Alt, laut und stark

Der Blues ist, wenn Kinderlähmung deine Finger eingefroren und deine Beine zu nutzlosen Stumpen gemacht hat, und du sitzt in einem Rollstuhl und presst ein Buttermesser gegen die Saiten einer taubenblauen Ephiphone-Gitarre. CeDell Davis, den Polio im Alter von zehn Jahren zu einer kümmerlichen Figur verbogen hat, ist gefangen im Blues.

Der Blues ist, wenn du weder schreiben noch lesen kannst, ein Kran deine Hüfte zerschmettert hat, und nach fünf gescheiterten Ehen begegnest du der Frau deiner Träume, die im Morgengrauen einen Herzinfarkt erleidet und in deinen Armen stirbt. James Ford, genannt T-Model, der sein Sugarbaby nicht vergessen kann, ist verheiratet mit dem Blues.

Der Blues ist, wenn deine Mutter dich als Säugling bei Fremden zurücklässt und 17 Jahre nicht wieder auftaucht, und dein berühmter Vater, der Muddy Waters inspiriert hat, betrügt dich später um dein Geld und nennt dich hinter deinem Rücken einen Stümper am Schlagzeug. Sam Carr, unehelicher Sohn von Robert Nighthawk, hat den Blues geerbt.

Der Blues handelt von Menschen, sagt CeDell Davis mit tiefer, schnarrender Stimme, die seinen Liedern eine Aura von Trübsal und Trotz verleiht, der Blues erzählt eine Geschichte von Frauen, Männern, Zügen, Bussen, Autos, Straßen und harter Arbeit. Aber am meisten erzählt er von etwas, das du nie gehabt oder verloren hast.

Die Luft in Pine Bluff, Arkansas, ist geschwängert von den Emissionen der Papierfabriken. Davis' Pflegerin war seit zwei Tagen nicht mehr da, die Air-Condition funktioniert schon länger nicht mehr. Jedes von Davis' Manövern in seinem elektrischen Rollstuhl ist ein mühsamer Balanceakt. Gezwängt in zehn Quadratmeter Wohnzimmer: eine braune Polstergarnitur, ein Regal, ein Kühlschrank, darauf ein Mikrowellenherd, eine Kommode wird geschmückt von zwei Porzellanelefanten, an der Wand ein Spiegel, eine Uhr. Schweiß rinnt über Davis' müdes Gesicht, tropft auf die schmale Brust, im Aschenbecher qualmt eine Zigarette. Ich lebe in meiner eigenen Welt, sagt er, ich vermisse das Gefühl, Gebrauch von mir machen zu können, jagen, fischen, herumlaufen, das sind alles Mysterien für mich.

Davis' Haus liegt am Ende einer schmalen Straße hinter den Bahngleisen

vor einigen Monaten hat ein Tornado das Dach abgedeckt, doch er zahlt nur 250 Dollar Miete im Monat, und hier muss er keine Angst haben vor Einbrüchen wie im Stadtzentrum, wo er zuvor wohnte. Auf einem tonlosen Fernseher wirbeln Stepptänzer, und Davis müht sich vergebens, zwischen Plastikblumen und Stapeln von Papier und Post einen Brief seines Plattenproduzenten zu finden.

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Davis ist 73, und das wenige, das er kontrollieren kann, entgleitet ihm zuletzt immer mehr. Wie diese treulose Frau, 30 Jahre jünger, die sich hat scheiden lassen, als seine Ersparnisse verbraucht waren, und die ihm nichts gegeben hat, keine Befriedigung, Sie verstehen, was ich meine?. Und dann jammert wieder die Gitarre, und Davis' Refrain dröhnt hinaus auf die einsame Straße.

Gewalt und Armut an der Quelle des Blues machen fassungslos

Pine Bluff liegt am westlichen Rand des Mississippi-Deltas, eines unförmigen geografischen Dreiecks, 200 Meilen lang, das sich zu beiden Seiten vom Ol' Man River, von Memphis bis Vicksburg, erstreckt. Der Mississippi hat diese Gegend von jeher geprägt und mit seinen Überschwemmungen in einen der fruchtbarsten Böden der Welt verwandelt. Abgerungen wurde er der Natur unter unmenschlichem Einsatz. Das Delta ist ein Synonym für Not und Elend, Blut, Schweiß und Tränen. Schon der spanische Eroberer Hernando de Soto wurde mit seinen Männern von der grünen, dampfenden Vegetation um den Mississippi herum verschluckt, verdaut und ausgespuckt. Erst Hunderttausende schwarzer Sklaven haben unter den Schlägen ihrer berittenen Aufseher das Dickicht Schritt für Schritt gerodet und so in der sengenden Hitze des Südens die grandiose Monotonie der Baumwollfelder geschaffen. Und dieses Land dabei hassen gelernt.

