Den letzten, einen Rechtsanwalt und Notar, erwischte es Mitte Januar bei einer Treibjagd in der Nähe von Limburg. Wie es dazu kam, dass einer seiner 20 Jagdfreunde den Hobbyjäger am hellichten Mittag mit einer Kugel niederstreckte, ermittelt nun die Polizei.

Die menschlichen Verluste lagen auch diesmal im gewohnten Rahmen: Drei bis acht tödliche Jagdunfälle erfassen die landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaften pro Jahr - die Jagdverbände führen tunlichst keine Statistiken über Ungeschick und Ableben ihrer Mitglieder. Eine relativ geringe Quote, meint Peter Conrad, Jagdexperte und ehemaliger Jagdreferent des Landes Rheinland-Pfalz, "im Verhältnis zu anderen Freizeitaktivitäten - wenn man bedenkt, welche gefährlichen Waffen Jäger tragen".

Manchen Nimroden genügt schon der Hochsitz, um sich zu Tode zu bringen. Sie krachen mit einer morschen Sprosse in die Tiefe, rutschen bei feuchtem Wetter von der Leiter. Oder die morsche Kanzel bricht unter ihnen zusammen.

Sind tatsächlich Waffen im Spiel, ist es ein Fall für die deutsche Versuchs- und Prüfanstalt für Jagd- und Sportwaffen, die Gutachten bei Jagdunfällen erstellt. Eine typische Konstellation sind die drei Jäger aus Bad Driburg bei Paderborn, die im Oktober in einem Maisfeld saßen und auf Wildsauen lauerten. Es wurde dunkel, aber irgendwann sah einer der drei doch noch etwas und schoss. Es war keine Sau, es war sein Freund, der - anders als ausgemacht - durchs Maisfeld auf ihn zugekommen war.

Tödliche Zwischenfälle kommen im Zusammenhang mit Schwarzwild besonders häufig vor, was an dem schlechten Image der Tiere liegt: Wühlenden Flurschädlingen darf man, anders als Hirschen oder Rehen, die ganze Nacht nachstellen, sofern das Mondlicht reicht. Was offenbar nicht immer der Fall ist, wie bei zwei Jägern, die sich um Mitternacht auf dem Hochsitz verabredet hatten. Einer kam schon um elf und freute sich diebisch, dass sich schon kurz darauf im Feld ein Schwarzkittel zeigte. Er schoss, und natürlich, es war der Kollege, der auch hatte früher kommen wollen und, getroffen, verstarb.

Klaus-Eberhard Liese, bei der Gotha verantwortlich für Jagdversicherungen, erlebt immer wieder, dass Jäger sich nicht an Absprachen halten oder eine Jagd eigenständig für beendet erklären und quer durch das Schussfeld anderer nach Hause schlendern. Überlebende berichten, dass im Vorfeld tragischer Ereignisse stets zweierlei passiere: Derjenige, der durch den Wald trampelt, kann sich überhaupt nicht vorstellen, dass man ihn für ein Tier halten könnte; Tiere sind bekanntermaßen leise. Und derjenige, der schießt, kann sich überhaupt nicht vorstellen, dass es etwas anderes als ein Wildschwein ist, das dort schnaufend durchs Gehölz bricht.

"Schusshitzigkeit", diagnostiziert die bisher einzige wissenschaftliche Analyse von Verletzungen durch Jagdwaffen, sei der Auslöser bei über der Hälfte aller Jagdunfälle. Dabei trifft, so die Studie der Universität Münster, brennende Ungeduld durch langes Warten auf allgemeine Gemütshitze.