Ist das Gepäck erst einmal verstaut, fügt sich die anfängliche Hektik in den noch relativ sanften Wiegerhythmus des schweren Passagierdampfers. Viele versinken erst einmal in einem Samtsessel am verglasten Innendeck, schmökern in einem Harry-Potter-Band oder spielen Canasta. Andere waten im Schutze ihrer Kapuzen durch die grünen Pfützen des verregneten Sonnendecks. Dort gebend die grauen Strahlen des Tageslichts einen etwas getrübten Blick auf die Prachtvillen der Hügelkette über Blankenese frei. Ganz egal, ob man die Attraktionen der insgesamt neun Schiffdecks erkundet oder sich im wohligen Nichtstun suhlt: Der Reisende wird schnell eine ungewohnte Lust an der Langsamkeit entdecken, die er im Flugzeug und auf der Autobahn auf der Strecke lässt.

Der Weg ist hier das Ziel und führt uns zunächst am Ufer der Elbe entlang. Anders als die Donau wird dieser Strom kaum in Volksliedern und Schlagern besungen. Eher noch schön als blau hat das matschgraue Gewässer gleichwohl seine Liebhaber. So wird der 38-jährige Andreas Neumeister auch bei strömenden Regen nicht müde, das Flussufer mit seinem Fernglas zu durchforsten. "Hamburger haben nun einmal solche Schrullen" rechtfertigt er die späte Erfüllung eines Herzenswunsches, mit seiner Frau Claudia gemeinsam den Elbstrich von Hamburg bis zum Meer hinunter zu schippern.

Nicht nur für dieses Ehepaar zählte die mehrfach umbenannte Englandfähre zum festen Inventar des Hamburger Hafens. Die Älteren kannten sie noch als "Prinz Hamlet", die ab 1969 regelmäßig Passagiere von Hamburg nach Harwich beförderte. Danach wurde die alte Fähre gegen die modernere "MS Hamburg" ausgewechselt, die zum Leidwesen vieler Hanseaten 1987 in "Admiral of Scandinavia" umgetauft wurde. "Man konnte schon fast die Uhr nach der Fähre stellen, wenn sie immer so gegen 13 Uhr wieder im Hafen einlief", berichtet die Hamburger Buchhändlerin Claudia Huber. Als sie von der Verlegung des Fährverkehrs nach Cuxhaven erfuhr, ergriff auch sie eine der letzten Gelegenheiten, an Bord des imposanten Fährschiffs zu gehen, dessen An- und Ablegemanöver sie schon so oft von der Terrasse ihrer Altonaer Stammkneipe aus beobachtet hatte.

Mehr als nur Transport

In der Tat hat die Meldung von der Stillegung der Strecke Hamburg-Harwich bei der Schiffskompanie DFDS einen kleinen Buchungs-Boom ausgelöst. Nicht nur den Hamburgern ist die beinahe legendäre Englandfähre ans Herz gewachsen. Wie so viele Norddeutsche will sich die Realschulrektorin Erika Jahnke aus Eutin im Rahmen der Drei-Tages-Kreuzfahrt persönlich von "ihrer Admiral" verabschieden. Da die Liebhaberin englischer Gartenkunst und Pflanzenkulturen Großbritannien am liebsten mit dem Auto bereist, war sie schon immer auf die Fähre angewiesen. Doch ging es ihr dabei nicht in erster Linie um ein günstiges Transportmittel. "Die beiden Tage auf der Fähre gehörten für mich zum Englandurlaub. Dieses wunderschöne Stück an der Elbe bis zum Meer, die Schiffsbegrüßung in Wedel, der Blick auf den Hamburger Michel, ja sogar das Dock der Reederei Bloom und Voss liegen mir am Herzen", schwärmt die 53-jährige. Um sich den Abschied zu versüßen, hat sie ihre letzte Überfahrt mit der "Admiral" mit allen Schikanen gebucht. In ihrer Luxussuite direkt über der Brücke genießt sie von der verglasten Vorderfront aus einen wehmütigen, aber exklusiven Blick auf die Strecke, die ihr in über 15 Jahren ans Herz gewachsen ist.

Wem Streifzüge über die Außendecks, Tanzprogramm und Bingo auch bei Windstärke acht noch zu langweilig sind, findet spätestens beim Landausflug nach Colchester am Nachmittag des zweiten Reisetages Zerstreuung. Allerdings sollte man eine große Portion Sympathie für das Land der Briten mitbringen, um den Bummel durch das mittelalterliche Städtchen in der ostenglischen Grafschaft Essex genießen zu können. Dazu gehört neben der stoischen Toleranz beständiger Regenfälle und gesalzener Preise auch eine Vorliebe für die Details englischer Backsteinhäuser und Passagenarchitektur. Dank der liebevollen Aufbereitung altehrwürdiger Historie durch Zeichentrick und Kinder-Ritterrüstungen lohnt ein Besuch im Schloß der ältesten Stadt Großbritanniens vor allem auch für Familien. Beim anschließenden Spaziergang durch den Schlosspark muss man sich jedoch beeilen, um den Bus zur Fähre nicht zu verpassen. Auch wenn Colchester ein kleines und nicht unbedingt spektakuläres Städtchen ist, sind zwei Stunden Aufenthalt knapp bemessen.

Die Verlängerung des Landaufenthalts ist eines der zentralen Argumente für die Verlagerung der Fähre nach Cuxhaven. Insbesondere Reisenden mit PKW dürfte die frühere Ankunftszeit in England entgegenkommen. Die Hauptgründe für den Abbau der Rampe am Fährterminal Altona sind jedoch wirtschaftlicher Natur: "Gelohnt hat sich die Strecke Hamburg-Harwich nur in ganz wenigen Jahren", rechtfertigt Kapitän Günther Kullack den Umzug der Fähre, die er rund 2200 mal von Hamburg nach Harwich gesteuert hat. Von der Kostenersparnis durch die Verkürzung der Fahrtstrecke profitiert auch der Kunde, der rund 10 Prozent weniger für die Überfahrt nach England bezahlen muss. Der Preis für die Mini-Kreuzfahrten bleibt jedoch bei einer Abfahrt ab Cuxhaven fast identisch (ab 80 Euro).