Die amerikanische Misere – Seite 1

DIE ZEIT: Wieso widmet sich eine der renommiertesten Essayistinnen des 20. Jahrhunderts seit einigen Jahren fast ausschließlich der Literatur?

Susan Sontag: Mein Hauptinteresse galt schon immer der literarischen Arbeit. Mein erstes Buch war ein Roman, The Benefactor, und ich hatte fest vor, weiterhin in erster Linie Belletristik zu schreiben. Die Essays kamen als eine Art Laster, als Ablenkung in mein Leben. Die kulturellen Debatten der späten sechziger Jahre waren so spannend, und das Echo auf meine frühen Essays war so überwältigend, dass ich dazu verführt wurde, mehr solcher Essays zu schreiben. Ich war plötzlich berühmt für etwas, das ich stets als reine Nebenbeschäftigung betrachtet habe. Natürlich stehe ich zu den Essays, manche davon halte ich sogar für hervorragend, aber mein Herzblut habe ich nicht dafür gegeben. Meine wahre Liebe war und ist die Literatur.

ZEIT: Indem Sie nun Romane schreiben, tun Sie also endlich das, was sie eigentlich wollen ...?

Sontag: Genau. Ich vergleiche Romane gern mit Ozeandampfern: Sie bieten Platz für viele verschiedene Passagiere. Wenn ich unbedingt etwas in Form eines Essays ausdrücken möchte, kann ich das auch in einem Roman tun. Einige der größten Romanciers - Balzac, Thomas Mann, Tolstoj, Proust oder Musil - haben dies bewiesen. Tatsächlich halte ich meine beiden letzten Romane, Der Liebhaber des Vulkans und In Amerika, sowie jenen, an dem ich derzeit arbeite, für die besten Bücher, die ich je geschrieben habe.

ZEIT:In Amerika spielt wie Der Liebhaber des Vulkans in der Vergangenheit. Sind Sie nicht mehr an der Gegenwart interessiert?

Sontag: Dahinter steckt keine Absicht. Ich habe einfach gemerkt, dass ich als Erzählerin mehr Freiheiten habe, wenn ich die Geschichten in der Vergangenheit ansiedle. Nehmen Sie die romantische Liebe zwischen den beiden Protagonisten Marina und Ryszard: Ließe ich diese Beziehung im New York von 2002 spielen, würde ich sofort in diesen modernen Skeptizismus hineingeraten, mit dem sich heute jeder Schriftsteller herumschlägt, sobald es um zentrale Gefühle geht. Alles muss psychologisch ausgedeutet, jede Regung erklärt oder ironisiert werden. Ich wollte einfach eine romantische Leidenschaft schildern und habe dazu einmal mehr den Trick mit der Vergangenheit benutzt. Dass der Roman in der Vergangenheit spielt, heißt aber nicht, dass er auch von der Vergangenheit handelt. Im Gegenteil: Man schreibt immer über die Gegenwart, man verarbeitet Themen und Materialien, man reagiert auf Ereignisse der Gegenwart.

ZEIT: Ein Thema von In Amerika ist das Scheitern einer Utopie. Marina und ihre Freunde ziehen von Polen nach Kalifornien, um dort eine Kommune zu gründen und sich in Selbstgenügsamkeit zu üben. Das Projekt endet in Streit und Bankrott. Welche gesellschaftliche Bedeutung haben Utopien heute noch, wo eine der letzten großen Utopien, der Kommunismus, endgültig verabschiedet worden ist?

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Sontag: Der Kommunismus war nur für jene eine Utopie, die ihn nicht erlebten. Für alle anderen war es die Hölle. Auch mag ich den Begriff Utopie nicht, sprechen wir lieber von Idealismus. Der totale Sieg des Kapitalismus hat viele alarmierende Konsequenzen, und eine davon ist die Zerstörung jeder Art von Idealismus. Der Kapitalismus ist eine Ideologie der Selbstsucht und des falschen Individualismus, sie zerfrisst das menschliche Zusammengehörigkeitsgefühl und provoziert irrationale Gegenreaktionen - den fanatischen Nationalismus in Serbien beispielsweise oder den Dschihad gegen die Moderne in muslimischen Ländern.

