Da ist sie wieder, die deutsche Nabelschau, mitsamt ihrem Vokabular aus preußischem Kiefernholz. Es ist verräterisch. Edmund Stoiber spricht vom Vaterland, dem er in aller Demut "dienen möchte", mag sich dabei auch seine Stimme ehrgeizig überschlagen. Törichte Geister seiner Partei fordern in der Debatte um das Zuwanderungsgesetz klare Besitzverhältnisse. "Warum überlasst ihr Deutschland nicht den Deutschen?", fragt ein Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, Norbert Geis. Das bringt zweifellos ein paar zusätzliche Stimmen an den Wahlurnen

denn "das Nationale ist immer so schön" (Gottfried Keller). Es kann auch furchtbar sein. In Deutschland wird es nicht aus der Verfassung, sondern aus der Geschichtsschreibung geschöpft. Dabei geht es meistens heftig zu.

Wer aus tagespolitischen Motiven die große deutsche Geschichtstruhe öffnet, um ein Argument hervorzukramen, darf gewiss sein, dass ihm ein Gegner deren Deckel sofort auf die Finger schlägt. Im polemischen Übermut zieh der Bundestagsabgeordnete Ludwig Stiegler, SPD, die Opposition, eine Nachhut jenes Bürgertums der Weimarer Republik zu bilden, das Adolf Hitler ermöglicht habe. Die Ehre der Union sei verletzt, klagt die CDU und verlangt eine Entschuldigung vom SPD-Parteivorsitzenden.

Mit Ressentiments aus dem historischen Ideologiefundus lässt sich seit vielen Jahrzehnten auf der Rechten und der Linken populistisch punkten. Kein anderes Land Europas ist so tief in seine Vergangenheit im Guten wie im Schlechten verstrickt wie Deutschland. Unsere Geschichte, zumal die des "Dritten Reichs", ist die Obsession der Akademien. In der Bundesrepublik gibt es jeden Tag Geschichtsstunde in allen Medien (auch in der ZEIT), neuerdings anlässlich Günter Grass' Katastrophenroman über die Wilhelm Gustloff. Kein europäischer Nachbar quält seine Sprache mit so seltsamen Begriffen wie "Vergangenheitsbewältigung" und "Erinnerungskultur".

Geschichtsinterpretation ist hierzulande nicht selten ein Fest der Rechthaberei. Der Tonfall des Historikerdisputs um Ernst Noltes Faschismusthese war derjenige eines intellektuellen Bürgerkriegs. Die Walser-Debatte lief ab wie ein blutiger, unversöhnlicher Familienstreit. Die querelle allemande erstaunt das Ausland. Das war schon immer so.

Das Stichwort lautet wieder Preußen

Europas Nationenbildung verdankte sich bürgerlicher Emanzipation, einer kulturell verklärten Sehnsucht nach Selbstbestimmung, nach Freiheit und Gerechtigkeit. Und sie war stets mit ethnischer Ausgrenzung verbunden.