Gefühl oder Gefühlstaktik? – Seite 1

Man hatte sie sich immer als die "Halbstarken" der Gruppe 47 vorgestellt.

Ein Paar wie Horst Buchholz und Karin Baal, furios, attraktiv, brillant und eben: wild. Oder sie naiv mit Liz Taylor und Richard Burton verglichen. Denn jeder, der die Schriftstellerin Gisela Elsner und den Verlagslektor Klaus Röhler kennen gelernt und noch persönlich erlebt hatte, wartete mit entsprechend exzentrischen Anekdoten auf, hatte aus der Erinnerung Szenen zur Hand, in denen die Fetzen fliegen oder Depressionsstarre herrscht, in denen mächtiger Alkoholkonsum brandbeschleunigend wirkt, auf alle Fälle aber zwei Personen auftreten, deren Kennzeichen pathetische Unberechenbarkeit und aneckende Unbedingtheit ist.

Dass die Wirklichkeit nicht abgedeckt wird von der Fama, konnte man erwarten.

Überraschend ist bei der Lektüre der Briefe von Gisela Elsner und Klaus Röhler, die von 1955 bis 1963 ein Paar und ab 1958 verheiratet waren, aber etwas anderes: der Eindruck, weder das eine noch das andere, weder eine Bestätigung der Fama noch ein Bild der Wirklichkeit zu finden, sondern auf eine Nebelwand aus Worten und Mitteilungen zu stoßen, die mal meinen, was sie sagen, dann wieder, oft in ein und demselben Brief, auf das Gegenteil dessen zielen, was sie ausdrücken. Etwas Verkapptes, Indirektes, stellenweise ungut Diplomatisches steckt in der ganzen Korrespondenz. Gefühl und Gefühlstaktik, sorgende Leidenschaft und latenter Sadismus mischen sich auf beklemmende Weise - als hätten sich die sinistren Verhältnisse, unter denen diese Liebesgeschichte begann, an den Liebenden und ihrer verrückten Revolte gerächt und ihrer Geschichte Gift injiziert.

Gisela Elsner ist noch sehr jung, sie ist 17, besucht noch die Schule und lebt im Nürnberger Elternhaus, als sie Ende 1954 den acht Jahre älteren Studenten Klaus Röhler kennen lernt. Er studiert in der eine halbe Zugstunde entfernten fränkischen Universitätsstadt Erlangen. Die Bekanntschaft stößt sofort auf den Widerstand der großbürgerlichen Elsnerschen Eltern, die ihre Tochter mit dem Chauffeur zur Schule bringen lassen. Sie halten nichts von diesem Röhler, seiner ökonomisch haltlosen, weltanschaulich fragwürdigen und verdächtig bohemehaften Existenz, seinen schriftstellerischen Absichten und vagen Verbindungen zum Literaturbetrieb. Sie suchen die Mesaillance mit allen Mitteln zu unterdrücken, mit Verboten, Tiraden, Kontrollen, dann (als die Geschichte 1957 anlässlich eines Familienurlaubs in Italien eskaliert, wo die minderjährige Gisela mit dem heimlich nachgereisten Röhler ausreißt) mit härteren Mitteln, mit Polizei, Rechtsanwalt und, was zu der buffohaften Schlagseite des Skandals passt, sogar mit einem Detektiv, der auf Klaus Röhler angesetzt wird.

Aber die Problemlinien laufen keineswegs nur längs der Front eines klassischen Generationenkrieges. Auch das jung verliebte Paar kämpft mit sich, allein und zu zweit. Gisela Elsner schreibt von Selbstmordplänen, von denen sie zwei Sätze später wieder abrückt, nachdem sie sich entschuldigt hat, sich "heute so ekelhaft benommen" zu haben und sich zusammenzureißen verspricht. Ein dramatisches Hin und Her in Briefform, das gleichermaßen als Vertrauensbeweis wie als in sich verschlungenes Ablenkungsmanöver zu verstehen ist. Man kann nur ahnen und vermuten, dass es neben der Wildheit, mit der Gisela Elsner ihre Fluchtversuche aus dem luxuriösen Familiengefängnis unternahm, auch einige Furcht vor dem Bindungswillen ihres Fluchthelfers gab.

In ihren Briefen allerdings verschwinden solche Abgrenzungsimpulse häufig in der kaschierenden Stilistik von Ironie und Travestie. Als "Erzieher", als "Sehr geehrter Herr Schulmeister" witzelt sie ihren geliebten Studenten an.

