Das Team der documenta 11 hatte vor kurzem zu seiner dritten Plattform ins Hyatt Regency der Antilleninsel St. Lucia eingeladen. Eingeladen ist vielleicht nicht das richtige Wort. Die Veranstaltung war nämlich ein "geschlossener Workshop". Eine Mischung aus Tropensucht und Chronistenpflicht ließ uns überlegen, ob nicht doch eine periphere Teilnahme, so vom Pool aus, möglich wäre. Das Hotel offerierte ein "Romance Package" für drei Nächte, bei 565 US-Dollar anfangend, plus Flug, plus Verpflegung - für eine Person! Wahrscheinlich gibt es nur eine Person, die es schafft, ein Romance Package allein auf sich anzuwenden, und das ist Woody Allen. Wir haben den Plan aufgegeben und umso aufmerksamer die beiden Grundlagen der Tagung vergleichend gelesen: den Hotelprospekt und die Einführung von Okwui Enwezor, dem Künstlerischen Leiter der documenta.

Wer auf St. Lucia tagt, gehört normalerweise zu den Leuten, die sagen: Nicht schon wieder Davos! Unser Fall liegt anders. Hier ging es darum, dem Genius Loci nahe zu kommen. Es war nämlich hier, nicht gerade im Hyatt-Hotel, aber doch auf den Antillen, dass die theoretische Basis der Tagung gelegt wurde. Und jetzt muss man ein bisschen aufpassen. Die Tagung Kreolität und Kreolisierung hatte zwei Motti und zwei Inspiratoren: die Autorengruppe Bernabé, Chamoiseau und Confiant, die 1989 schrieb "Die Welt bewegt sich auf einen Zustand der Kreolität zu", und den Einzelautor Edouard Glissant, der 1990 sagte "Die ganze Welt kreolisiert sich." Vier Autoren mit schönen und passenden Namen (Eduard Gleitend - wie der Name, so die Theorie!), ein Jahr Zeit, zwei Konzepte, so nahe haben wir die Arbeit am Begriff noch nie beobachten können. Die Differenz von Kreolität und Kreolisierung war jedenfalls weit genug, um eine Tagung, ein Hyatt Regency und eine one acre swimming lagoon aufzunehmen.

Die Kreolität, auf Deutsch das "nicht totalitäre Bewusstsein einer beibehaltenen Diversität", kommt, wie gesagt, auf uns alle zu, und das ist heilsam: "Eines der heilsamen Elemente der Kreolität liegt in ihrer inversiven Logik, das heißt, in ihrer Fähigkeit, die Logik der Hegemonialsphäre zu dem symbolischen Kapital der kulturellen Differenz zu invertieren und zu konvertieren." Ohne hier Verstehen heucheln zu wollen (in den Tropen sagt man: "Für manchen Freund der Kokosnuss ist überm Kleinhirn plötzlich Schluss!"), haben wir doch das Gefühl, dass kein Ort, nirgends, keine "diasporische Formation" (Enwezor) diesen Satz besser belegen könnte als genau dieses Hotel, das nämlich ein Nachbau des britischen Antillenforts Pigeon Island ist, dabei im Inneren Plantagenstil zeigt und mit allen Annehmlichkeiten der neuen Hegemonialsphäre ausgerüstet ist: Jacuzzi, Spa, Health Club et cetera. Dazu Vorträge über Die Ethik der Wachsamkeit: Kreolität und Kreolisierung - und schon hören auch wir im fernen und nassen Hamburg den "Mahlstrom der Signifikate" rauschen, von dem der documenta-Leiter so schön spricht.