Wie eine medizinische Kuriosität wirkt Ilse S. nicht gerade. Die 46-Jährige aus der Nähe von Freiburg hat ein freundliches, rosiges Gesicht und sieht so aus, als ob sie in der Landwirtschaft oder bei der Weinernte gut zupacken könnte. Doch der Eindruck täuscht. Denn von der Landwirtschaft kann Ilse S. nur träumen - genauso wie von vielem anderen, wie zum Beispiel eigenen Kindern. "Damit muss man leben lernen", sagt Ilse S. und zeigt auf ihren Mann. "Mit einem Kuss hätte er mich umbringen können."

Das ist nur halb im Scherz gemeint. Denn die Badenerin leidet an einer ebenso schwerwiegenden wie seltenen Krankheit: Das Herz von Ilse S. schlägt rechts statt links. Situs inversus, Seitenverkehrtheit, lautet die medizinische Diagnose, die in Deutschland bei rund 2500 Patienten gestellt wird und für die Betroffenen meist dramatische Folgen hat. Zwar ist der Seitenwechsel wichtiger Organe selbst nicht unmittelbar gefährlich. Doch die Begleiterscheinungen der paradoxen Anatomie können lebensbedrohlich werden.

Ilse S. bekommt an vielen Tagen keine Luft durch die Nase. Täglich fördern ihre Lungen grün-gelblichen Auswurf zutage; zudem drohen ständig Infekte, Bronchien- oder Lungenentzündung. Aus Furcht vor Infektionen verzichtet sie auf Freunde, Geselligkeit - und Küsse. "Wir haben uns mit der Krankheit eingerichtet", sagt ihr Mann. "Wir gehen nirgends mehr hin." Das einzige Hobby von Ilse S. ist das Fliegenfischen. Die feuchte Luft über der Gischt der Wildbäche tut ihren Atemwegen gut.

Entdeckt wurde ihre Krankheit, als Ilse S. mit 18 Jahren heftige Bauchschmerzen bekam. Blinddarm? Die Ärzte verneinten. Bei der Druckprobe auf ihrem rechten Unterbauch war nichts zu spüren. Als der Leib hart und härter wurde, schnitten die Ärzte doch auf, unten rechts, wo der Wurmfortsatz normalerweise sitzt. Aber da war nichts Auffälliges. Die Ärzte vergrößerten den Schnitt, immer weiter, bis sie schließlich ganz links auf den vereiterten Wurmfortsatz stießen. Die lange Narbe zeichnet Ilse S. bis heute.

Im Gefolge dieser Operation stellte sich heraus, dass nicht nur der Blinddarm, sondern auch ihr Herz auf der "falschen" Seite liegt. Erst damals verstand Ilse S., warum sie der Betriebsarzt in der Fabrik so lange abgehorcht hatte, als sie 16 war. Mehr als 20 Minuten lang hatte er mit seinem Stethoskop auf ihrem Brustkorb herumgetastet und schließlich gesagt: "Die Herztöne sind bei Ihnen schon sehr leise."

Eine ähnliche Untersuchung war es, die den Kinderarzt Heymut Omran auf die seltene Krankheit aufmerksam machte. Als er ein stark hustendes Mädchen in der Freiburger Universitätsklinik untersuchte, hörte er zunächst keine Herztöne. Die Röntgenaufnahme enthüllte den Grund. "Das Kind hatte das Herz auf dem rechten Fleck", erinnert sich der 34-jährige Mediziner, "und die Leber lag links." Bei zwei der vier Geschwister des Mädchens waren die Organe ebenfalls vertauscht.

Winzige Härchen weisen den Weg