ZEIT: In einem Artikel für den New Yorker, der unmittelbar nach dem 11. September erschien, haben Sie ähnlich argumentiert und die Außenpolitik der Vereinigten Staaten mitverantwortlich gemacht für die Anschläge - was einen Sturm der Empörung hervorrief.

Sontag: Das waren vier Abschnitte, die ich in 15 Minuten in einem Berliner Hotelzimmer schrieb, nachdem ich 48 Stunden lang CNN geschaut hatte. Die Reaktionen auf diesen kleinen Text waren völlig unverhältnismäßig, und ich bin die Diskussionen darüber leid.

ZEIT: Als berühmte Intellektuelle mussten Sie aber doch damit rechnen, dass polemische Äußerungen wie diese Aufmerksamkeit erregen würden.

Sontag: Ich bin keine Intellektuelle! Ich sehe mich nicht als Intellektuelle, obwohl ich weiß, dass die ganze Welt mich dafür hält. Ich bin Schriftstellerin, alles andere ist ein Missverständnis. Dass man mich unbedingt mit dem Etikett Intellektuelle versehen will, hängt meiner Ansicht nach mit der Tatsache zusammen, dass ich eine Frau bin. Intelligente Frauen werden nach wie vor als etwas Außergewöhnliches betrachtet. Sobald eine Frau auftaucht, die selbstständig denkt, gut aussieht und den Mund aufmacht, wird sie zum "intellektuellen" Star stilisiert. Mich hat man als "neue Simone de Beauvoir" bezeichnet, und nun bin ich in dem Alter, wo ich die Krönung von "neuen Susan Sontags" erlebe. Solche Kategorien sind doch vollkommen bedeutungslos.

ZEIT: Dennoch existiert der Begriff "Intellektuelle" für eine zugegebenermaßen vage definierte gesellschaftliche Gruppe. Über die Rolle dieser Gruppe würde ich gern mit Ihnen sprechen. Der amerikanische Rechtsgelehrte und Richter Richard A. Posner hat kürzlich ein Buch veröffentlicht mit dem vielsagenden Titel The Public Intellectuals: A Study of Decline - beobachten Sie diesen Niedergang ebenfalls?

Sontag: Posners Buch ist ein dreckiges Schmierenstück, über das man kein Wort verlieren sollte. Wenn einer wie er eine Rangliste von so genannten Intellektuellen aufstellt und Henry Kissinger auf Platz Nummer eins setzt, dann disqualifiziert er sich doch selbst. Henry Kissinger ist Amerikas Milocevic. Das Thema interessiert mich nicht, ich kann Ihnen dazu nichts weiter sagen.

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ZEIT: Dann lassen Sie uns über einen anderen Begriff reden, über einen Begriff, den Sie geprägt haben, nämlich "camp" ...

Sontag: Stopp, stopp, stopp, das geht in die falsche Richtung. Ich habe vor 40 Jahren einmal einige Notizen veröffentlicht über ein Phänomen, eine ästhetische Haltung, die nach dem Prinzip "Das ist toll, weil es so schrecklich ist" funktioniert. Das war während zwei Sommerwochen in Paris, und ich habe seither nie wieder einen Gedanken an diesen Text verschwendet.

ZEIT: Ich möchte trotzdem bei diesem Thema bleiben. In den späten neunziger Jahren kam eine Art campscher Ästhetizismus wieder sehr in Mode. Man feierte die totale Künstlichkeit einer Lara Croft, man machte Kitsch zum Kult, wie es etwa das Revival der totgesagten Popgruppe Abba zeigte. Nach dem 11. September scheint diese stets leicht ironische Weltwahrnehmung fehl am Platz zu sein.

