Grund genug, keinen Finger zu rühren, zumal in Sachen Europa. Die Herren im Elysée-Palast und im Hôtel Matignon sind erleichtert, dass sie die Frage nach der Grundordnung der Europäischen Union fürs Erste dem Verfassungskonvent überlassen können - unter dem Vorsitz des Franzosen Giscard d'Estaing, Chiracs Intimfeind. Ihm konnte und wollte der Präsident das ehrenvolle Amt nicht verweigern, war dies doch die eleganteste Manier, sich eines Konkurrenten zu entledigen, der ihn mit der frivolen Andeutung aufgeschreckt hatte, dass er selber vielleicht noch einmal kandidieren werde.

Es drängt aber nicht nur die Frage nach der künftigen Gestalt Europas, sondern ebenso nach der Gestalt der französischen Republik. Regierungschef Jospin hatte soeben die harte Zensur seiner Beschlüsse über den künftigen Status der Sorgeninsel Korsika durch den Verfassungsrat zu erdulden. Die konservative Mehrheit des Gremiums strich kurzerhand den Schlüsselparagrafen des Dokumentes, der dem Regionalparlament der rebellischen "Ile de Beauté" das Recht gewähren sollte, manche Gesetze der Nationalversammlung den Verhältnissen der Insel anzupassen. Von diesem bescheidenen Ansatz zur politischen Selbstverwaltung hatte man sich in Paris - wohl vergebens - erhofft, er werde die aufsässigsten Geister ruhig stellen und die separatistischen Terroristen isolieren. Wenigstens duldeten die Wächter der Verfassung Unterricht in korsischer Sprache an den staatlichen Schulen - freilich nur, wenn die Freiwilligkeit der Teilnahme garantiert sei.

Präsident Chirac rieb sich die Hände. Der Staatschef fürchtete, dass eine korsische Sonderstellung die lauernden Protagonisten der regionalen Selbstbestimmung, der sprachlichen, der kulturellen, ja der politischen Autonomie unter den Bretonen und Basken, den Savoyarden, den Provenzalen, den Elsässern und womöglich den Flamen witternd den Kopf heben ließe, kurz, dass die "eine und unteilbare Republik" in ihrer Substanz bedroht sein würde. Für Jean-Pierre Chevènement, den einstigen Innenminister, war die korsische Lösung seines Freundes Jospin Anlass genug, der rosa-rot-grünen Regierung adieu zu sagen. Warnend sprach er von einer "landerisation" Frankreichs (nach deutschem Vorbild), mit anderen Worten: von der Unterwerfung des klassischen Nationalstaates unter eine föderalistische Ordnung.

Chevènement, der Linksjakobiner aus dem Bilderbuch, gewann als "Mann der Nation" eine populäre Basis für seine Bewerbung um die Präsidentschaft. Er tritt als der letzte entschlossene Verteidiger der Republik auf, die er weder durch den Premierminister noch durch den europäisch infizierten Staatspräsidenten hinreichend geschützt sah. Die Sympathien, die ihm zuströmen, sind beträchtlich, und er könnte Jospin, nun nicht länger der einzige Bannerträger der demokratischen Linken, in böse Verlegenheit bringen. Demoskopen billigen "Che" gut 15 Prozent der Stimmen im ersten Wahlgang zu. Der Kandidat, dem dank der guten Prognosen der Kamm mächtig geschwollen ist, hält es nun selber nicht mehr für ausgeschlossen, den Ministerpräsidenten zu überholen, zumal er damit rechnen darf, dass sich ihm auch etliche Anhänger extremer rechter wie linker Bewegungen anschließen werden. Sollte Chevènement in der ersten Runde aber nur als Dritter ins Ziel kommen und sich dennoch weigern, im zweiten Wahlgang dem Sozialisten Jospin Platz zu machen: Dann hätte Chirac den Sieg in der Tasche, den er so dringend braucht, um während der nächsten fünf Jahre juristischen Totalschutz durch die Immunität des Amtes zu genießen.

Der Wahlkampf hat den Kulturkampf um Frankreichs Seele für eine Weile vertagt. Doch untergründig schwelt er weiter. Es ist in Wirklichkeit eine stille Revolution, die sich in den Debatten über die künftige Struktur des Landes ankündigte. Zuerst sprach Jean-Marie Colombani, der Generaldirektor des kleinen Medienreiches der Zeitung Le Monde, von der Notwendigkeit, die jakobinisch-zentralistische Republik durch einen föderativ-girondistischen Staat zu ersetzen: die "republique plurielle". In diesen Begriffen auch nur zu denken, geschweige sie in den Mund und die Feder zu nehmen, wäre noch vor einem Jahrzehnt als blanker Verrat an den heiligsten Gütern der Nation geschmäht worden. Seit der Diktatur Robespierres war das Wort "föderativ" verpönt, da es den Erzfeinden der jakobinischen Revolutionsidee, den liberalen Feuerköpfen aus der Gironde, zugerechnet wurde, mit denen die Abgeordneten des "Berges" einen Machtkampf auf Leben und Tod austrugen.

Vorwärts, ihr Föderalisten

Dezentralisierung - plötzlich ist das Unwort akzeptiert, seit Jacques Delors, der ehemalige, sehr produktive Chef der Europäischen Kommission, den Bann gebrochen und von der EU als einer "Föderation der Nationalstaaten" gesprochen hat. Außerdem wagte er, das bisher Undenkbare lauthals zu fordern: die Abschaffung der französischen Departements, dieser artifiziellen Verwaltungsbezirke. Nach dem zynischen Willen der revolutionären Konstrukteure durchschnitten sie brutal die historischen Organismen der Regionen, damit in keiner der Provinzen jemals eine Autorität gedeihen konnte, die den absoluten Vorrang der Pariser Zentralmacht infrage stelle. Das Corps der Präfekten, von Napoleon installiert, garantierte eine nahezu totale Aufsicht über das Leben und Treiben draußen im Lande, das kulturell und politisch zu verdorren begann, da Paris nicht nur alle wesentlichen Entscheidungen, sondern auch alle Talente an sich zog. Die immer noch allzu schüchternen Programme der Dezentralisierung (mit der Charles de Gaulle den Anfang machte) versuchen behutsam, die Marschrichtung der Nation zu korrigieren. Es ist ein Signal, dass Jean-Marie Colombani von Le Monde - vielleicht der einflussreichste und bedeutendste Kopf unter den Intellektuellen der Metropole (der seine korsischen Wurzeln nicht vergaß) - in seiner Zeitung die Rubrik "Regionen" und zum Jahresbeginn eine feste Seite unter dem Generaltitel "Europäische Union" einführte.