Manche Schriftsteller ernähren sich vom Unglück, andere von der Hoffnung

Michel Houellebecq ernährt sich von der Kränkung. Provokation wäre ein viel zu technisches, von den Avantgarden des letzten Jahrhunderts verharmlostes Wort für das, was dieses Genie der Bosheit tut. Es sind Ritualmorde am gesellschaftlichen Konsens. Nachdem er den Mythos der 68er, die sexuelle und die soziale Emanzipation denunziert hat (Elementarteilchen) und den Mord als Ausweg aus der Entfremdung im Spätkapitalismus empfohlen (Ausweitung der Kampfzone), mithin das ganze linke Projekt der Moderne erfolgreich abgewickelt hat, ist er nun zum Sextourismus und zu den Muslimen fortgeschritten. Plattform, eben auf Deutsch erschienen, hat in Frankreich zu wütenden Protesten von Touristikern und muslimischen Gemeinden geführt, die einen Prozess wegen Verunglimpfung anstrengten.

Nicht etwa, dass Houellebecq den Sextourismus für verwerflich hielte. "Diese kleinen Thai-Nutten sind ein wahrer Segen, sagte ich mir

wirklich ein Geschenk des Himmels." Es ist vielmehr gerade sein überschwängliches Lob der Fremdenverkehrsindustrie für ihre geschickte Organisation der Zuhälterei, die den Reiseveranstaltern zu schaffen macht (sie werden namentlich genannt).

Auch der Islam verfällt vor allem wegen seiner gewalttätigen Prüderie dem Hass des Erzählers. Das Massaker, das die bösen Fundamentalisten in dem Buch veranstalten, gilt nämlich den netten Sextouristen

dabei töten sie die Freundin des Helden. "Der Islam hatte mein Leben zerstört, und der Islam war sicherlich etwas, was ich hassen konnte

in den folgenden Tagen bemühte ich mich, die Muslime zu hassen. Es gelang mir ganz gut, und ich begann wieder die Nachrichten aus aller Welt zu verfolgen. Jedesmal wenn ich erfuhr, daß ein palästinensischer Terrorist, ein palästinensisches Kind oder eine schwangere Palästinenserin im Gazastreifen erschossen worden war, durchzuckte mich ein Schauder der Begeisterung bei dem Gedanken, daß es einen Muslim weniger gab. Ja, man konnte auf diese Weise leben."

Der Hass als Überlebensmittel

Houellebecq ist ein Trüffelschwein für Verletzungspotenziale. Der zitierte Passus, auch wenn er literarisch als Rollenprosa eines erschütterten Helden plausibel und banal sein mag, ist doch geeignet, nicht nur die islamische Welt, sondern mehr noch das humane Selbstverständnis des Westens im Kern zu treffen. Die Empfehlung von Hass als Überlebensmittel reißt mit einem Schlag nieder, was die Friedensforschung in Jahrzehnten aufgebaut hat. Die aufsteigende Folge vom Terroristen über das Kind zur Schwangeren muss selbst jene empören, die den Terror ablehnen. Schließlich: die Hochrechnung von einem islamistischen Attentat auf den Islam als solchen. Sie zerstört die multikulturelle Übereinkunft, wonach Verbrechen individuell sind und keiner kollektiven Identität zugerechnet werden dürfen.

Der Überkick aber besteht in dem Kontext. Die Motivation des Attentats bringt alle jene ins Schwitzen, die ihrerseits gegen den Sextourismus kämpfen.

Müssen sie nun mit dem islamischen Radikalismus sympathisieren? Oder bekommen sie in den Terroristen die Fratze ihres eigenen moralischen Fanatismus vorgeführt? Die Strategie Houellebecqs zielt stets auf die Widersprüche des zeitgenössischen Weltbildes, sozusagen unter die Gürtellinie des reflektierten Bewusstseins.

Manches spricht dafür, dass auch die französischen Muslime weniger gekränkt wurden durch seine Islam-Beschimpfung und die Blasphemien, die er noch hinzusetzt, als durch kleine Bosheiten, die für sich nicht justiziabel sind, aber in hohem Maße ehrverletzend. So grübelt der Held beispielsweise, ob er arabische Frauen anziehend findet, um dann schließlich - aber nur der Gerechtigkeit halber! - zuzugeben: "Vom Kopf her gelang es mir, eine gewisse Anziehung für die Scheide muslimischer Frauen zu empfinden."

Die Perfidie dieser und anderer Stellen liegt nicht im Literarischen.