Das Delta und vor allem der Bundesstaat Mississippi ist für viele Amerikaner immer noch eine schwärende Wunde

einst Schauplatz von bestialischer Ausbeutung, Rassismus und Lynchjustiz. Es ist bis heute der ärmste Landstrich der USA geblieben. Nirgendwo sonst findet man mehr Menschen, die in sozialer Verelendung und materieller Entbehrung leben wie Davis

die sich als Hilfsarbeiter zum Invaliden malochten und dabei dem Alkohol verfielen wie Ford, der sagt: Wenn ich trinke, bin ich ein böser Mann. Wer immer ungerecht behandelt wird, kann kein guter Mensch werden. Und wo sonst trifft man auf Schicksale wie das Carrs, der bei mittellosen Farmern groß wurde, so genannten sharecroppers, die für drei Dollar Tageslohn von frühmorgens bis zum Sonnenuntergang schufteten? 15 Stunden hinter einem Maultier hergehen, Prügel, Demütigungen - es war die Hölle.

Als Kind hat Carr bei anderen Jungs betteln müssen, um an ihrer Bonbonstange lutschen zu dürfen, mit 75 sitzt er immer noch täglich auf dem Traktor, trotz eines Schlaganfalls, der Kopfschmerzen und Lähmungserscheinungen zurückgelassen hat. Ein Teil des Gehirns, sagt er lapidar, ist komisch geworden. Gegen seinen geblähten Bauch hat kein Arzt ein Rezept.

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Das meiste, worüber man singt, ist Leid, murmelt Paul Jones, 55, der in Belzoni, einer der vielen Kleinstädte, die wie Inseln zwischen den endlosen Feldern des Mississippi-Deltas liegen, gedankenverloren vor einem heruntergekommenen Gemischtwarenladen sitzt und seine Gitarre zupft. Jones ist auf einer Baumwollplantage aufgewachsen und hat später Schweißer gelernt.

30 Jahre Funkenregen und gleißendes Licht haben seine Augen ruiniert, doch wenn er sich abends auf den Weg macht für eine Flasche Wild Irish Rose, Fusel zu zwei Dollar die Pulle, wird ihm das nicht zum Verhängnis. Er kennt jeden Winkel von Belzoni von Kindesbeinen an, wie sich auch die Lieder seiner Eltern und Verwandten unauslöschlich ins Gedächtnis gegraben haben.

Wie überall im Delta wurden sie auch in Belzoni früher gespielt und gesungen auf morschen Veranden, in primitiven Hütten und jukejoints, den armseligen Musikklubs der Schwarzen im vergessenen Herzen des amerikanischen Südens. So wurde die Musik von Generation zu Generation weitergegeben. Der Blues ist das einzige Erbe der Schwarzen in einer Gegend, deren Gewalttätigkeit und Obskurität einen mitunter fassungslos zurücklässt. Der Musiker Frank Frost etwa, dessen Namen man in jeder Enzyklopädie des Blues findet, endete als Säufer und Hausmeister in einer Schule in Lula, Mississippi. Auf Jones wurde in einem jukejoint namens Sylvester's geschossen, während er auf der Bühne spielte

seine Schwester starb im selben Lokal, als eine eifersüchtige Frau versehentlich auf sie feuerte. Ich glaube an Gott, sagt Jones, aber der Teufel hat auch große Macht.

74 Meilen südlich von Memphis treffen sich die Highways 61 und 49. Die legendären Crossroads. Dort, in Clarksdale, Mississippi, heißt es, hat Robert Johnson während der Depression der zwanziger Jahre dem Teufel seine Seele verkauft. Johnson gilt seither als Vater des Blues, Clarksdale als seine Wiege. Son House kam von hier, wie auch Big Jack Johnson, Sam Cooke und Ike Turner, dessen Rocket 88 den Rhythm & Blues mitkreierte. John Lee Hooker hat sich wie viele andere von der Greyhound Station an der Third Street, Ecke Issaquena Avenue auf die Reise nach Cincinnati, Detroit und Chicago gemacht, die Staples Singers wohnten hier, und Bessie Smith, Empress of the Blues, starb in der Nähe der Crossroads.

