Astrid Lindgren lebt. Wer von ihren Büchern spricht, sagt immer ich. Als ich Pippi Langstrumpf las. Am liebsten mag ich den Michel. Ich wollte immer wie Ronja sein. Als müssten diese Kinder irgendwo im Familienalbum zu finden sein. Links neben dem Onkel und der Tante bei der Kommunionsfeier.

Vielleicht, weil sie uns in ihre Geschichten mitnahm, uns Namen wie Annika und Thomas oder Lillebror gab und in Landschaften führte, die wir uns immer gewünscht hatten. Oder, wie der Schriftsteller Henning Mankell vermutete, weil sie selbst mitten in ihren Geschichten lebt. "Wir sehen sie nicht, aber sie ist da. So nahe stehen all diese Gestalten ihr selber. Und genau deshalb erscheinen sie uns so lebendig." Das macht es so schwer, über ihren Tod wirklich traurig zu sein, sie lebt viel mehr, als sie jetzt tot ist.

Am 14. November 1907 wurde Astrid Ericsson auf dem Hof Näs bei Vimmerby geboren, sie war 94, als sie Montagmittag, am 28. Januar 2002, in Stockholm starb. Dazwischen lagen eine Kindheit, die sie nie vergaß und millionenfach zur Utopie machte, die Schwangerschaft einer 18-Jährigen und ihr Auszug aus dem Paradies, das Leben einer selbstbewussten jungen Frau, die 1931 heiratet, eine Tochter bekommt und 1944 als Hausfrau ihre ersten beiden Bücher schreibt: Britt-Mari erleichert ihr Herz und Pippi Langstrumpf. Aufstand, Idylle und trockener Humor, sie hat ihre Archetypen für Kinder geschaffen.

Vom Beginn einer neuen Kinderliteratur ist noch keine Rede. Die zweite Hälfte des Jahrhunderts wird ihr zu einer langen Liste von Buchtiteln, Auszeichnungen und politischen Aktionen, zu großen Büchern über den Tod. Die Nachrichtenagenturen melden Zahlen und Superlative: "Die mehr als 70 Kinderbücher, Drehbücher und Theaterstücke sind in 68 Sprachen übersetzt worden und in über 120 Millionen Exemplren in aller Welt verbreitet." Zahlen konnten Pippi L. nie beeindrucken. Der Welt populärster Schriftsteller: eine schwedische Frau.

"Es ist überhaupt nicht nötig, eigene Kinder zu haben, um Kinderbücher schreiben zu können. Man muss nur einfach selbst Kind gewesen sein - und sich daran erinnern, wie das war." Es ist eine ihrer bevorzugten Vereinfachungen, mit denen sie sich die Interpretationswut der Schriftgelehrten vom Leibe hielt. Das Kind in ihr hat viele Namen: Karlsson, Kalle, Madita, Eva-Lotta, Lisa, Lasse und Bosse, jedes Kind darf sich einen Namen aussuchen. Und dann liegt Småland in Bullerbü und Vimmerby in Lönneberga, Vorbild und Fantasie haben sich verdreht, das wahre Leben steht jetzt in den Büchern. Sie schreibt, wie ihre Eltern erzählen: Sie wiederholt, verbessert sich, schweift ab und vergisst, schmückt aus und verkürzt. Und erinnert sich dann: Ah, ja, hab ich doch glatt vergessen! Beim Vorlesen beweist sich der Autor als Erzähler. Später klingt vieles nach Poesie, ist unauffällig geschmückt oder gefühlvoll, aber immer selbstironisch und ohne Sentimentalität. Die Tränen und das Lachen sind Sache der Leser. Den Nobelpreis für Literatur hat Astrid Lindgren trotz massiver Fürbitten auch 2001 nicht bekommen, er wäre wohl mehr für das Genre Kinderbuch als für sie von Bedeutung gewesen. Solange sie schrieb - 1990 hörte sie damit auf -, waren ihr Kinder als Leser wichtig, sonst keiner. "Geborgenheit und Freiheit" wünschte sie sich für die größte Minderheit der Welt, in dieser dialektischen Kombination, nicht das eine ohne das andere. Das haben viele Kritiker und Anhänger ihrer Kinderfiguren falsch verstanden. Keine Idylle ohne Revolte, wenigstens am Morgen unseres Lebens.

Sie hat es geschafft.