Ästhetisch ist der Roman eher ungelenk. Das Ausgeklügelte, auch wirklich Intelligente zielt vielmehr auf eine Wirkung außerhalb des Romans. Das wahre Kunstwerk, darin einer Performance verwandt, besteht in der öffentlichen Rezeption. Die Bücher sind nur das fast achtlos gehandhabte Medium, mit dessen Hilfe der Autor als Person auftritt. Darum haben die Leser ihr Augenmerk von der ersten Veröffentlichung an geradezu hysterisch auf den Menschen Houellebecq gerichtet, der alle Wundmale vorführen kann, die auch seine Romanfiguren von der Gesellschaft empfangen haben.

So könnte man das Spiel beschreiben. Es fragt sich allerdings, ob der Autor damit tatsächlich aus dem Roman herausgetreten ist

oder ob er nicht vielmehr umgekehrt seine Leser in den Raum der Literatur verschleppt hat. Schon die Stereotype, mit denen der Autor beschrieben und porträtiert wird, verraten nämlich ein literarisches Muster: die kettenrauchende Magerkeit, das Fahrige und Traurige, die bestürzende Ähnlichkeit Houllebecqs mit den Verlierergestalten seiner Romane.

"Mit seinen feinen und weiblichen Händen rollte er Zigaretten, die er, zwischen seinen dünnen Fingern in der Mitte kaum eingekniffen, lebhaft anzündete

er zog den Rauch tief ein und wiegte sich, seine mageren Schenkel eng übereinandergeschlagen, in seinem Sessel, der in der Luft hängende Schuh schlug vor Ungeduld ins Leere."

Der moderne Feind der Moderne

Das allerdings ist keine Beschreibung Houellebecqs. Es ist Paul Valérys Beschreibung eines französischen Skandalschriftstellers hundert Jahre vor Houellebecq. Joris-Karl Huysmans war der meistzitierte und meistgefürchtete Dichter des Fin de Siècle. Wie Houellebecq artikulierte er einen Hass auf seine Gegenwart, die alles zuvor Bekannte in den Schatten stellte. Wie Houellebecq sah er den Menschen von Fortschritt zu Fortschritt jämmerlicher, ärmer und kleiner werden. Er sah das Kapital sich verzinsen, die Seele verhungern und den Warenverkehr zum Muster allen menschlichen Austauschs werden. Huysmans war, Baudelaire in seinen Ressentiments weit übertreffend, der erste moderne Feind der Moderne.

Am Ende wurde er katholisch. Davon ist Houellebecq noch entfernt

aber nicht weit. Schon spricht er vom Glauben, der logisch den einzigen Ausweg biete. Er sei sich "der Notwendigkeit einer religiösen Dimension schmerzlich bewusst", hat er in einem Gespräch einmal gesagt. Diese Tradition der Antimoderne, in Frankreich nie völlig erloschen, von Céline und Cioran an die Gegenwart weitergereicht, ist die literarische Tradition, in die sich Houellebecq mit seinen Lesern stellt.

Zu ihr gehören die Rituale der Jämmerlichkeit und des hochfahrenden Trotzes, der Rechtfertigung des Hasses aus dem demonstrierten Leiden. Auch Huysmans war, sozial gesehen, eine Verlierergestalt, wie Houellebecq sie vorführt. Der Mann, der den Naturalismus beerdigte, die literarische Décadence begründete und die Epochenfigur des amoralischen Ästheten erfand (À Rebours, 1884), lebte als kleiner, schlecht bezahlter Beamter des Innenministeriums in Paris.

Auch er war voller Ressentiments, unermüdlich beschäftigt, seine Zeitgenossen zu kränken, "ein großer Schöpfer von Abscheu, empfänglich für das Schlimmste, dürstend nur nach dem Übermäßigen, unglaublich leichtgläubig, mit Leichtigkeit allen Scheußlichkeiten zugänglich, die man sich bei menschlichen Wesen vorstellen kann" (Valéry).

Wie Houellebecq schuf Huysmans ein Universum literarischer Doppelgänger, die ihrer Misere im sexuellen Exzess, in Gewalt und Okkultismus zu entkommen suchen oder einfach still zugrunde gehen wollen. "Während er langsam den Weg zu seinem Heim einschlug, übersah er mit einem einzigen Blick die ganze trostlose Ödnis seines Lebens, die ganze Nutzlosigkeit all seiner Bestrebungen. Man musste sich eben stromabwärts treiben lassen! Schopenhauer hat Recht: das Leben eines Menschen schwankt wie ein Perpendikel zwischen Schmerz und Langeweile. Da bleibt einem nichts anderes übrig, als die Arme zu verschränken und zu versuchen einzuschlafen."

