Philologen lieben Sprache. Sie erfreuen sich am schönen, literarischen Geist, der ihnen aus wunderbar sich rankenden Sätzen entgegenweht. Aber seit einem halben Jahrhundert irritiert eine Forschungsrichtung viele ihrer Zunft.

Diese Disziplin setzt am Produkt des schönen Geistes das Messer an und zerlegt die Sprache mit dem kühlen Blick des Mathematikers: die formale Sprachwissenschaft. Literaturstudenten schaudern pflichtschuldig vor den Linguistik-Scheinen, die ihnen manches Curriculum abverlangt. Denn Linguistik riecht irgendwie nach Mathe. Und das macht sie ungenießbar. Formeln, um Sprache zu beschreiben? Das ist doch unmöglich, fast ungehörig - Sprache hat mit Kommunikation zu tun und wandelt ihre Bedeutung im Kontext. Was soll da mathematische Logik?

Der Linguist Geoffrey K. Pullum frohlockt, wenn er solche Fragen hört. Er ist selbst ein großer Kritiker, harte Worte sind sein Markenzeichen, allerdings würzt er sie mit Humor und unbedingter Liebe zu seinem Fach. Bis heute sind seine "respektlosen Essays über das Studium der Sprache" aus den achtziger Jahren als Einstiegslektüre zu empfehlen. Dort schickt der Linguist berühmte Kollegen wie Noam Chomsky fiktiv auf die Enterprise zu einem Gespräch mit Mister Spock, der prompt in Chomskys generativer Transformationsgrammatik mangelnde Logik entdeckt.

Pullums Gelehrtenzimmerchen an der Universität von Kalifornien in Santa Cruz ist dagegen voll gestellt mit Logik: Bücher und Zeitschriften, aus denen die Formeln nur so purzeln. "Die Literaturleute mit ihrer Kritik an der formalen Arbeit treffen den Punkt nicht", sagt er. Sie zeigten damit nur, dass sie sich nicht mit Syntax beschäftigen wollen. Syntax ist die Lehre von den Regeln, wie sich Wörter zu Sätzen verketten. Und diese Regeln ließen sich formal beschreiben. Die mathematische Logik, wie sie besonders in den vierziger Jahren entwickelt wurde, sei ein hervorragendes Mittel, um die Menge der Sätze zu bestimmen, die zu einer Sprache gehören. Und das heißt, anhand von Regeln präzise vorherzusagen, ob das berühmte Schlusswort des aufgebrachten Ex-Bayern-Trainers Giovanni Trapattoni, "Ich habe fertig", ein grammatischer Satz des Deutschen ist oder nicht.

Das ist es, was viele Linguisten, sogar "intelligente Leute", wie Pullum mit britisch sanfter Ironie betont, an der Logik fasziniert: "Mit ihrer Hilfe Stringenz in ein Gebiet zu bringen, das bis dato unscharf war."

Dabei haben die Syntaktiker wichtige Dinge vernachlässigt, das gibt er zu: insbesondere die Pragmatik. Diese berücksichtigt, dass sich die Bedeutung eines Satzes je nach Situation, in der sich der Sprecher befindet, ändern kann. Dass in solchen Fällen die Analyse des Satzbaus zu kurz greife, sei noch lange kein Grund, nicht mathematisch zu arbeiten. Nur die richtige Mathematik müsse es sein. Die Formelsprache habe der Tatsache gerecht zu werden, dass sie eine natürliche Sprache beschreibt, mit Unschärfen und Doppeldeutigkeiten - keine klar definierte Computerprosa. Sie muss auch erfassen können, dass manche Sätze nur zu einem bestimmten Grad grammatisch sind. Der Satz "Ich habe fertig" ist nicht korrekt. Trotzdem verstehen wir ihn.

Es gibt eben nicht nur ja und nein, sondern auch fast oder nicht ganz. Pullum schlägt einen Ansatz vor, der auf der logischen Modelltheorie basiert. Da geht es darum, wie eine Kette von Zeichen - zum Beispiel eine logische Formel oder auch ein Satz - etwas über die Welt aussagen kann. Was bedeutet die Zeichenkette "Maria haut Hans"? Die Modelltheorie hat auf die Bedeutungsfrage eine praktische Antwort. Sie sagt: Nimm eine ganz kleine Welt, in der sich einzig Maria und Hans befinden, und in der Maria den Akt des Hauens an Hans ausführt. Diese Welt sei dein Modell. Dann gilt: Der Satz "Maria haut Hans" ist wahr in diesem Modell. Und die Bedeutung des Satzes "Maria haut Hans" ist, dass Maria Hans prügelt. Ein Satz wie "Maria küsst Hans" dagegen würde nicht in dieses Modell passen - er wäre hier falsch.