Der Gebhardt ist das bedeutendste Handbuch der deutschen Geschichte": Ein verbaler Paukenschlag steht über der neuen - der 10. - Ausgabe des von dem Breslauer Gymnasiallehrer Bruno Gebhardt (1858 bis 1905) begründeten Werkes. Von ihr liegen jetzt die zwei ersten Bände vor: Sie behandeln das 16. und die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts. Zwei Dutzend Bände wird das editorische Großunternehmen am Ende umfassen (gegenüber nur zwei des Ur-Gebhardts von 1891/92). Der Text der Neuausgabe ist, wie schon in der ersten Fassung, nicht in Kapitel, sondern in eherne Paragrafen gegossen: eine Art historiografisches Gesetzeswerk, in dem, buchstäblich ex cathedra, Gültiges verkündet wird.

Die letzte Ausgabe ist vor mittlerweile drei Jahrzehnten erschienen. Sie war weitgehend ein Produkt der "Vätergeneration". Wie nahe einige der Autoren, etwa Theodor Schieder und Karl Dietrich Erdmann, den Nazis gestanden hatten, wurde einer breiteren Öffentlichkeit erst vor kurzem bekannt. Den Text des Handbuches haben diese "Verstrickungen" kaum beeinflusst. Inhaltlich dominierte ein heute naiv wirkender Positivismus. Die Gliederung wurde weitgehend von Herrscherdaten, Kriegen und Ereignissen wie der Reformation oder der Reichsgründung bestimmt. Zwar unterbrachen Blicke auf wirtschaftliche, soziale und kulturelle Entwicklungen die chronologische Struktur an manchen Stellen, doch stand das Werk bei seinem Erscheinen auch schon wieder gegen den Zeitgeist. Damals vollzog sich der Vormarsch der Sozial- und Strukturgeschichte, wurden die bahnbrechenden Arbeiten der Historikergruppe um die französische Zeitschrift Annales wahrgenommen, neue Gebiete wie die Mikro- und die Geschlechtergeschichte erschlossen. Eine Neubearbeitung des Gebhardts war also überfällig. Aber wie soll sie aussehen?

Eine mögliche Antwort auf die "Herausforderung der Kulturgeschichte" (Hans-Ulrich Wehler) läge im Versuch der Gesamtschau, in Annäherungen an eine historische Anthropologie. Sie erforderte es, kultur-, geistes- und wirtschaftsgeschichtliche Fragestellungen aufeinander zu beziehen, mit Objekten und Bildern zu arbeiten, also dem Feld symbolischer Repräsentation Aufmerksamkeit zuzuwenden; oder man begreift - wie Hagen Schulze und Etienne François - deutsche Geschichte als Kaleidoskop von "Erinnerungsorten". Aber dergleichen erwartet den Leser keineswegs.

Äußerlich ist es vor allem der bordeauxrote Einband, der einen Kontrast zur 9. Auflage bietet, denn deren Einband war dunkelgrün. Auf Abbildungen, Karten, selbst auf Tabellen hat man wiederum verzichtet. Einziges grafisches Element ist eine Genealogie der Habsburger. Das wirkt programmatisch. Ausführlich wird von politischen Entwicklungen berichtet; die Ordnung der Dinge ist dem Rhythmus der Ereignisse anvertraut. Der Totalitätsanspruch eines Handbuches macht es wohl unvermeidlich, zum x-ten Mal das Durcheinander von Kriegen und Erbfällen nachzuerzählen, das schon den alten Gebhardt strukturierte. Dazu kommen, wie in den früheren Ausgaben, Seitenblicke auf wirtschaftliche und soziale Verhältnisse.

Wolfgang Reinhards reflektierter Einführungsessay - als Handbuchartikel nimmt er sich übrigens ziemlich exotisch aus - wirkt als pikantes Amuse-Gueule, auf das Hausmannskost folgt. Dabei ist das Gebotene weder schlecht noch falsch; neben den vom Herausgeber geschriebenen Passagen überzeugen vor allem die Abschnitte aus der Feder Maximilian Lanzinners, die sich durchweg auf der Höhe der Forschung bewegen. Auffällig sind vielmehr Lücken, die man nach den hochfliegenden Ankündigungen der "Präambel" nicht erwartet hätte. Kulturtransfers, Mentalitäten oder das soziale Gedächtnis der Deutschen sind keine Themen; andererseits werden Debatten um den Dreißigjährigen Krieg aufgewärmt, die eigentlich längst erledigt sind. Große Fragen wie die nach dem frühmodernen Zivilisationsprozess oder das Problem der Genese des modernen Subjektivismus bleiben ausgeklammert - ungeachtet eines mittlerweile etablierten Forschungsdiskurses um frühneuzeitliche "Selbstzeugnisse".

Dafür beherrschen die Gegenspieler des Individuellen, die Feinde des zivilen und religiösen Gewissens, die Bühne. Überall wird konfessionalisiert, modernisiert und diszipliniert. Prediger und Theologen züchten Katholiken und Protestanten; man verbrennt Hexen und Magier, Fürsten schreiten wie blutige Hähne durch die Kulissen. Aus dem Chaos des Kampfes um das Magiemonopol dann erhebt sich furchterregend und doch zugleich befriedend Leviathan, der frühmoderne Staat.

Niemand wird seit den bahnbrechenden Studien Heinz Schillings und Reinhards bestreiten, dass hier zentrale Punkte angesprochen werden. Aber sind in dieser Erfolgsstory des Staates und der Konfessionalisierung der Deutschen alle zukunftsweisenden Aspekte ihrer frühneuzeitlichen Geschichte aufgehoben? Wo sind die Ireniker, wo jene vernünftigen Leute, die im Geist des Späthumanismus oder der Mystik einen "dritten Weg" jenseits der konfessionellen Fronten suchten? Eine "Geschichte des deutschen Gewissens" von Luther bis zu Kant - welche Herausforderung wäre das gewesen!

Wo sind weiterhin die Frauen, die es wohl auch im 16. Jahrhundert gab? Wo schließlich das, was überkommen ist an großen kulturellen und künstlerischen Leistungen, die im Reich in all seiner Zerrissenheit gediehen? Kunst und Kultur der Renaissance erhalten praktisch keinen Raum gewährt, Manierismus und Barock kommen sicherheitshalber nicht einmal als Begriffe vor. Man könnte so fortfahren. Den Leser erwartet ein 16. Jahrhundert ohne die Kunst Arcimboldos und der anderen Manieristen mit ihren kryptischen Botschaften, ein Dreißigjähriger Krieg ohne Gryphius, ja selbst ohne Grimmelshausen: Man glaubt es kaum. Schade, dass das "bedeutendste Handbuch der deutschen Geschichte" hinter den selbst gestellten Ansprüchen so weit zurückbleibt.

Wolfgang Reinhard:Probleme deutscher Geschichte 1495-1806 Reichsreform und Reformation 1495-1555 (Gebhardt, Handbuch der deutschen Geschichte, Bd. 9; hrsg. v. Wolfgang Reinhard), 10. Auflage; Klett-Cotta, Stuttgart 2001; 414 S., 40,- €

Maximilian Lanzinner/ Gerhard Schormann:Konfessionelles Zeitalter 1555-1618 Dreißigjähriger Krieg 1618-1648 (Gebhardt, Handbuch der deutschen Geschichte, Bd. 10; hrsg. v. Wolfgang Reinhard), 10. Auflage; Klett-Cotta, Stuttgart 2001; 370 S., 40,- €