Sontag: Reden Sie über das Leben auf dem Mars? Ich verstehe nichts von dem, was Sie da erzählen. Ich glaube nicht, dass zwischen dem Zynismus und dem Materialismus der Neunziger und camp irgendein Zusammenhang besteht. Die Veränderungen, die der 11. September mit sich gebracht hat, sind politischer Natur und haben nichts mit camp zu tun, sondern mit Mr. Ashcroft, Mr. Rumsfeld, Mr. Cheney und Mr. Bush. Seit dem 11. September sind in diesem Land nach und nach die fundamentalsten Bürgerrechte für nichtig erklärt worden. Wir haben einen Justizminister, für den der traditionelle verfassungsrechtliche Schutz von Bürgern und Nichtbürgern der Vereinigten Staaten nicht zählt. Hier dürfen nun Ausländer, meist ohne das Wissen der Öffentlichkeit, ins Gefängnis gesteckt werden unter dem Vorwand, sie stellten eine Gefahr für die Innere Sicherheit darf. Dann gibt es da diesen jungen Kalifornier, John Walker Lind, der mit den Taliban konspiriert haben soll und von amerikanischen Soldaten brutal misshandelt wurde. Ashcroft erklärte, dieser Mann habe sich mit Kräften verbündet, die nicht an unsere Werte glaubten, und verdiene deshalb keine menschenwürdige Behandlung. Das ist die radikalste faschistische Verleugnung des amerikanischen Rechtssystems, die man sich vorstellen kann. Unser Justizminister hat das Grundprinzip der amerikanischen Verfassung nicht begriffen, die jedem Individuum Schutz garantiert, egal, ob es sich dabei um einen Nazi, einen Rassisten oder einen Serienkiller handelt.

ZEIT: Sie sprechen vom USA Patriotic Act, der der Regierung weitreichende Kompetenzen im Kampf gegen den Terrorismus erlaubt.

Sontag: Ich spreche vom Zusammenbruch eines Rechtssystems. Die Bush-Administration steckt voller Reaktionäre, die in nie dagewesener Weise in die Verfassung eingreifen, weil wir uns angeblich im Krieg befinden gegen einen unsichtbaren allgegenwärtigen Feind. Schauen Sie sich um: Haben Sie den Eindruck, wir befänden uns im Krieg? Ich weiß, was Krieg bedeutet, ich habe Sarajevo im Belagerungszustand erlebt, und ich sage Ihnen: Das hier hat mit Repression und nichts mit Krieg zu tun.

ZEIT: Es ist Kriegsrhetorik ...

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Sontag: Rhetorik, genau, schlimmste Propaganda. Unsere Politiker versuchen die paranoide Vorstellung zu verbreiten, dass die Freiheit der Sicherheit geopfert werden müsse. Ich hasse den Dschihad, den amerikanischen ebenso wie den muslimischen. Ich glaube nicht, dass die Welt in Gut und Böse geteilt werden kann, in Teufel und Gott, in Zivilisation und Barbarei.

ZEIT: Schreiben Sie als Schriftstellerin gegen solche Vereinfachungen an?

Sontag: Ich habe nicht das Bedürfnis, meine Ansichten über die Defizite in der Gesellschaft via Literatur kundzutun. Ich befrachte meine Romane nicht mit moralischen Botschaften, weil ich davon überzeugt bin, dass eine moralische Botschaft allein der Literatur noch keinen Wert verleiht. Schließlich lesen wir die Divina Comedia heute nicht wegen Dantes Kritik am Papsttum. Mich interessiert die Literatur weniger als Medium der Aufklärung denn als Medium der Weisheit. Große Literatur, wie ich sie mir vorstelle, lehrt uns, die Conditio humana besser zu verstehen. Ich möchte meine Zeit dazu verwenden, solche Literatur zu schreiben, und nicht ständig aktuelle Ereignisse kommentieren müssen.

Susan Sontag wurde 1933 in New York geboren, wuchs in Kalifornien auf und lebt nun nach zahlreichen Aufenthalten in Europa. Mit ihren Romanen und kulturkritischen Essays wurde sie rasch einer internationalen Öffentlichkeit bekannt. Als sie im vergangenen Jahr den Jerusalem-Preis erhielt, verband sie ihre Dankesrede mit einer heftigen Kritik an der israelischen Besatzungspolitik in den Palästinenser-Gebieten.
Für ihren jüngsten, am 26. Februar im Hanser Verlag auf Deutsch erscheinenden Roman "In Amerika" (aus dem Amerikanischen von Eike Schönfeld, 480 S., 24,90 Euro) wurde Susan Sontag mit dem National Book Award ausgezeichnet