Zurückgeblieben ist nicht viel von Clarksdales großer Zeit, außer einigen Dokumenten und Devotionalien. Sie sind in einem ehemaligen Depot der Illinois Central Railroad, in dem das Delta Blues Museum logiert, zu besichtigen, darunter die Sklavenhütte, die auf der Stovall Plantation in der Nähe stand und in der Muddy Waters aufwuchs. Und wer kommt, um die Wurzeln jener Musik zu ergründen, auf der Rock 'n' Roll, Soul und Pop basieren, landet eher zufällig an den beiden Grabstätten Johnsons, der 1938 im Alter von 27 Jahren starb. Wo er bestattet wurde und ob er vergiftet wurde von einem betrogenen Ehemann oder doch von der Syphilis dahingerafft, bleibt bis heute strittig.

Mitte des 20. Jahrhunderts war Clarksdale ein bedeutender Verkehrsknotenpunkt und pulsierender Umschlagplatz für Baumwolle und Zedernholz. Man nannte es Little New York wegen seiner zahlreichen Millionäre, seines bunten Nachtlebens und der exquisiten Shops, in denen das ganze County einkaufte.

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Tennessee Williams, der hier Kindheit und Jugend verbrachte, hat einige der schillernden Charaktere der Stadt in seinen Romanen verewigt

die trinksüchtige, exzentrische Tochter eines Sägewerksbesitzers diente ihm als Vorbild für seine Blanche im Theaterstück Endstation Sehnsucht. Wer es nicht weiß, dem wird es hier niemand erzählen. Clarksdale hat seine Vergangenheit vergessen und kapituliert vor dem Wandel der Zeit. Die Fassaden der Häuser abgenutzt, viele Läden geschlossen, der Busbahnhof eine Ruine.

Die Crossroads sind ein heiliger Ort der Bluesgeschichte

Mit der Mechanisierung der Baumwollernte sind die Schwarzen in die Werften von Memphis, die Fabriken von St. Louis und die Schlachthöfe Chicagos abgewandert, und an der Ansiedlung von neuen Betrieben hatten die zurückgebliebenen Farmer nie großes Interesse. 30 Prozent der 20 000 Einwohner Clarksdales leben unter der Armutsgrenze, die öffentlichen Schulen sind in einem bejammernswerten Zustand - um die verbleibenden Jugendlichen nicht an Universitäten zu verlieren, wie James Super Chikan Johnson, Neffe von Big Jack, vermutet. Jobs außerhalb der Landwirtschaft und bessere Ausbildung, meint er, würden bloß das Lohnniveau in die Höhe treiben. Am Ortseingang von Clarksdale steht ein Schild mit der Aufschrift: Home of the Big Frog.

Als ich kam, erwartete ich eine vibrierende Bluesszene, sagt Tony Czeck, Kurator des Delta Blues Museums, was ich fand, war erschütternd. In der so genannten New World, dem schwarzen Viertel hinter dem Bahnhof, wo sich früher ein jukejoint an den anderen reihte, dominieren rostiges Wellblech, vernagelte Türen und Fenster, Schutt von abgerissenen Gebäuden, verwilderte Baulücken. In der schummrigen Red Top Lounge trinkt ein einsamer Gast nachmittags ein Dosenbier, und die Besitzerin sagt, Bluesmusiker zu engagieren, lohne sich schon lange nicht mehr: Die Schwarzen kümmern sich nicht darum, andere verirren sich nicht hierher. Und die wenigen Weißen, die ihn vermarkten wollen, sind ratlos. Wie Kinchen O'Keefe, der im historischen Stadtkern ein Gebäude erwarb, in dem sich die erste schwarze Radiostation Amerikas befand, WROX. Doch die Handelskammer, erzählt O'Keefe, war noch nicht da. Subventionen für die Renovierung? WROX als Touristenattraktion?

Vorher friert die Hölle zu.

Von WROX bis zur Nummer 615 Sunflower Avenue sind es nur ein paar Blocks. Im Riverside Hotel hat vor langer Zeit jeder gewohnt, der im Blues Rang und Namen hat oder hatte. Doch wenn man in das windschiefe Haus stolpert, dessen Mobiliar seit 50 Jahren unverändert ist, kann es passieren, dass man auf einen drahtigen, zornigen Mann trifft. Frank Rat Hill will nicht als Zitatgeber missbraucht werden. Immer wieder kommen Journalisten und fragen ihm ein Loch in den Bauch über Bessie Smith, die 1937 in einem der 26 Zimmer nach einem Autounfall verblutet ist, oder über John F. Kennedy junior, der vor Jahren ein paar Nächte blieb während des King Biscuit Blues Festival in Helena, Arkansas. Dass Ike Turner von Hills Mutter quasi adoptiert wurde, dass Robert Nighthawk hier geprobt hat?

