Junkies werden alt und bleiben produktiv. William S. Burroughs nennt als Beleg den Beatnik Herbert Huncke (82), den englischen Dichter George Crabbe (78), De Quincey (74) und sich selbst, "Ihren immer noch munteren Reporter, 82". Als William Seward Burroughs am 2. August 1997 stirbt, ist er 83, er hat die meisten seiner Freunde der Beat-Generation überlebt. Ein Jahr vor seinem Tod beginnt er ein Tagebuch mit der Hand zu schreiben, Notizen zur Literatur, zu Freunden und Aliens, Beschimpfungen der drogenfeindlichen Politiker, Zitate, Mutmaßungen über den Tod, Bekenntnisse zu seiner Lieblingsspezies, den Katzen, Hasstiraden gegen Tausendfüssler und Informanten.

Das gewohnte Inventar darf man da vermuten, und es wird doch zum Lesens- und Hörenswertesten der letzten 20 Burroughs-Jahre. Last Words versammelt Zerstückeltes, als folge es der cut up-Methode des Dichters, und besitzt doch den Charme des Natürlichen, da es nicht bewusst zusammengewürfelt, sondern schlicht von seinen 260 letzten Tagen in 168 Einträge zerschnitten wird.

"Obwohl er weiß, es kommt ein Lebensende, wann's kommen soll", zitiert er Shakespeares Julius Caesar und schreibt so aufmerksam und traurig, als stünde ein anderer Wappenspruch an seinem Haus in der amerikanischen Provinz: "Qui vivre verra". "Wer lebt, wird sehen. So, wie es mir gerade geht, weiß ich nicht, ob ich einen Arzt oder den Leichenbestatter anrufen soll ... Zum Glück werden meine copains bald da sein." 1981 war er von New York City nach Lawrence in Kansas umgezogen, hielt Hof, empfing junge Bewunderer und alte Freunde wie John Giorno und Allen Ginsberg, genoss die Verehrung der Pop- und Rockwelt als Guru des Antiestablishments, schoss nachmittags auf Zielscheiben und aß abends mit den treuen copains. Die Bürgerschrecklichen der amerikanischen Beat-Generation waren salonfähig geworden. Etwas ungelesen in letzter Zeit, aber doch (und deshalb?) preiswürdig (als vollständige Buchausgabe: Last Words

aus dem Englischen von Pociao und Walter Hartmann

Pociao's Books, Bonn 2001

326 S., 21.- e).

Meist war es eher der Klang seiner singendschnarrenden Stimme als der Inhalt seiner Texte, der so verführerisch wirkte, sodass man kaninchengleich der Schlange lauschte, während man schon seit Jahren aufgehört hatte, seine Bücher zu lesen. William The Voice war zur Ikone geworden, deren Image sich vor die Bücher geschoben hatte, deren grauer Anzug, Weste und Krawatte passend zu Hut und Revolver ernster genommen wurden als seine Verschwörungstheorien. Welch ideale Wahl also, wenn jetzt Gottfried John dessen letzte Worte spricht, manchmal traumverhallt und ekelverzerrt, aber immer in der Haltung des Künstlers, dem jedes Wort mehr und mehr wahr wird (Hörspielbearbeitung von Barbara Schäfer). Auch jetzt steht er auf den Barrikaden und kämpft gegen Spitzel und Denunzianten ("Ich mag das russische Wort für Informant: stukach. Ein Wort zum Ausspucken"), eifert gegen Feministinnen und die männlichen Versager an der Macht und führt sein lebenslanges Gefecht gegen seinen persönlichen Todfeind: Kontrolle in jeder Form. Und doch ist es seine tiefe Beziehung zu den zahllosen Katzen in seinem Haus, deren Tod ihm so nahe geht wie der Tod seiner Freunde, die seine galligen Tiraden jetzt relativiert. "Jeder, der den Ausdruck ,blutendes Herz' verwendet, hätte eigentlich verdient, dass man ihm 'ne Kugel in sein Herz schießt. Und trotzdem blutet mir das Herz. Es blutet für die verlorenen Katzenjungen ..." Und er fährt fort: "Hertz? 7 Hertz gilt als äußerst destabilisierende, d. h. unangenehme Frequenz. Aber das weiß man ja. Sie legt die Angst- und Hass-Zentren lahm."