Wie wichtig kann Unwichtiges sein, wie bedeutsam Banales? Erschließt sich der Wahnsinn des Ganzen am besten in der Normalität des Details? Jedenfalls manchmal. Als in den letzten Apriltagen des Jahres 1945 auch den Eingeschlossenen im Führerbunker dämmerte, wie nahe das Ende war, geschah - welch Bild des Zusammenbruchs - Unvorstellbares: "Man hat sogar begonnen, in Hitlers Gegenwart zu rauchen."

Ein Schlüsselsatz in der Erzählung vom ganz gewöhnlichen Bösen. Die Erinnerungen von Traudl Junge, der 81 Jahre alten Dame in München, die von Ende 1942 bis April 1945 Privatsekretärin Adolf Hitlers war, enthält eine Menge solcher Schlüsselsätze, alle dokumentiert in dem Interviewfilm von André Heller und Othmar Schmiderer (Im toten Winkel), der am 10. Februar im Rahmen der Berlinale erstmals gezeigt wird. Darunter ist beispielsweise Traudl Junges lakonischer Rückblick auf "das kindische junge Ding", das es nicht besser wusste, als es seinerzeit voller Begeisterung in den Dienst des Diktators trat: "Es ist ja nicht so, dass alle außer mir erkannt haben, was das für ein Verbrecher war." Und die Erinnerung, dass am Esstisch des Führers über manches nie gesprochen wurde: "Das Wort Jude ist praktisch nie gefallen." Schließlich die Beschreibung der Stimmung im Bunker nach dem Selbstmord des Mörders: "Wir hatten alle das Gift in der Tasche und sonst gar nichts."

Neunzig Minuten Erzählungen aus dem einzigartigen Reich des Bösen, genauer: aus dem Vorzimmer des Massenmörders, des "gemütlichen, älteren Herrn mit leiser Stimme", der ihr, der jungen Frau, eine "Art von väterlicher Zuwendung" gab, die sie, die vaterlos Aufgewachsene, vermisst hatte. Die Erzählerin versucht denn auch gar nicht, sich hinterher schöner machen. Nein, sie war leider überhaupt nicht skeptisch. Im Gegenteil: "Mir hat es gefallen, das muss ich ehrlich zugeben."

Wie konnte ich nur?

Traudl Junge hatte alles schon früh aufgeschrieben, 1947, als die Erinnerung noch frisch und das Gewissen nach wie vor nicht erwacht, kritisch oder gar anklagend war. Flüssig und informativ geschrieben - dass sie später Journalistin wurde, kann man verstehen -, ist es doch auch ein Dokument verfestigter Unbefangenheit. Mehr als fünf Jahrzehnte war es weggeschlossen, auch von ihr selbst beinahe vergessen. Es gab Gründe genug dafür: keine öffentliche Nachfrage, der eigene Wunsch zu verdrängen, brennende Existenzsorgen. Als Traudl Junge den Text vor wenigen Jahren dann doch wieder zur Hand nahm, war sie nach der Lektüre erschüttert. Die Kritiklosigkeit, die Ahnungslosigkeit, die Naivität. Wie konnte ich nur?

Jetzt erscheinen diese Aufzeichnungen doch noch (Bis zur letzten Stunde. Hitlers Sekretärin erzählt ihr Leben, 272 S., 19,- €, Claasen Verlag), mit einfühlsamen Erläuterungen von Melissa Müller. Die in München lebende Wiener Publizistin hatte mit ihrem Anne-Frank-Buch (Das Mädchen Anne Frank, Claasen, 1998) Aufmerksamkeit erregt; dieses Werk hatte Traudl Junge inspiriert, mit ihr Kontakt aufzunehmen. Melissa Müller wiederum stellte den Kontakt zu Heller her (der seinerseits der kulturbeflissenen Frau Junge als Künstler schon lange ein Begriff war).

Inzwischen hatte Traudl Junge bereits eine gewisse Routine als Auskunftsperson. Von der Zeit bei Hitler hat sie, seit das öffentliche Interesse an der Nazivergangenheit gewachsen ist, schon öfter berichtet, nicht so umfassend wie jetzt, aber immer wieder. Historiker haben sie besucht und der unvermeidliche Guido Knopp mit Kamerateam natürlich auch. Aber man hört ihr nicht zu, weil sie vielleicht den Text perfekt einstudiert hätte oder weil ihr Gegenstand bizarr genug ist. Traudl Junge spielt nicht die alte, geläuterte Helferin des Satans. Die Frau ist echt, in ihrer Objektivität, in ihrer Selbstkritik und in ihrer Schlichtheit. Sie ist einfach eine begabte Erzählerin. Neunzig Minuten allein auf der Leinwand oder auf dem Bildschirm, und keine Minute langweilig, das ist eine Leistung. Sie wirkt authentisch, glaubwürdig, selbstsicher. Hellers Art, ihr Vertrauen zu gewinnen, wird dazu beigetragen haben. Ihr eigener Wunsch aber, endlich einen Strich unter ihre Geschichte zu ziehen, war zweifellos ausschlaggebend.

Wann und wie kam die Einsicht in den verbrecherischen Gesamtzusammenhang, dem sie mit Eifer gedient hatte? Und wann der Wunsch, daraus Konsequenzen zu ziehen? Erste Ahnungen, das wird im Film deutlicher als im Buch, stellten sich zwar schon in den letzten Wochen im Führerbunker ein. Als Hitler ihr, kurz vor dem Selbstmord, sein "politisches Testament" diktierte, war Traudl Junge in Erwartung einer großen Bilanz doch erstaunt über das, was da kam: "Die alten Phrasen, die Juden sind schuld." Und schon kurz nach Kriegsende sah sie den Kontrast zwischen Hitlers Lügen und der Wirklichkeit: "Die Welt war ganz anders."