Am Hofe von König Blair handelt man den blinden Minister bereits als neuen Kronprinzen: David Blunkett, erst Erziehungsminister und seit acht Monaten zuständig fürs Innenressort, hat sich zum neuen Star gemausert. Nach dem 11. September vermochte er als einziger Minister aus dem Schatten von "Präsident Tony" herauszutreten - mit einer bemerkenswerten Mischung aus gesundem Menschenverstand, Freimut und hartem Realitätssinn. Blunkett entkriminalisierte den Genuss eines Joints, er verschärfte Antiterrorgesetze, stülpte die gesamte Asyl- und Einwanderungspolitik um. Er scheut sich nicht, auch multikulturelle Tabus zu brechen, so als er von Einwanderern englische Sprachkenntnisse und einen Eid auf die britische Rechtsordnung forderte. Sollten Wähler und Partei einmal der glatten New-Labour-Typen überdrüssig sein, könnte Blunketts Stunde schlagen. Ein Politiker ganz anders als Blair - streng, mit unverblümter Rhetorik, ein Reformer gewiss, aber mit tiefen Wurzeln in der Labour Party.

Der 54-Jährige, der überall mit Blindenhund auftaucht, bewegt sich mit beinah schlafwandlerischer Sicherheit im Minenfeld von Innerer Sicherheit, Einwanderung, Asyl und multiethnischer Vielfalt; auf einem Pfad, der jenseits ausgetretener politischer Wege verläuft. Blunketts Pläne zu Einwanderung und Staatsbürgerschaftsrecht wurden von allen Seiten mit Komplimenten bedacht. Die Zeitungen applaudierten einmütig. Selbst bei linken Labour-Abgeordneten, die den Innenminister wegen seiner knallharten Antiterrorgesetze als "Wegbereiter des Polizeistaates" geschmäht hatten, hielten sich Widerspruch und Bewunderung die Waage. Sein Versprechen, "fair, aber streng" zu verfahren, mündet in eine Politik, die liberale Anliegen und Härte kombiniert.

Nach den Terroranschlägen in den USA schien Blunkett noch jene skeptischen Stimmen in der Labour-Fraktion zu bestätigen, die unkten, der Mann stehe noch "rechts von Dschingis Khan". Wie sein deutscher Amtskollege betonte Blunkett den Primat der Sicherheit. Doch anders als Otto Schily entpuppte er sich als überraschend innovativer und liberaler Politiker. Blunketts "Weißbuch" der Migrationspolitik akzeptiert, dass es künftig mehr Einwanderung geben wird und geben muss. "Integration in Vielfalt", lautet sein Motto. Die Einwanderung qualifizierter Arbeitskräfte soll erleichtert werden; selbst abgewiesene Asylbewerber können eine befristete Arbeitserlaubnis erhalten. Ende Januar startete ein Highly Trained Migrant Program, dessen Teilnehmer zunächst für vier Jahre bleiben und dann die Staatsbürgerschaft beantragen können. Unter anderem die Wirtschaft registrierte das mit Wohlgefallen: Endlich räumt ein britischer Innnenminister mit dem Vorurteil auf, Zuwanderung sei per se schlecht oder gar bedrohlich.

Flexibler als Otto Schily

Zugleich zieht Blunkett klare Grenzen. Die illegale Einreise will er unterbinden, auch durch schärfere Überprüfung von "Scheinehen". Vor allem gestaltet er das Asylverfahren radikal um. "Schnell und fair" soll fortan entschieden werden. Dazu gehört, dass alle Bewerber in "Eingangszentren" untergebracht werden, in denen man ihnen Fürsorge und Rechtshilfe bietet und alle Stufen des Verfahrens regelt, von Aufnahme und Antragsstellung bis zum endgültigen Bescheid. Typisch Blunkett aber auch, dass die Abschiebung unverzüglich erfolgen soll. Das Recht auf gerichtliche Berufung gegen einen Ablehnungsbescheid wurde auf eine Instanz begrenzt. Wer zudem nicht in den Eingangszentren untergebracht werden mag, erhält keine staatliche Hilfe.

Unpopuläre Maßnahmen schleuste Blunkett geschickt durchs Parlament. Für Asylbewerber wurden ID-Cards eingeführt, die Lichtbild und biometrische Angaben enthalten. Die bittere Pille - Großbritannien kennt bis heute keine Melde- oder Ausweispflicht - versüßte er seiner Partei, indem er zugleich die "entwürdigenden" Warengutscheine abschaffte, die Asylbewerbern bisher anstelle von Bargeld ausgehändigt wurden.

Blunkett mag flexibler agieren als Otto Schily und steht unter keinem in der eigenen Biografie begründeten Zwang zu demonstra-tiver Härte. Aber er hat es sicher leichter als sein Berliner Kollege. Das linksliberale Milieu der Insel pflegt nicht, wie die deutsche Szene, ein gespaltenes Staatsverständnis, das unterscheidet zwischen dem "guten" Staat, der soziale Wohltaten verteilt, und dem "bösen", den Polizei, Militär und Geheimdienste verkörpern.