Alt, laut und stark

Seit die Handelskammer von Clarksdale in ihrem Touristenführer von einem Aufenthalt im Riverside abgeraten hat, ist Hill so gut wie erledigt. Die Weißen wollen nur profitieren von uns, unsere Musik ausschlachten. Sie wollen aus allem ein Holiday Inn machen. Dass das Riverside eine Gemeinschaftsdusche hat und es in den Zimmern nach Moder und Urin riecht, nimmt Hill nicht wahr. Es war nie anders.

Man müsse verstehen, woher seine Verbitterung komme, sagt Hill. Er sei während der Integration auf die Straße gegangen, er habe demonstriert dafür, dass Schwarze nicht mehr den Gehsteig wechseln müssen, wenn ihnen ein Weißer entgegenkommt. Und er kennt die Geschichte von Ike Turners Vater, den der Ku-Klux-Klan eines Tages verschleppte und als blutiges Bündel zurückbrachte.

Der alte Mann sei nie wieder auf die Beine gekommen. Wissen Sie, was wir erdulden mussten?, fragt Hill, in dessen Büro ein gerahmtes Porträt von Martin Luther King junior hängt. Ich werde nicht aufgeben und T-Shirts und Buttons verkaufen, mich kriegen sie nicht klein. Er hält auch nichts vom kostenlosen Unterricht, den Czeck im Delta Blues Museum für Kids anbietet: Der Typ kommt aus Missouri und hat keine Ahnung, die Weißen können die Idee stehlen, aber nicht das Gefühl für den Blues.

Es war gegen Mittag, als wir im Delta Blues Museum nach Czeck fragten. Er war nicht da, lag noch im Bett, und als er aufgestanden war, palaverte er von Led Zeppelin, den Rolling Stones und Johnny Cash. Als John Lee Hooker unlängst starb, klingelte tagelang das Telefon, und Czeck räumt ein, er habe nicht verstanden, was er den Journalisten hätte erzählen sollen. Der rettet den Blues nicht, sagt Hill, die jungen Schwarzen, glaubt er, tun es noch weniger: Drogen, bequemes Leben - die kapieren unser Leid nicht mehr.

Ground Zero, das Blueslokal, das der schwarze Schauspieler Morgan Freeman, der auch aus Clarksdale kommt, vor kurzem eröffnet hat, ist ein Flop, weil es nur noch eine Hand voll Bluesbands gibt in der Gegend. Und in der Red Top Lounge legt am Wochenende ein DJ HipHop auf. HipHop erzählt keine Geschichte, sagt CeDell Davis, er erzählt vielleicht, dass wir immer noch zornig sind, aber er hat kein Feeling.

Noch mit 79 malträtiert T-Model Ford seine Gitarre gnadenlos

Hinter der Leichenhalle von Greenville, eineinhalb Stunden Autofahrt südwestlich von Clarksdale gelegen, sitzt ein alter Mann auf einem wackeligen Metallstuhl und grinst in eine Flasche Bourbon. T-Model Ford hat schon gewartet. Er sitzt oft unter dem Baum vor seinem Haus. Hat sonst nichts zu tun. Und ab und an kommt ein Reisebus mit japanischen Touristen vorbei, und dann fotografieren ihn diese lustigen Menschen wie eine aussterbende Spezies.

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Seit Ford mit seinen CDs für ein lokales Label namens Fat Possum Records zu spätem Ruhm gekommen ist, zählt er zu den berühmteren der letzten Bluesmusiker des Mississippi-Deltas, auch weil T-Model ein großer Unterhalter ist. Weiß doch jeder, dass der verrückte Ford trotz seiner 79 Jahre immer noch vier, fünf Stunden lang seine schwarze Pervey Razor malträtiert und dazu inbrünstig und lautstark singt über Unzucht, Schlägereien, kleine Ganoven und den großen Schmerz gescheiterter Liebe. Wenn ich singe, fühle ich mich wie 25, sagt er, und wenn ich mich wie 25 fühle, lieben mich die Frauen.

