Bad Guy in der Warteschleife

Er will. Und er könnte auch. Jetzt sofort. Es ist ja alles fertig. Aber er darf nicht, denn etwas ist dazwischengekommen. Sie haben ihn zurückgepfiffen - so, wie man ein Rennpferd, kurz bevor es loslegt, wieder aus der Startbox holt. Später, sagen die, die bestimmen. Und Roger Köppel sagt, dass es so schlimm auch wieder nicht sei, dass es auch sein Gutes habe.

Trotz allem.

Was ist passiert? Erst mal nichts Ungewöhnliches: Im Juni wechselte Roger Köppel, 36 Jahre alt, vom Züricher Tages-Anzeiger zur Weltwoche. Beim Tages-Anzeiger saß er, der als größtes Talent im Schweizer Journalismus gilt, in der Chefredaktion und machte die Wochenbeilage Das Magazin zu dem, was es ist: ein Heft mit hervorragenden Geschichten, geschrieben von ausgezeichneten Journalisten, verpackt in ein hoch gelobtes Layout. So ähnlich sollte er auch die stark angeschlagene Weltwoche verwandeln. Das hat Roger Köppel auch gemacht, und er wollte das Ergebnis jetzt, am 31. Januar, präsentieren. Ein halbes Jahr hat er an der neuen Weltwoche gearbeitet und währenddessen die alte Weltwoche herausgebracht. Ein halbes Jahr war er Entwickler und zugleich Chef. Aber dann, Ende Dezember, kaufte das Verlagshaus Ringier die Jean Frey AG, der die Weltwoche gehört, und der Starttermin wurde verschoben. Wie es heißt, auf unbekannte Zeit. Das heißt meist nichts Gutes.

Mitte Januar im Büro von Roger Köppel. Zürich, Industriegebiet, Förrlibuckstraße 10, fünfter Stock. Irgendwo in diesem Raum liegt die neue Weltwoche, man könnte sie, rein theoretisch, schon sehen, darin herumblättern, Geschichten lesen. Theoretisch ja. Und dann sieht es fast so aus, als wolle Köppel aufstehen, eine Schublade aufziehen und sie rausholen.

Doch er besinnt sich eines Besseren. "Das kann zu diesem Zeitpunkt nur irreführend sein, sagt er und grinst wie ein Schuljunge, der weiß, dass er einen Spickzettel hat, auf dem alle Lösungen stehen. Es ist alles hier, hier in diesem Raum, fix und fertig. Aber, und jetzt ebbt seine Euphorie ein wenig ab, ich muss das natürlich erst noch einmal mit den neuen Besitzern diskutieren, die haben es ja noch nicht gesehen. Wenn ich das jetzt jemandem zeigen würde, wäre das schon sehr delikat.

Delikat ist die ganze Situation. Da tritt einer an, um ein Traditionsblatt zu retten, aber seit er es versucht, bekommt er es von allen Seiten. In der Branche spricht man davon, dass nackte Angst in der Redaktion umgehe, seit Köppel und sein Co-Chefredakteur Kenneth Angst die Leitung übernommen haben.

Kollegen nennen die beiden hinter vorgehaltener Hand Knüppel und Schiss.

 

Beliebt sein ist anders.

Als Köppel anfing, hielt er eine kurze Ansprache. Wenn alles gut wäre, wäre ich ja nicht hier, sagte er. Das kam nicht gut an. Köppel lehnte es ab, Gespräche mit der Redaktion zu führen - stattdessen sagte er in einem Interview, dass die Weltwoche nicht wiederzuerkennen sein werde, wenn er sie sich vorgenommen habe. Ein etwas unglücklicher Satz, findet Köppel heute.

Das löste natürlich massive Verunsicherung aus. Aber die Weltwoche war so in Schwierigkeiten, da musste ich einen Schnitt machen. Ich will Leute um mich haben, die zeigen, dass sie was draufhaben.

Köppel selbst hat eine Menge drauf, seine Karriere verlief ohne Brüche, ohne Niederlagen. Mit 22, neben dem Studium der politischen Philosophie und der Wirtschaftsgeschichte, begann er in der Sportredaktion der Neuen Zürcher Zeitung, nach Abschluss des Studiums wechselte er 1994 zum Tages-Anzeiger, in den Kulturteil. Für Pop war er damals zuständig, obwohl er Jazz hört und lieber über Film geschrieben hätte. 1997 machte er dann Das Magazin, drei Jahre später wurde er stellvertretender Chefredakteur des Tages-Anzeigers.

Und dann durfte er über alles schreiben, und das tat er, und gar nicht schlecht. Er schrieb ein kluges Porträt über den Comiczeichner Stan Lee, er führte ein erstaunliches Interview mit Agnus Young, dem Chef der Hardrockband AC/DC, und zum Start des Films Star Wars I - The Phantom Menace flog er in die USA und beschrieb den Hype. In dem Text offenbarte er seine heimliche Sympathie für Darth Vader, einen Mann, den die dunkle Seite der Macht zum personifizierten Bösen gemacht hat, zu einem, den seine Untergebenen fürchten wie nichts sonst auf der Welt - einem, den die Position, die er hat, nicht anders handeln lässt. Mich fasziniert diese Tragik, behauptet Köppel. Die Verlockung der Macht, das entgrenzte Ego, das sich am Ende selbst zerstört.

