Juliane Lorenz kramt in einer Schublade. Handgeschriebene Drehbücher kommen zum Vorschein, Schulzeugnisse und eine Postkarte mit bunten Blumen. Dein Rainer steht darauf. Die hatte Fassbinder als kleiner Junge seiner Mutter geschickt, als sie monatelang mit Tuberkulose im Krankenhaus lag. Dann nimmt Lorenz einen vergilbten Aktenordner in die Hand, stellt ihn aber schnell wieder zur Seite. Im Ordner sind der Polizei- und Obduktionsbericht von Rainer Werner Fassbinders Todestag am 10. Juni 1982.

Die Cutterin Juliane Lorenz war Fassbinders letzte Lebensgefährtin. Sechs Jahre lebten die beiden zusammen, sie hat seine großen Filme geschnitten, und sie war es, die ihn in der Todesnacht fand. Von Liselotte Eder, Fassbinders Mutter, übernahm Lorenz das gesamte Erbe. Seit zehn Jahren ist sie Präsidentin der Rainer Werner Fassbinder Foundation. Lorenz organisiert Retrospektiven, ordnet den Nachlass - hält sich mit öffentlichen Stellungnahmen jedoch auffallend zurück. Zu schmal scheint der Grat zwischen Geltungsbedürfnis und Erinnerungsarbeit. Viele aus Fassbinders Clan hätten die Nähe zu dem charismatischen Regisseur im Nachhinein genutzt, um die eigene Person zu überhöhen, so sagt sie. Wie verletzlich Fassbinder in den letzten Jahren tatsächlich war - darum schert sich keiner.

Neue Mythen und Legenden

Dass Juliane Lorenz jetzt erstmals über die Todesnacht Fassbinders mit einem Journalisten redet, liegt an der Mythenbildung um den Regisseur im Dunstkreis seines 20. Todestages. So erschien im Herbst des vergangenen Jahres in Deutschland Jean-Jacques Schuhls viel beachteter biografischer Roman Ingrid Caven. Die Sängerin Ingrid Caven war eine der so genannten Fassbinder-Frauen, die im Leben des homosexuellen Regisseurs eine zentrale Rolle spielten.

Schauspielerinnen wie Hanna Schygulla und Eva Mattes, Rosel Zech und Irm Hermann, Margit Carstensen und Barbara Sukowa dienten ihm wechselweise als Musen und als Geschöpfe, die er formte und zu Stars heranzog. Mit Caven war er kurz - von 1970 bis 1972 - verheiratet.

Schuhls Buch berichtet von der engen Beziehung Fassbinders zu Caven. Es erzähle, so die Titelheldin, nichts als die Wahrheit. Der Roman basiert auf einem Manuskript, das, wie Ingrid Caven in zahlreichen Interviews erklärte, Fassbinder angeblich auf dem Totenbett geschrieben habe. In Stichworten skizziert es das Leben Cavens. Gut möglich, dass es sich um den Entwurf für ein Drehbuch handelt. Ob Fassbinder der Skizze jedoch so viel Bedeutung beimaß, wie sie posthum bekam, ist zweifelhaft.

So spricht beispielsweise die Schauspielerin Rosel Zech - sie spielte die Hauptrolle in Fassbinders Die Sehnsucht der Veronika Voss - von Geschichtsfälschung. Sie sagt: Natürlich ist das Buch ein Roman, aber die Caven hat es durch zahlreiche Interviews zur Wahrheit gerinnen lassen.