Schopenhauer! Auch dies ein Gott für Huysmans wie für Houllebecq. Mit dem Zitat verabschiedet sich der kleine Ministerialbeamte Folantin aus Huysmans' Roman, der stromabwärts führt und Stromabwärts (À Vau-l'Eau, 1882) heißt. Es ist der gleiche kleine Bürokrat, den wir aus den Büchern Houellebecqs kennen und der uns in der Plattform wiederbegegnet. Dort lauten die Abschiedsworte: "Jetzt habe ich den Tod verstanden

ich glaube nicht, dass er mir sehr wehtun wird. Ich habe den Hass, die Verachtung, den Verfall und verschiedene andere Dinge kennengelernt

ich habe sogar kurze Momente der Liebe kennengelernt.

Nichts von mir wird überleben, und ich verdiene auch nicht, dass mich etwas überlebt

ich bin mein ganzes Leben lang in jeder Hinsicht ein mittelmäßiger Mensch gewesen."

Die Figur, die sich hier stromabwärts treiben lässt, hat allerdings anders als Folantin einen bedeutenden Schicksalsschlag hinter sich. Das unterscheidet Houellebecq von Huysmans, dass er in seine Bücher doch noch plausible Motive einbaut und damit, trotz aller Meisterschaft im Kränken, auf die letzte Kränkung verzichtet: die verweigerte Antwort. Houellebecqs Helden sind eher überdeterminiert

und im Determinismus liegt vielleicht sein eigentlicher Pessimismus. Genialität und Bosheit Huysmans' bestand dagegen gerade darin, dass seine Helden ganz ohne Schicksalsschlag, nur so in sich zugrunde gehen

sie faulen einfach ab.

Das Einverständnis mit dem Untergang

Der Meister und sein Epigone treffen sich aber in einer entscheidenden Figur der Antimoderne, die am wildesten vielleicht Céline formuliert hat: Es ist die Figur des schadenfrohen Einverständnisses mit dem eigenen Untergang. Das trennt sie, bei aller Kapitalismuskritik, von der Linken, dass sie an eine Besserung durch Reform oder Revolution nicht glauben. Huysmans hat die Naturalisten für ihren Humanismus und ihre pädagogische Sozialkritik verachtet wie Houellebecq die 68er-Generation. Der Mensch, obwohl stigmatisiert von der Gesellschaft, scheint ihnen nicht besser als diese. Die Schuld lässt sich nicht an anonyme Strukturen delegieren

"Ich habe große Zweifel", sagt der Tourismusmanager in Plattform, "ob die Welt, die wir erschaffen, die richtige ist". Er erschafft sie dann aber doch.

Am Ende von Huysmans' düsterstem Roman, Là-bas (Tief unten, 1891), der durch alle Höllen schmutziger Erotik, von mittelalterlichem Sadismus zu modernem Satanismus, führt, bösartiger noch als Elementarteilchen, fragen sich die dauernd diskutierenden Helden, was denn von den künftigen Menschen zu erwarten sei: "Sie werden es machen wie ihre Väter, wie ihre Mütter ... Sie werden sich die Därme füllen und die Seele ausleeren durch den Unterleib!"

Es ist dieser eine große Jammer über die moderne Ortlosigkeit der Seele, ihren ungestillten und unstillbaren Hunger, der Houellebecq und Huysmans nicht zu vollendeten Zynikern macht (übrigens auch nicht zu Faschisten, wie die gekränkte Linke gern behauptet). "Ohne Liebe kann nichts geheiligt werden", heißt es an einer Stelle unvermittelt in Plattform. Man muss Houellebecq nicht mögen, man kann ihn sogar ablehnen wegen seiner hasserfüllten Affirmation des Hasses und wird sich doch beklommen fragen, was unsere Zeit prädestiniert für diese bittere Wiederkehr der Seelenklage des Fin de Siècle. Ob es nicht am Ende die Abschaffung des Menschen durch den Fortschritt ist, die Huysmans dunkel ahnte und die nun, hundert Jahre später, wirklich droht, wie es Houellebecq in den Elementarteilchen prophezeit.

Die Worte, die Paul Valéry seinem Freund Huysmans nachgerufen hat, können auch für Michel Houellebecq gelten: "Selbst wenn das Werk barbarisch scheint, geschmackvolle Leute abstößt, die Vernünftigen reizt und Verheißungen des Todes in sich trägt, die Gewissheit, dass man es wegen seiner Sonderlichkeit fallen lassen wird, so bleibt es ein eigenwilliges Werk, es war ein Ereignis in der Welt der Literatur." Siehe auch Reisen, Seite 61

Michel Houellebecq: Plattform

Roman

aus dem Französischen von Uli Wittmann

DuMont Literaturverlag, Köln 2002

370 S., 24,- e