Und dann sagt er, der jünger aussieht, als er ist, wieder mit einem schelmischen Lächeln: Ich kokettiere damit ja auch, mit dem Bad-Guy-Image.

Eigentlich müsste man, wenn ich in die Redaktion komme, den Darth-Vader-Marsch spielen. Allerdings könnte es passieren, dass in der Redaktion bald nur noch Köppel-Freunde sitzen, seit seinem Amtsantritt stellte er viele Weggefährten aus Magazin-Tagen ein und schmiss altgediente Redakteure raus, ein Entlassungsgespräch soll er mit den Worten begonnen haben: Bad news für dich. Die Stimmung in der Redaktion symbolisiert die Einladung zu einem Neujahrsumtrunk, die im Fahrstuhl hängt: Alle Mitarbeiter sind herzlich eingeladen. Vor Mitarbeiter hat jemand mit Kugelschreiber Noch- gekritzelt. Wir haben hier bei der Weltwoche eine existenzielle Notlage,betont Köppel. Damit meint er aber die wirtschaftliche Situation.

 

Der Weltwoche geht es schlecht. Die Anzeigen bleiben aus

von ehemals 110.000 Lesern vor sechs Jahren hat die Wochenzeitung gerade noch 84.000. Jährlich macht sie ein Minus von ungefähr fünf Millionen Euro. Dabei war das Traditionsblatt, 1933 als antifaschistische Zeitung gegründet und seitdem gerühmt als großartiges Autorenblatt, noch in den achtziger Jahren über jeden Zweifel erhaben. Wer an der Uni etwas gelten wollte, erzählt Köppel, musste die Weltwoche unter dem Arm tragen. Dann, Anfang der Neunziger, gingen viele gute Journalisten zum gerade neu gegründeten Magazin Facts, das sehr modern daherkam und bei dem man besser verdienen konnte. Die Weltwoche verlor an Einfluss und Prestige. Aber Roger Köppel glaubt nach wie vor an das Blatt, redet von dessen Spirit, und wenn er aufzählt, was für ihn die Weltwoche ist, dann entwirft er gleichzeitig sein Idealbild von einer guten Zeitung: Kein Imponierjournalismus, kein Marketingjournalismus, kein Tough-Guy-Journalismus. Sondern Qualität im angelsächsischen Sinne. Wie der New Yorker, wie der Economist. So was schwebt Köppel vor - dabei hätte er es auch einfacher haben können.

Der Tages-Anzeiger bot ihm an, in die USA zu gehen: erst nach Harvard, um noch einmal zu studieren, dann nach New York, als Wirtschaftskorrespondent.

Doch er lehnte ab. Als er den Tages-Anzeiger im Sommer verließ, bekam er als Abschiedsgeschenk eine ganze Zeitungsseite mit einem großem Foto von sich und einem langen Dankestext seines Chefs. Nachdem er aber die besten Leute vom Magazin abgeworben hat, schreibt der Tages-Anzeiger nichts Gutes mehr über Köppel und seine Arbeit. Von einem Rechtskurs ist mal die Rede, dann wieder von einem Zickzackkurs. Köppel winkt ab, für politische Rechts-links-Einordnungen ist er nicht zu haben - das sei ihm zu blöd. Den radikal-aufklärerischen Ansatz, den radikal-skeptischen Ansatz - das ist es, was ich spannend finde. Und dann schimpft er auf den Konsens in der Schweizer Medienszene, dass man in die EU müsse und jeder ein Reaktionär sei, der dagegen ist.

Köppel ist dagegen. Er ist auch gegen dieses ewige Gejammer über den Rechtspopulismus in Europa. Wo ist denn Haider? Wo ist denn die NPD? Wo ist Le Pen? Das ist doch journalistischer Alarmismus, wenn alle über einen Rechtsruck schreiben. Köppel lässt darüber nicht schreiben, und deshalb, so seine These, gelte er als Rechter. Außerdem, so ein weiterer Vorwurf, verweigere sich Köppel aktuellen Themen. Das ist doch Quatsch. Wir werden nur unsere eigenen Akzente setzen. Dann bringt er wieder sein Lieblingsbeispiel, den New Yorker, der ja schließlich auch eine beliebige Angelegenheit sei, der es aber schaffen würde, dass diese Beliebigkeit zwingend wirke. Kein Mensch unterhält sich andauernd über aktuelle Themen, sagt Köppel, der mit der neuen Weltwoche auch das Weltvertrauen seiner Leser stärken möchte und dazu sein zweitliebstes Beispiel heranzieht: So, wie es der Economist macht. Was Köppel nicht leiden kann, ist Weltuntergangsjournalismus. Den lehne ich ab.

Er lehnt vieles ab. Bleibt da Platz für eine Vision? Ach, man muss einfach ein interessantes Blatt machen, mit Leuten, die nicht langweilen. Viel mehr kann er dazu nicht sagen, und wenn man ihm vorwirft, er habe keine Entwürfe, keine Ideen, dann sieht er aus wie eine Mischung aus Kai Dieckmann, Frank Schirrmacher und Andi Möller. Wir erfinden das Rad nicht neu, sagt er und guckt wie einer, der immer falsch verstanden wird. Und vielleicht will er auch falsch verstanden werden, vielleicht ist er nur vorsichtig und will einfach nicht zu viel verraten. Einen seiner Grundsätze verrät er dann doch noch: Heute eine gute Zeitung, morgen eine bessere. Nur wann dieses Morgen sein wird? Roger Köppel weiß es noch nicht.