Gefühl oder Gefühlstaktik? – Seite 2

In einem Brief vom Oktober 1956 arbeitet sie einen Katalog von Fragen, die Klaus Röhler ihr offensichtlich gestellt hat, als nummeriertes Antwortprotokoll ab. Nicht anders denn als Blödelei eines verliebten Backfischs wäre die Rollenprosa dieses Briefes zu verstehen, stünde er nicht in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem zwei Monate später datierten Brief, in dem es jählings beklemmend ernst wird. Es geht in diesem Brief um Intimes.

Der Leser erfährt über Gisela Elsners Verachtung der "hündischen Stellung, die die liebe Natur einem gegeben hat", über ihren Ekel davor, solcherart "Bettgenossin" zu sein, etwas mehr, als er womöglich wissen wollte. Natürlich ist es aufschlussreich, in dieser kalt-zornigen Passage die Ankündigung der späteren Hassprosa der Schriftstellerin Gisela Elsner zu sehen. Für die Betrachtung ihrer Korrespondenz ist der Brief allerdings deshalb bedeutsam, weil er die Spur zu einem endgültig rätselhaften Kapitel der Briefgeschichte legt. An dem Rätsel wirkt und schreibt ein Arzt mit, ein Dr. A. aus Hamburg.

Dorthin hatten Elsners ihre Tochter nach dem Italieneklat im Herbst 1957 geschickt. In der Obhut einer Tante soll sie sich konstitutionell erholen und zu Verstand kommen. Beides, körperliche und seelische Verfassung, untersucht in Hamburg der offensichtlich psychiatrisch geschulte Dr. A. Er kommt zu schlimmen Ergebnissen: Verdacht auf Erbgut der Schizophrenie, allseitige Unterentwicklung der Patientin, die sich physisch, psychisch im Stadium einer 15-Jährigen befinde, unter "Fehlsteuerung des inneren Denkens" leide, auf mindestens fünf Jahre hin nicht empfängnis- und gebärfähig sei, im momentanen Zustand Fehlgeburten beziehungsweise die Geburt "geschädigter Kinder, vielleicht idiotischen Charakters" zu befürchten habe und Präparate einnehmen solle, die mal als "Drüsenpräpara te", mal als "Vitaminpräparate" bezeichnet werden.

Repressive Selbstzerfleischung

Mabusehaft an dieser Analyse ist nicht nur ihr Inhalt, sondern die Tatsache, dass sie ein an Klaus Röhler gerichtetes Schreiben darstellt. Wer trägt hier eigentlich Sorge um, wer konspiriert gegen wen? Hat Gisela Elsner den Kontakt zwischen ihrem Geliebten und ihrem Arzt in die Wege geleitet, damit dieser jenem von der Last berichtet, die der Konflikt zwischen "Freundschaft" und "Bett", von dem in einem ihrer Briefe einmal die Rede ist, darstellt? Geht mit einem alten Arzt die Fantasie so weit durch, dass er glaubt, der Warnung vor den Dämonen Sex, Ehe und Geburt die Preisgabe des Arztgeheimnisses schuldig zu sein? Ist es männlicher Kontrolltrieb oder tatsächlich nur Ratlosigkeit, die Röhler veranlasst, mit einem Arzt einen Briefdialog zu führen, dessen ganzer Gestus die eigene Freundin zu einem Fall versachlicht?

Kann es sein, dass einem fast 30-Jährigen, der ein paar Jahre später zum legendären Verlagslektor aufsteigen, der für die Schärfe seiner Textkritik gefürchtet und bewundert werden wird, der Wahnsinn latenter Inquisitorik entgeht, der in den Äußerungen des Psychiaters steckt? Denn es folgen noch einige dieser Dokumente aus dem Museum deutscher Medizingeschichte, in denen Dr. A. vom "schlaffen slawischen Charakter" der Stadt Wien faselt oder urplötzlich die "Verwahrlosung" des "amerikanischen Kapitalismus" geißelt.

Oder sind es alles nur Finten, nimmt das Pärchen Röhler/Elsner den schrulligen Doktor, wie er ist, weil sein Guruauftritt irgendwie die Nürnberger Drachen in Schach hält? Oder: Täuscht man sich als heutiger Leser ganz einfach und sieht misstrauisch Gespenster, wo nichts als die üblichen Verkehrsformen, Ausdrucksweisen und Denkwege jener Zeit, Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre, zu sehen sind?