T-Model Ford hat seine Seele nicht verkauft. Der Teufel würde vor Ford davonlaufen. Als Teenager hat er einem Mann, der ihm ein Messer in den Rücken rammte, die Gurgel durchgeschnitten und wurde dafür zu zehn Jahren Gefängnis in Tennessee verurteilt. Mama hat einen Anwalt besorgt, raunt er, und mich nach zwei Jahren rausgeholt. Eisenketten haben tiefe Narben an seinen Fußgelenken hinterlassen, und der Schnaps hat sein Gesicht zerfurcht, wie die Sonne den Boden des Deltas zerplatzen lässt in der Hitze des Sommers.

Mein Leben war eine Geisterbahn, sagt Ford, lacht und lacht und lacht. Der Vater, der ihn halb tot schlug, weil er als Kind eine Wassermelone gestohlen hatte. Die Frau, die ihn versuchte, mit einem Schlachtermesser umzubringen.

Er hat Bäume gefällt, Straßengräben ausgehoben, 26 Kinder gezeugt und geht schon lange am Stock. Und wenn man ihn fragt, wie viele Menschen er umgebracht hat, fragt er zurück: Muss ich den, der vor meinen Pontiac gelaufen ist, mitzählen? Ford zwinkert, steckt das Kabel in seinen tragbaren Lautsprecher, hämmert in die Saiten.

Originale wie Ford sind rar geworden. Sie sterben, einer nach dem anderen, und wachsen nicht mehr nach. Was also wird übrig bleiben, wenn sie eines Tages alle verschwunden sind? Die New York Times hat voriges Jahr in einem Artikel über den dahinsiechenden Blues im Delta die Antwort bereits vorweggenommen: Die Musik wird überleben in den Plattensammlungen von Yuppies, in College-Seminaren über Folkkultur, auf Festivals und in Restaurantketten wie House of Blues und B.-B.-King-Lokalen.

House of Blues? Eines davon befindet sich neben klimpernden Automaten in einem Spielkasino in Las Vegas. B.-B.-King-Lokale? Das neueste wurde am New Yorker Times Square eröffnet zwischen Neonreklamen, Megakinos, einer Wachsfigurensammlung und gigantischen Shops von Disney und Warner Brothers.

Der Blues wird überleben als Markenartikel der amerikanischen Konsumkultur und als Reminiszenz aus der Konserve, stromlinienförmig vermarktet für den Massengeschmack. Doch die Seele der Musik werden Figuren wie T-Model Ford und CeDell Davis mit ins Grab nehmen, deren Kalamität eine Traurigkeit verkörpert, die selbst der Blues nicht beschreiben kann. Sie können nur hoffen, noch einmal auf Tournee zu gehen, vielleicht noch einmal in Europa, Asien oder Australien, wo man uns behandelt wie Könige, während wir zu Hause missachtet und verhöhnt werden, wie James Johnson sagt.

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Super Chikan wurden vergangenes Jahr beim Festival des Delta Blues Museum in Clarksdale 100 Dollar Gage angeboten. Fords und Davis' letzte Konzertreise führte durch die USA. Sie traten ausnahmslos in kleinen Lokalen auf, 21 Städte in 24 Tagen, dazwischen Tausende von Meilen im Bus von Chicago über New Jersey bis New Orleans. Dafür bekamen sie 2500 Dollar pro Mann. Das sind sechs Dollar Stundenlohn, sagt Ford, aber ich würde es auch umsonst machen. Oder für einen halben Liter Kentucky Straight Bourbon Whiskey.

Sam Carr spielt schon lange nicht mehr. Die Abenddämmerung zieht über das Delta, während er mit seiner Frau Doris auf der Veranda sitzt und auf die weiten Äcker und den Deich des Mississippi blickt. Sam und Doris haben sich kennen gelernt, als sie 15 und 13 Jahre alt waren. Sie haben zwei Kinder groß gezogen und jeden Sommer wieder das Knattern der Feldheuschreckenschwärme in den Eichen bestaunt, von denen einige Arten sieben Jahre im Erdreich brüten, um dann mit unersättlicher Gefräßigkeit über das üppige Land herzufallen.

Wie die Weißen, sagt Carr, doch er sagt es ohne Verbitterung. Ich habe jeden Abend, an dem ich den Blues gespielt habe, genossen, ich würde alles wieder so machen. Man wird sich noch lange an mich erinnern, wenn ich einmal tot bin.

Und dann wackelt er in seinen Lackschuhen mit offenen Schnürsenkeln hinters Haus zum Friedhof seiner verschrotteten Autos, die seinen Ruhm überdauern werden.

Von Gerhard Waldherr erscheint demnächst die Reportagensammlung Elvis ist tot. Auf der Schattenseite des amerikanischen Traums. Kiepenheuer & Witsch, 8,90 Euro