Zuvor allerdings möchte ich noch einen klitzekleinen Traum gestehen: Ich möchte mich erinnern können. Ich habe ein positives Verhältnis zu meinem Schlafzimmer. Ich freue mich meistens, schlafen zu gehen, weil ich es gar nicht erwarten kann, was sich die Kobolde im Kopf an Nachtträumen ausgedacht haben. Manchmal allerdings war der Tag so anstrengend, dass mich nächtliche Fantasien verlassen wie Eulen, die die Morgensonne verjagt. Das ist schade und traurig. Mein Unterbewusstsein speichert so vieles, was mir gehört - das aber nicht immer herausgelassen wird, wenn ich danach verlange. Ich habe einen Traum, dass ich mir meine Träume endlich merken kann und dass immer ein Schlüssel zu meinen Nachtgespinsten passt.

So wie ich mir wünsche, in mir selbst lesen zu können, wenn mir danach ist, genauso wünsche ich mir, dass mir dies bei anderen auch gelingt. Ich frage mich ziemlich oft: Was fühlen Menschen, wenn sie mir gegenüberstehen? Was denken sie von mir, wenn ich meine Launen habe, wenn ich mich von ihnen angezogen fühle, wenn ich mit ihnen streiten will oder mir wünsche, sie würden für immer aus meinem Leben verschwinden? Frauen waren mir schon immer ein großes Rätsel - doch Männer noch viel mehr. Deshalb bildete ich mir früher ein, ich sei eine arme, kleine Frau, die zudem noch farbig ist und die immer ihre Extrakämpfe gegen die Männerwelt ausfechten muss. Ich wünschte mir als Mädchen sogar, ich hätte eine weiße Hautfarbe, weil mir die vornehme Blässe der anderen Kinder so gut gefiel und ich meine Farbigkeit als viel zu hervorstechend empfand.

Wenn ich davon spreche, dass ich gern das dritte Auge hätte, meine ich damit, dass ich davon träume zu durchschauen, was eigentlich die Kraft bedeutet, die mich erfand und die um mich herum alles mal laut, mal leise, mal grell oder mal fad managt und bestimmt. Ein Physiker würde jetzt sagen: Es sind die Atome, die jedem Stoff innewohnen, die für Zusammenhalt und Explosion sorgen. Ich spreche lieber vage von einer Kraft da "draußen", also außerhalb von mir, die mich in jedem Moment umgibt und mein Tun und Handeln beeinflusst.

Sie will erobert werden: Sie kann mich behindern, fördern, traurig oder fröhlich machen. Aber sie will vor allem beachtet werden. Ich kann ihr keinen Namen geben, denn sonst definiere ich sie. Vielleicht würde sie sich dadurch missverstanden fühlen. Ich begegne ihr mit Respekt.

Mein Traum, diese Kraft zu durchschauen, bringt mich noch weiter. Da sie in Menschen, Bäumen, Straßen, Farben steckt, wünsche ich mir, ich könnte zuerst hinter die Stirn der Menschen blicken, um zu erfahren, welchen Einfluss diese Kraft auf ihr Handeln hat. Was für Rollenabläufe verzahnen sich mit emotionsbestimmten Entscheidungen, zum Beispiel bei Männern, die einen Krieg führen? Ich würde gerne die Herrschaft des Menschen über den Menschen durchschauen, die in einen Kampf mündet, der zunächst mit Worten, später mit Dekreten und noch später mit Waffengewalt ausgetragen wird. Oder bei Beziehungen: Wie schwer ist es wirklich, ehrlich zu bleiben, auch wenn die Liebe schon erloschen ist? Was denkt dein Gegenüber, wenn du selbst im siebten Himmel schwebst? Wer beherrscht wen oder ließe es sich gefallen, beherrscht zu werden? Wo beginnt die Macht, die jemand über dich erlangen will, oder wie sind die Rufe "Nimm mich! Lass mich nie los!" zu werten?

Die Kraft, die in jeder Materie steckt. Was fühlt der Asphalt, wenn Autos über ihn rollen? Was fühlt Gras, wenn es wächst? Warum hat die Farbe Rot den Einfluss, den man ihr so oft zuschreibt? Ich lebe nicht solitär. Ich mache Kunst, wie ich sie verstehe, und freue mich, wenn andere sie auch verstehen. Aber ich leiste mir den Luxus, nicht darauf zu achten, was andere von mir denken. Der Traum, die Kraft zu durchschauen, die allem innewohnt und die manchmal so verdammt negativ sein kann, ist ein Wegbegleiter bei meiner Musik, meinen Texten und meinem privaten Leben.

Verführerischer Traumaspekt: Flucht vor der Kraft durch Flucht vor der eigenen Realität. Hätte ich die Innensicht auf Menschen, könnte es sein, dass ich mir jemanden aussuche, dem ich die Verantwortung für mein Leben übertrage. Ich übergebe mich einem anderen, schlüpfe praktisch in ihn wie ein Parasit und bitte ihn, für mich und meine Entscheidungen zu sorgen. Ich wäre befreit von dem Druck, den die Kraft auf mich ausübt, wäre entleert und gänzlich frei.