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Allerdings: Das Thema "Arzt" kehrt ein Dreivierteljahr später in der Korrespondenz des Paares wieder, nun aber deutlich als Waffe vermurkster und erpresserischer Psychologie. Gisela Elsner, die inzwischen in Wien lebt und ein Studium begonnen hat, befürchtet, schwanger zu sein. Die Berichte ihrer Not, einen Arzt zu finden, garniert sie mit Anspielungen, die provozierend ins Frivole gehen: "Glaubst du wirklich, ich brächte es fertig, auf den Strich zu gehen?" In einem weiteren Brief empört sie sich über den Sadismus des Freundes, der ihre Panik absichtlich verlängert und ihr vorenthalten habe, dass er in Deutschland längst einen geeigneten Arzt kenne.

Das Kind, Oskar Röhler, kommt zur Welt. Gisela Elsner ist volljährig. Eine Ehe wird geschlossen, der eine Spanne Glücks beschieden gewesen sein muss, aus der es naturgemäß, da man nun endlich tatsächlich als Familie zusammenlebt, kaum Briefe gibt. Den Eintritt in das literarische Leben, in das Milieu der Gruppe 47 mit seinen Festen, Freundschaften und Kontakten, zu Günter Grass, Hans Magnus Enzensberger, erlebt das Paar noch gemeinsam. Die Karrieren, die beide zu prägnanten Gestalten, ihn zum Luchterhand-Lektor, sie 1964 zur Erfolgsautorin des Romans Die Riesenzwerge, machen, bewältigen - oder erleiden - sie getrennt. Im Jahr 1963 wird die Scheidung vollzogen.

Der äußere Kontakt scheint über Jahre immer wieder abzubrechen, der innere nicht. Von 1968, von einem Brief Gisela Elsners aus London an ihr "liebes Oskarkind", das bei den Großeltern aufwächst, bis 1986 gibt es eine Lücke in der Korrespondenz, die zwar von den Herausgeberinnen um Stimmen Dritter und Vierter erweitert wurde, aber viele, wohl ein Großteil der Briefe Klaus Röhlers fehlen. Gisela Elsner hat sie offensichtlich vernichtet. So hört man vor allem ihre, oft verstellt klingende Stimme.

Sie hat auch das letzte Wort, schreibt den letzten erhaltenen Brief. Es ist, zumal vor ihrem literarischen, sozialen und persönlichen Niedergang betrachtet, eigentlich der schlimmste. Sie rechnet ab. Das kommt am Ende und auch nach dem Ende solcher Liebesqualgeschichten nicht selten vor. Aber selten dürfte es ein Paar gegeben haben, das seine Gefühle so idiotisch und verbohrt durch den Schlamm der Ideologisierung zieht. Eine kleinbürgerliche, im 19. Jahrhundert stecken gebliebene Spießerin zu sein, hat Röhler der Exfrau wohl vorgeworfen, die daraufhin seitenlang Lenin und ihre DKP-Mitgliedschaft gegen ihn ins Feld führt.

Wollte man sich die Geschichte und den Briefwechsel von Gisela Elsner, die sich 1992 umbrachte, und dem im Jahr 2000 verstorbenen Klaus Röhler als Abdruck deutscher Sozialgeschichte vorstellen, hätte man ein Bild aus zwei Teilen in der Hand. Es zeigt die unverhoffte Kühnheit der Nachkriegslinken, die die Gegengeschichte zur Restaurationsepoche schrieb, und es zeigt den übelsten Charakterzug dieser Linken, ihre Anfälligkeit für repressive Selbstzerfleischung und für das Normative. Dass Klaus Röhler der Mann ihres Lebens gewesen sei, schreibt Gisela Elsner auch in ihrem letzten Brief. Aber sie drückt es so indirekt aus, dass man zu überlegen beginnt, wie sie das meint.

Gisela Elsner/Klaus Röhler: Wespen im Schnee. 99 Briefe und ein Tagebuch

Hrsg. von F. Günther-Herold und A. Drescher, mit einem Vorwort von Reinhard Baumgart

Gefühl oder Gefühlstaktik? – Seite 4

Aufbau-Verlag, Berlin 2001

351 S., 22,50 e