Es gibt Tage im Leben eines Offiziers, an denen sind sogar die Jeeps rar. Jehuda Albeck will nicht warten, bis die gepanzerten Wagen von der Patrouille zurück sind. Er setzt sich ans Steuer eines weißen Fiat Punto, das Gewehr zwischen den Knien. An diesem sonnigen Vormittag wirkt alles ruhig vor der mit Stacheldraht bewehrten Armeebasis im Westjordanland - fast idyllisch. Doch der Schein trügt. "Dort drüben", sagt Albeck und zeigt auf eine Straße, die sich durch die steinige Hügellandschaft schlängelt, "ist die Chance am größten, eine Kugel in den Kopf zu bekommen." Die Strecke wird von Siedlern benutzt. Er fährt an Bidjia vorbei, einem palästinensischen Dorf nahe an der "Grünen Linie", in das die Israelis vor der bewaffneten Intifada in Massen zum Möbelkauf gefahren waren. Jetzt ist der Weg mit Betonklötzen blockiert.

Jehuda Albeck leistet Reservedienst in Yakir. Die Aufgabe des 41-jährigen Bataillonskommandeurs: den Terror aus den palästinensisch kontrollierten Gebieten zu bekämpfen und zu verhindern. "Es gibt keine hundertprozentigen Mittel, um Terroristen den Weg zu versperren", sagt Albeck. "Die Kontrollpunkte lassen sich zu Fuß umgehen, aber immerhin: Ein Auto mit 500 Kilo Sprengstoff kommt nicht so einfach durch." Die Selbstmordattentäter seien ein Zeichen dafür, dass Bomben meist nur noch zu Fuß nach Israel getragen werden können. Aus diesem Grund gebe es die vielen Checkpoints, über die sich die Palästinenser so sehr beklagten.

In Albecks Uniform stecken zwei Handys. Eines gehört der Armee. Das andere stammt von seiner High-Tech-Firma in Jerusalem, "falls mein Stellvertreter dort während meiner Abwesenheit Fragen hat." Denn im zivilen Leben ist er Physiker und Familienvater. Der Reservedienst sei Teil des Lebens, sagt er. "So wie man in den Nacht aufsteht, um sich um ein Baby zu kümmern, oder in den Urlaub fährt." Er hat bereits zwanzig Tage hinter sich. Fünf muss er noch hinter sich bringen.

Nirgendwo gibt es eine so enge Verflechtung von zivilem und militärischem Dasein wie in Israel. Das nahezu einmalige Konzept der "Staatsbürger in Uniform" ist im kollektiven Bewusstsein tief verankert. Die Reservisten stellen das Gros der Armee. Sie gelten als die Lebensversicherung der israelischen Gesellschaft. Und die soll eingelöst werden in diesen Tagen der Selbstmordanschläge, Vergeltungsschläge, Racheakte. Es ist eine Art von Krieg, aber längst nicht alle Reservisten gehen hin.

Es ist nicht das erste Mal, dass Israelis den Dienst an der Waffe verweigern, doch haben sich noch nie so viele Mitglieder von Kampfeinheiten - Reservesoldaten und -offiziere - öffentlich für eine Verweigerung in den besetzten Gebieten ausgesprochen. Gewiss, sie sind eine Minderheit, aber sie haben einen Nerv getroffen, der es ihren Gegnern schwer macht, sie als "idealistische Schöngeister" abzukanzeln.

In ihrem offenen Brief vom Januar, unter dem mittlerweile mehr als 230 Unterschriften stehen, erklären die Reservisten, dass sie "nicht mehr jenseits der Grenzen von 1967 kämpfen werden, mit dem Ziel, ein ganzes Volk zu beherrschen, zu vertreiben, auszuhungern und zu demütigen. Wir spüren, dass die uns erteilten Befehle die moralischen Werte zerstören, mit denen wir aufgewachsen sind; wir wissen, dass die besetzten Gebiete nicht zu Israel gehören. Am Krieg zur Sicherung der Siedlungen werden wir nicht teilnehmen." Jeder Mission zur Verteidigung Israels aber wollen sie weiterhin dienen.

Der Aufschrei kam vor allem von Soldaten, die aus Gaza zurückgekehrt waren. Zu ihnen gehört David Zonsheim, 28, einer der Initiatoren des Briefes. Als er das letzte Mal dort gewesen sei, erzählte er in einem Interview in Yedioth Ahronot, sollte er Dinge tun, "die meiner Erziehung in meiner Familie und in der Armee widersprachen. Wer nicht den Kissufim-Checkpoint passieren musste, der weiß nicht, was dort los ist. Man bekommt Befehle, deren Sinn und Ziel völlig unklar sind. Schützt die Einwohner, haltet die Straßen offen und schützt euch selber! Die Befehle, das Feuer zu eröffnen, sind sehr allgemein, nach dem Motto: ,Urteilt selbst, wir stehen hinter euch.'"