Auf eine jahrhundertelange Heiltradition kann ein Naturwirkstoff zurückblicken, der zum Urahn für ein weltweit bekanntes Schmerzmittel avancierte: Acetylsalicylsäure, kurz ASS, besser bekannt unter dem Handelsnamen Aspirin. Im alten Griechenland beschrieb Hippokrates von Kos um 400 vor Christus die schmerzlindernde Wirkung eines Auszuges aus der Rinde von Weiden (lateinisch salix) bei Rheuma. Auch die Äbtissin und Naturgelehrte Hildegard von Bingen (1098 bis 1179) empfahl den Extrakt Rheumageplagten.

Kräuterfrauen kochten im Mittelalter die Weidenrinde auf und bereiteten ein bitteres Gebräu, das Schmerzen lindern und Entzündungen vertreiben konnte.

Doch geriet das Naturheilmittel in Vergessenheit, als das Pflücken der Weiden unter Strafe gestellt wurde, weil man sie dringend für die Korbherstellung benötigte.

1763 entdeckte Edmund Stone, Reverend in Chipping-Norton, Oxfordshire, die Heilkraft des Naturwirkstoffes wieder und machte die britische Royal Society of Medicine auf die schmerzlindernde Wirkung einer Essenz aus der Rinde der Silberweide aufmerksam. "Nach meiner praktischen Erfahrung liefert die Rinde eines englischen Baumes ein starkes Adstringens und ist sehr wirksam gegen mit Schüttelfrost einhergehende Erkrankungen und Wechselfieber", schrieb er an den "Sehr Ehrenwerten George, Earl of Macclesfield, Präsident der Royal Society in London".

Es dauerte noch einmal knapp 100 Jahre, bis es dem Marburger Chemieprofessor Hermann Kolbe 1859 gelang, den eigentlichen Weidenwirkstoff zu isolieren: die Salicylsäure. Der Bayer-Chemiker Felix Hoffmann schaffte es schließlich 1897, die Substanz so abzuwandeln, dass sie verträglicher wurde, und landete einen pharmakologischen Welterfolg: ASS hemmt im Körper die Bildung bestimmter entzündungserregender Botenstoffe 100-mal stärker als der natürliche Ausgangsstoff Salicylsäure. Für die Aufklärung des molekularen Mechanismus wurde der englische Pharmakologe John Robert Vane 1982 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet.

Heute ist der Wunderstoff aus der Natur buchstäblich in aller Munde.

Milliarden von Menschen kennen und schätzen ASS. Über 40 000 Tonnen werden pro Jahr weltweit in Hunderten von Präparaten eingenommen. Das hängt auch mit der Vielseitigkeit des Wirkstoffes zusammen.