Sucht man im Internet nach dem Stichwort "Gewebeschock", so findet man grausige Seiten von Waffennarren, die sich mit Akribie an der Wirkung von Projektilen auf menschliche Körper delektieren und die Legende verbreiten, superschnelle Geschosse könnten allein durch ihre Schockwirkung töten. Fragen wir also lieber Beat Kneubuehl, der wissenschaftlich nüchtern im Auftrag der Eidgenössischen Regierung die Wirkung von Schusswaffen untersucht. Er ist auch der Hauptautor des Standardwerks Wundballistik.

Zunächst zur Genfer Konvention: Dieses internationale Abkommen verbietet Waffen, die dem feindlichen Soldaten überflüssige Verletzungen und unnötiges Leiden zufügen. Vor allem die Dumdum-Geschosse sollten damit geächtet werden. Als in den sechziger Jahren das amerikanische Sturmgewehr M 16 eingeführt wurde, dessen Munition besonders grausame Wunden schlägt, führten manche das irrtümlich auf die hohe Mündungsgeschwindigkeit zurück, und es gab Bestrebungen, ein "Tempolimit" von 800 Metern pro Sekunde vorzuschreiben. Tatsache ist, dass das Abkommen bis heute keine speziellen Vorschriften über die Eigenschaften der Munition enthält.

Zur zweiten Frage: Gibt es den legendären "Gewebeschock" - also den Fall, dass ein Mensch an einem Schuss stirbt, obwohl er keine unmittelbar tödliche Verletzung davongetragen hat? "Wir haben 20 Jahre weltweit nach solchen Fällen gesucht", sagt Beat Kneubuehl, "aber keinen einzigen gefunden." Wohl seien Hasen und Rehe schon an Schrotschüssen gestorben, obwohl alle Organe intakt geblieben waren. Der menschliche Schocktod durch Streifschuss, Geschwindigkeit hin oder her, gehört aber wohl ins Reich der Fabel. Christoph Drösser

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