Damit finden sich die Sekretärinnen plötzlich mitten im politischen Teil der Enron-Affäre wieder. Denn Schumer ist im Hauptberuf Senator im Kongress in Washington. Das Geld hat er einst von Enron erhalten, eine politische Spende. Inzwischen klingt "Spende" wie "Bestechung", und Herr Schumer ist kein Einzelfall. Houstons Enron-Initiativen werden seit Tagen überhäuft mit Spendendollars aus Washington. Immerhin waren die Hälfte aller Abgeordneten und 71 von 100 Senatoren Nutznießer von Enrons politischer Landschaftspflege. Insgesamt sechs Millionen Dollar brachte Enron Volksvertretern dar, drei Viertel den Republikanern. Das ist nur der bekannte Teil der Spenden. Vergangene Woche musste Enron einräumen, der Etat seiner 100 Lobbyisten in Washington sei doppelt so groß gewesen wie angegeben.

Wie in Deutschland aus der CDU-Spendenaffäre bekannt, bezeichnen Unternehmer die Zahlungen an ihre Lieblingspolitiker gern als Opfergabe an die Demokratie. Im Falle Enrons handelt es sich um ein ganzes Bouquet von guten Gaben, verteilt nach dem System Lay. Der Chef selbst hat es entworfen und verfeinert.

Seine erste Lektion über den Nexus von Unternehmenswelt und Politik lernt Lay vor 30 Jahren, als er bei der Ölfirma Exxon beschäftigt ist und ein Angebot bekommt, zur staatlichen Energieaufsicht zu wechseln. Er ist unsicher. Da nimmt sein väterlicher Freund das Telefon, ruft den Exxon-Chef an und sagt ihm, wie vorteilhaft es sei, wenn ein Exxon-Mann künftig in der Aufsichtsbehörde arbeite. Lay versteht, er begreift Wirtschaftspolitik fortan als einen Austausch von Gefälligkeiten.

Seine Manager fordert er auf, viel an die Politik zu spenden: Das sei gut für die Deregulierung und damit gut für Enron. Sein Energieimperium kann nur entstehen, wenn die öffentlichen Strom- und Gasversorger ihre Monopole verlieren. In einer Kongressanhörung wirbt Kenneth Lay 1996: "Folgen Sie Enron, und wir werden ein neues Zeitalter der Produktivität und der Kreativität entfesseln!" Er gibt sich als glühender Anhänger des freien Marktes. Dabei will er nur freie Bahn - für Enron. Sein Team setzt in mehreren Staaten die Aufsichtsbehörde unter Druck, bietet Rechtsanwälte auf, verteilt in der Bevölkerung Coupons für Gratisstrom. Als Enron über den Ozean expandiert, geht der Konzern mit den gleichen Methoden vor. Aus Ländern der Dritten Welt häufen sich erboste Berichte, dass sogar die US-Botschaften und Abgesandte aus Washington im Dienste Enrons örtliche Politiker unter Druck setzen.

Die Botschaft von der Deregulierung fällt auf fruchtbaren Boden. Es sind die goldenen Neunziger, Regierung ist out, Privatisierung gilt als Patentlösung für alle möglichen Probleme. Der Staat zieht sich zurück, Enron stößt in die Lücke.

Im vergangenen Jahr, bei der Amtseinführung von George W. Bush, darf Kenneth Lay sich am Ziel wähnen. Denn niemand hat stärker in die politische Karriere des neuen Präsidenten investiert als Lay, knapp 600 000 Dollar. Mit Bush sind die Texas Boys an der Macht; die meisten haben schon einen Scheck von Lay erhalten. Den schönsten Erfolg seiner Laufbahn als zahlender Mentor erzielt er nach der Amtseinführung, als er Regierungspersonal erwählen kann für seinen Freund George W. Bush. Lay selbst lädt vier Bewerber für den Job eines Chefs der Energieaufsichtsbehörde zum Vorstellungsgespräch ein; er darf jenen Mann aussuchen helfen, der ihn, Lay, später kontrollieren sollte. Wer diese politische Obszönität angeordnet hat, wird noch ermittelt.

George W. Bush ist durch diese Liaison in erhebliche Gefahr geraten. Leicht kann er dastehen als Marionette der Energieindustrie, als Freund und Günstling eines aufschneiderischen, gescheiterten, womöglich kriminellen Konzernchefs. Ob Enron gar die Feder geführt hat, als Bushs neue Energiepolitik entworfen wurde, ist deshalb in Washington die Frage dieser Tage. Sechsmal hat Vizepräsident Dick Cheney als Chef der Energie-Task-Force mit Enron-Emissären beraten, darunter einmal mit Kenneth Lay. Was mit wem besprochen wurde, will Cheney nicht öffentlich machen. Vergangene Woche hat der unabhängige Chefermittler des Kongresses angekündigt, Cheney auf Veröffentlichung zu verklagen. Es wäre das erste Verfahren dieser Art in der Geschichte - es trüge die Enron-Affäre endgültig ins Weiße Haus.