Yes, come in, antwortet die Stimme auf das Klopfen. Erste Amtssprache am Tribunal ist Englisch. Der deutsche Richter ist versunken in Lektüre, die Füße neben einem Stapel Akten auf dem Tisch. Es sieht so gemütlich aus, da will man gar nicht stören. - Gemütlich? Er lacht. Davon kann keine Rede sein. Kommen Sie ruhig rein, ich lese gerade etwas über Folter. Er nimmt die Füße vom Tisch. Kaffee?, fragt er und macht sich an der Espressomaschine zu schaffen. Sein Büro ist Arbeitszimmer und Wohnzimmer in einem. Bis zu zwölf Stunden seines Tages gehören dem Tribunal.

Folter, Versklavung, Vergewaltigung, Massenmord, Vertreibung, Deportation - das sind für Richter Wolfgang Schomburg Straftaten, die er täglich mit fast klinischem Blick betrachtet. Er hat sich in der hellen Couchecke seines Arbeitszimmers niedergelassen, neben dem Regal mit Rechtsliteratur und Balkangeschichte. Schomburgs Anzug und Krawatte sind blau. Passend zu den UN-Kaffeebechern und der UN-Flagge, die draußen vor dem Bau am Den Haager Churchillplein weht, in dem Schomburg Akten studiert und Recht spricht. Es ist der Sitz des internationalenTribunals für Kriegsverbrechen im früheren Jugoslawien (ICTY - International Criminal Tribunal for the Former Yugoslavia).

Als der Anruf kam, hat er nicht lange gezögert

Wolfgang Schomburg ist der erste und einzige deutsche Richter an einem internationalen Tribunal. Als im Dezember 2000 der Anruf aus dem deutschen Justizministerium kam mit der Frage, ob man ihn für Den Haag vorschlagen dürfe, hat er nicht lange gezögert. Andere Richter befassen sich mit Autodiebstahl oder Zigarettenschmuggel. Schomburgs Fälle sind jetzt Verfahren gegen Kriegsverbrecher. Ein Gericht wie das, an dem er im November 2001 schließlich vereidigt wurde, gibt es derzeit an nur zwei Orten der Erde. Im tansanischen Arusha tagt das Ruanda-Tribunal und im niederländischen Den Haag, der Welthauptstadt des Rechts, das Tribunal für Jugoslawien. Beide Gerichte wurden vom Weltsicherheitsrat der UN als dessen Hilfsorgane geschaffen, auf Papier, durch Resolutionen, die sich verwandeln sollten in einen großen, lebendigen Organismus der Gerechtigkeit.

Zehn Tage dauerte das Verfahren in New York, bei dem die Generalversammlung der Vereinten Nationen unter 25 Kandidaten 14 neue Richter für das Tribunal auswählte - in harten Verhandlungen zwischen den Staaten und insgesamt sieben Wahlgängen. Der 53-jährige Deutsche erhielt 118 Stimmen und lag damit auf Platz fünf, neben dem Kollegen Carmel Agius aus Malta. Man merkt ihm an, dass er immer noch stolz darauf ist. Viele der 100 Diplomaten in New York, die ihn vor der Wahl einzeln und jeweils etwa 30 Minuten lang interviewten, wollten von ihm wissen, was der neue Job für ihn als Deutschen bedeute. Ich habe ihnen gesagt, ich bin mir meines Deutschseins bewusst und betrachte es als eine besondere Herausforderung, am Tribunal mitzuwirken, erklärt Schomburg.

Ein deutscher Richter in Den Haag - das ist ein Stück Normalisierung. Denn Statut und Rechtsprechung des Haager Tribunals verdanken sich nicht allein der 1949 entstandenen Genfer Konvention, sondern auch nicht zuletzt dem Nürnberger Tribunal der Allierten von 1945 und 1946. Wurde dort in einem internationalen Verfahren über Deutsche gerichtet, so richtet nun auch ein Deutscher - und zwar über Angehörige eines Volkes, das im Zweiten Weltkrieg zu den Opfern der Deutschen gehörte.

Schomburg kommt aus einer Familie mit sozialdemokratischer Tradition. Geprägt hat ihn das Vorbild des antitotalitären Großvaters, Waldarbeiter im Harzdörfchen Altenbrak am Brocken, und das der sozialdemokratischen Eltern, eines Ingenieurs und einer Übersetzerin, deren einziges Kind Wolfgang war.