Liselotte von der Pfalz, Schwägerin Ludwigs XIV., des Sonnenkönigs, erinnert sich in ihren berühmten Briefen vom französischen Hof in die Heimat gern an ihre pfälzische Kinderzeit. Immer wieder erwähnt sie dabei Menschen, denen sie damals begegnet ist. So erkundigt sie sich nach einem Stadtdirektor Clignet oder nach einem Jacob van Deyl, der aus den Niederlanden stammte. In Erinnerung geblieben ist ihr auch ein einfacher Messerschmied, dem sie häufig bei der Arbeit zugeschaut hat und von dem sie weiß, dass er "Anabaptist" (Täufer) ist. Vergessen hat sie weder den blinden französischen Pfarrer Jacques Couet du Vivier noch die "Polnisch, so die Socinianer hießen" oder die "Juden von Avignon". Alle diese Menschen lebten um 1665 innerhalb der Mauern derselben Stadt, und diese Stadt war Mannheim.

Liselotte von der Pfalz, eigentlich Elisabeth Charlotte, in Heidelberg aufgewachsene Tochter des Pfälzer Kurfürsten Karl Ludwig, hat vor ihrer Heirat 1671 mit des Königs Bruder Mannheim mehrfach besucht, es danach aber nie mehr wiedergesehen. Trotzdem sind ihre Erinnerungen erstaunlich präzise. Die von ihr erwähnten Personen finden sich alle auf einem Grundrissplan, den Jacob van Deyl gezeichnet hat, ein aus Den Haag stammender "Ingenieur", der in Mannheim zum Schultheiß, Zollschreiber und Stadtkommandanten aufgestiegen war. Sein Inwendiger Plan der Statt Mannheim wie selbige anietzo gebaut und bewohnet wirdt, den 4. Aprilis Anno 1663 ist ein faszinierendes Dokument von europäischer Bedeutung. Denn zu Straßen und Grundstücken verzeichnet er penibel die Namen der Hausbesitzer: Menschen aller Herren Länder und Religionen. Sogar an der Spitze Mannheims stand mit Stadtdirektor Henry Clignet dreißig Jahre lang ein "Ausländer", ein Bürger wallonischer Herkunft.

Es war ein bemerkenswerter Modellversuch: Können Menschen aus den verschiedensten Ländern Europas, aus Frankreich und Polen, aus Piemont und aus Portugal, Flandern und der Schweiz, können Calvinisten und Katholiken, Mennoniten und Juden, Waldenser und Lutheraner eine Kommune bilden, die sich als solche begreift und als solche handelt? Das "große Werk", wie Clignet das Mannheimer Experiment gern nannte, diese "Mixtur so vielerley Nationen", begann vor 350 Jahren.

Damals war die Stadt erst knapp fünf Jahrzehnte alt. 1606/7 hatte sie Kurfürst Friedrich IV., der in Heidelberg residierte, samt einer Zitadelle anlegen lassen zum Schutz seiner pfälzischen Lande, aber auch als neues Handels- und Gewerbezentrum. Ihre modernen Festungsbauten zwischen Rhein und Neckar sorgten über das Reich hinaus für Aufsehen, und ihr (im Kern bis heute bewahrter) Grundriss, der seltsam an das etwa gleich alte Manhattan erinnert, erlangte rasch europäische Berühmtheit. Allerdings hatte der Dreißigjährige Krieg 1618 bis 1648 tiefe Spuren hinterlassen. Denn Mannheim, als Bollwerk der protestantischen Union gedacht, stand von Anfang an im Zentrum des konfessionellen Konflikts im Reich und in Europa. Bei Kriegsende war die Kurpfalz verwüstet und entvölkert.

Keine Zünfte, keine Zölle

"Eingenommen, abgebrannt, ausgeplündert und so übel zugericht ... dass sie viele Jahren ohne Einwohner wüst gestanden und ist anderst nichts gantz stehen blieben als die Wälle, das Rathaus und etliche Mauern und Keller der verheerten Häuser", so fand Kurfürst Karl Ludwig bei seiner Rückkehr aus 30-jährigem Exil 1649 die Gründung seines Großvaters vor. Der Wiederaufbau der Stadt, der fast einer zweiten Gründung gleichkam, sollte zu einer Hauptaufgabe seiner Regierungszeit werden.

Dabei hatte er zunächst kaum Erfolg. Nur wenige geflohene Pfälzer kehrten in die Heimat zurück. Erst die Entscheidung, Mannheim für Zuwanderer zu öffnen, ermöglichte einen Wiederbeginn städtischen Lebens.