche gehörten nicht zu meinem Alltag. Da braucht man Träume. Meine Kindheit war glücklich, aber auch anstrengend. Ich stand oft mit meinen Eltern auf dem Markt in Solingen und verkaufte Kartoffeln, was ich übrigens noch heute ab und zu tue. Die Leute kennen mich, sie mögen mich. Wir erzählen viel von früher. Ich habe Säcke geschleppt und ein starkes Kreuz bekommen. Doch eines war mir schon früh klar, sosehr ich meine Eltern liebte und sie mich auch: Ich will etwas anderes. Ich spielte schon als Kind gern anderen Kindern etwas vor. Als Schülerin wusste ich: Ich will Schauspielerin werden. Das war kein Beruf, das war Berufung. Daran habe ich nie gezweifelt. An meiner Begabung auch nicht.

Meine Eltern hat das alles ziemlich irritiert. Sie konnten mit meiner Traumwelt nichts anfangen. Mit 17 ging ich nach München. Ich hatte kein Geld und kannte keinen Menschen. Ich habe in Restaurants gearbeitet, Teller abgewaschen - nicht gekellnert, da hätte mich ja ein Regisseur sehen können!

Das wollte ich nicht.

Ich hatte ja meinen Traum. Daran habe ich geglaubt, und ich habe etwas dafür getan. Meinen Schauspielunterricht habe ich mir selbst finanziert. Zwölf Schauspielschulen haben mich abgelehnt. Aber ich habe mich niemals beirren lassen.

Später dann, als Studentin - ich habe Theaterwissenschaften, Germanistik und Psychologie studiert -, war ich von einem Buch der amerikanischen Traumforscherin Ann Faraday fasziniert. Es hieß Die positive Kraft der Träume. Geschrieben hat sie es vor 30 Jahren, gültig ist es für mich noch immer. Denn es macht Mut, bestärkt mich bis heute. Im Grunde war es die wissenschaftliche Bestätigung dessen, was ich ohnehin lange tief in meinem Innern empfunden hatte. Es ist eine Mischung aus Instinkt, weiblicher Intuition und einer tiefen Überzeugung, die mir stets half, an mich zu glauben. Meine weibliche Intuition funktioniert perfekt. Wenn ich mich auf etwas verlassen kann, dann darauf. Sie stimmt immer.

Dazu gehört, bei allem Glück oder Unglück, das mir widerfährt, die Gewissheit, dass ich mich am Ende in jeder Sekunde auf mich selbst verlassen kann. Das ging so weit, dass ich manchmal morgens aufgewacht bin und wusste: Wenn du dich heute vorstellst, bekommst du das Engagement.

Und so war es dann auch. Wobei ich eigentlich von einem Leben auf der Bühne geträumt habe. Dass ich eines Tages mit John Malkovich und Gérard Depardieu drehe oder in Salzburg die Buhlschaft im Jedermann spiele, hätte ich nie zu träumen gewagt.

Während meines ganzen Studiums haben mich Träume sehr beschäftigt. Ich habe Psychologie studiert, da kommt man an dem Thema gar nicht vorbei, Freuds Traumanalyse hat mich eine Zeit lang gar nicht mehr losgelassen.

So gehört auch nicht zufällig der Wiener Arthur Schnitzler zu meinen Lieblingsautoren. Seine Traumnovelle zählt zu jenen Büchern, die mich durch mein Leben begleitet haben. Und immer wieder hat die Lektüre eine andere Bedeutung für mich. Es ist diese Geschichte von zwei Menschen, die sich lieben, zusammenleben und von ihren Träumereien getrieben sind. Sie leben sie aus, finden wieder zueinander und stellen fest, dass sie nie auseinander waren.

Besonders berührt hat mich immer der Schluss. Da sagt Albertine zu Fridolin: >Wir sollten dem Schicksal dankbar sein, daß wir aus allen Abenteuern heil davongekommen sind - aus den wirklichen und aus den geträumten.<

>Weißt du das auch ganz gewiß?< fragte er.

>So gewiß, als ich ahne, daß die Wirklichkeit einer Nacht, ja daß nicht einmal die eines ganzen Menschenlebens zugleich auch seine innerste Wahrheit bedeutet.<

>Und kein Traum<, seufzte er leise, >ist völlig Traum.<

Als Schauspielerin habe ich ein unstillbares Verlangen zu spielen, eine Sehnsucht nach mehreren Leben, die mich überhaupt so weit treibt.

In gewisser Weise spiele ich so gegen die eigene Vergänglichkeit an. Ich habe Angst vorm Tod. Aber es ist ein kleiner Trost, dass irgendetwas von mir übrig bleibt. Und wenn es nur auf Zelluloid ist. Die Menschen erinnern sich an mich. Und ich möchte sie mit meinem Spiel berühren.

Wenn in München im Staatstheater der Vorhang aufgeht und ich vor 1200 Zuschauern stehe und spiele, dann ist das ein Traum. Oder wenn ich, Veronica Ferres, Tochter eines Solinger Kartoffelhändlers, zur Einweihung des Buddenbrook-Museums in Lübeck auf Einladung des Bundespräsidenten lesen darf, dann ist das auch ein Traum.

Eine der schwierigsten Rollen, die ich in letzter Zeit hatte, war die der Nelly in dem Dreiteiler Die Manns - Ein Jahrhundertroman von Heinrich Breloer. Nelly Kröger war der Underdog im Mann-Clan.Thomas Mann hat sie gehasst. Eine Alkoholikerin, eine, die sich nicht unter Kontrolle hatte. Aber sie war auch eine mutige Frau, die immerhin dem großen Thomas Mann widersprochen hat. Oder ihn, noch schlimmer, ausgelacht hat.

Diese Nelly wuchs auf als uneheliches Kind, in einer Kleinstadt bei Lübeck, ihren Vater hat sie nie gesehen. Auch Nelly hatte einen Traum. Heinrich Mann war ihre große Liebe. Er sollte ihr Halt geben. Es ist ihm nicht gelungen, weil Nelly zu schwach war. Später wollte sie sich nur noch, wie Heinrich Mann es nannte, schlafen legen. Nach fünf Selbstmordversuchen hat sie es endlich geschafft, sich schlafen zu legen. Das zu spielen ging an meine Grenzen.

Ich habe mich oft mit dem Tod beschäftigt, beschäftigen müssen. Ich hasse Abschiede, und nichts und keine Auseinandersetzung bereitet einen darauf vor, wie es ist, wenn man jemanden wirklich verliert.

Und so versuche ich, mit meiner Kunst die Menschen zu berühren, sie zu ermutigen, auch in ausweglosen Situationen ihre Träume zu verfolgen, etwas aus ihrem Leben zu machen.

Soll ich von jenem Traum erzählen, der mich am meisten beglücken würde? Der ist ganz einfach. Ich möchte in einer absoluten Gleichzeitigkeit leben. Ich könnte jede Sekunde mein Kind schützen und behüten und trotzdem meinen Beruf ausüben, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Doch da komme selbst ich an die Grenzen der positiven Kraft der Träume.

AUFGEZEICHNET VON CARLA WOTER FOTO MATTHIAS ZIEGLER