Aber die Menschen fliehen nicht. Dicht gedrängt bleiben sie zu Hunderttausenden hinter der Absperrung stehen. Der Krach ist ein Kunstprodukt: Das Knallen der Kanonen ist komponiert wie eine klassische Sinfonie. Auf dem Rathausbalkon steht Spaniens Ministerpräsident José María Aznar neben der Bürgermeisterin Rita Barberá. "Eine Sinfonie ohnegleichen. Wagner, Mozart, Beethoven in einem Werk vereinigt, arte militar - echte Militärkunst", schwärmt der hoch dekorierte Direktor des Militärmuseums. Auch Germa Molina, die politisch links orientierte Lehrerin, ist begeistert von dem Lärm: "Unglaublich diese Harmonie." Bach und Händel kommen ihr in den Sinn.

Die Kunst des Lärms

Anderen zerreißt es fast das Trommelfell. Immer wieder muss man sich die Ohren zuhalten. 120 Kilogramm Sprengstoff hat Ricardo Caballer innerhalb von sechs Minuten mit einem infernalischen Getöse in die Luft gejagt. An den nächsten Tagen werden es nicht weniger sein. Der Meister schreitet nach getaner Arbeit über den gesperrten Teil des Platzes. 400 000 Menschen jubeln ihm zu. Wie ein Stierkämpfer nimmt der Pyrokünstler die Huldigung des Publikums entgegen. "Mascletá" - so nennt man das gleichzeitige Abbrennen Tausender Feuerwerkskörper, die, teils in Rohren auf den Boden aufgestellt, teils an langen Schnüren in der Luft miteinander verbunden, ebenjenen ruido tradicional, jenen ursprünglichen Lärm, produzieren. Die allmittägliche Krachorgie ist ein wesentlicher Bestandteil der Fallas, des größten Volksfests von Valencia, das die Millionenstadt zwischen dem 16. und dem 20. März nicht zur Ruhe kommen lässt.

Im Fallas-Museum kann man die Geschichte des Festes nachverfolgen. Das Wort falla leitet sich vom lateinischen Wort facula für Fackel ab. Ursprünglich sollen es Schreiner und Zimmerleute gewesen sein, die im 13. Jahrhundert auf den Gedanken kamen, am Vorabend des Josefstags ihre während des Winters in den Werkstätten angesammelten Holzreste zusammenzutragen und zum Vergnügen aller zu verbrennen. Später wurden zusätzlich Strohpuppen verfeuert, denen man gern das Aussehen missliebiger Politiker und anderer Autoritäten gab.

Mittlerweile sind 150 000 Valencianer in circa 400 Fallas-Vereinen organisiert, die sich ehrenamtlich in ihren Stadtteilen für das Fest der Feste engagieren und jeweils für eine der aufwändig gestalteten monströsen Riesenfiguren aus Pappmaché, neuerdings auch aus Kunstharz, verantwortlich sind. Hunderte von Ingenieuren, Bildhauern, Malern und Schreinern arbeiten monatelang an den bis zu 10 Tonnen schweren und 20 Meter hohen Gestalten, die ebenfalls Fallas heißen und für deren Aufstellung man Kräne benötigt.

In Valencia leben ganze Berufszweige von der Produktion solcher überdimensionalen barocken Ungetüme, die mittlerweile sogar zum Exportschlager nach Übersee geworden sind. Die Fallas, die ähnlich den Motivwagen unserer Karnevalsumzüge einen satirischen Charakter haben, sind jeweils von zahlreichen kleineren plastischen Figuren mit lebensnahen Wachsgesichtern umgeben, den so genannten Ninots. Aus diesen Karikaturen wird jedes Jahr per Volksabstimmung eine Figur vor dem Verbrennen gerettet und wandert ins Museum. Salvador Dalís surrealistische Ninots fanden leider keine Gnade vor den Augen des Publikums. Sie wurden ein Opfer der Flammen.

Die ganze Stadt ist auf den Beinen. Wir schlendern im Gedränge von Falla zu Falla, bewundern die King Kong ähnlichen Riesenfiguren, die von zahlreichen Straßenkreuzungen und von allen Plätzen auf uns herunterstarren, und schauen uns dabei Valencia an. Die gesamte Altstadt zwischen den Wachtürmen Torres de Serrano und Torres de Quart ist in den vergangenen Jahren aufwändig renoviert worden. Geschmackvoll restaurierte Paläste und Fassaden, helle modische Geschäfte, ultraschicke Szenekneipen, eine High-Tech-Straßenbahn zum Meer, dazu die neue "Stadt der Künste und Wissenschaften", ein architektonisch gewagter futuristischer Museumskomplex im trockengelegten Flussbett des Río Turia - Valencia gibt sich modern, ohne seine Tradition zu verleugnen. Die Llotja, die Seidenbörse aus dem späten 15. Jahrhundert, gehört mittlerweile zum Weltkulturerbe. Direkt gegenüber breitet sich auf 8000 Quadratmetern lichtdurchfluteter Fläche El Mercat aus, Spaniens schönster Markt, ein Jugendstilgebäude mit Glaskuppeln, Eisenverstrebungen und bemalten Kacheln.