Es war Mai, als ein neuartiges Versprechen in der Luft lag, für das sich das verliebte Mädchen allerdings nicht interessierte. Denn es war ein politisches Versprechen, das in Artikel 3, Absatz 2 der Verfassung steckte: Männer und Frauen sind gleichberechtigt! Dem Mädchen aber lag damals nichts an Politik. Es wollte tanzen. Mit einem jungen Mann, der seinerseits politisch viel vorhatte. Der schien Schutz zu bieten, das war für dieses Flüchtlingsmädchen das Wichtigste.

Mai 1949: In der Verfassung, mit der die Bundesrepublik begann, stand der Gleichheitsgrundsatz ganz vorn unter den Grundrechten

und dass der Staat dafür zu sorgen habe, Nachteile auszugleichen. Aber der Staat, das Recht, die Politik erschienen diesem Flüchtlingskind als übles Geschäft.

Über das Mädchen Hannelore Renner, das im Frühling 1949, eben sechzehn Jahre alt, im Pfälzischen mit Helmut Kohl zu In the Mood tanzte, hat später Hannelore Kohl, die Kanzlergattin gesagt: "Ich brauchte alle Kraft für mich und habe mich tunlichst herausgehalten aus allem Politischen. Dieses elementare Erleben bei Kriegsende hatte ein Gefühl der Ungerechtigkeit in mir aufgebracht. Man fühlte sich als Spielball. Und Politik hatte ja den Krieg zum Ergebnis gehabt." Das ist der Sound der Fünfziger, so spricht eine konservative Unpolitische.

Über die Sache mit der Gleichberechtigung hat sie die schlecht redigierten, aber sprechenden Sätze gesagt: "Ich habe mich in unserer Ehe nie emanzipieren müssen, und ich bin es bis heute nicht. Aber ich bin selbständig. Mein Mann ist ein guter Ehemann." Wer eine gute Ehe führt, muss doch nicht frei und gleich sein - das wäre weder Danielle Mitterrand noch Cherie Blair noch Raissa Gorbatschowa eingefallen. Sich emanzipieren müssen: In dieser Formulierung liegt das deutsche Politikum.

Das Leben jener Frau mit dem ambivalenten Verhältnis zur Politik, die viele bequemerweise für eine Barbie aus der Pfalz hielten, erzählen nun, nur knapp acht Monate nach ihrem Tod, bereits zwei Biografien. Wahrscheinlich wäre keine von beiden erschienen, hätte sich die Frau des Altkanzlers nicht das Leben genommen. Der Freitod, zumal wegen seiner zeitlichen Nähe zur CDU-Spendenaffäre, musste die unangenehme Frage nach der Schuld aufwerfen.

Eine Frage, die in diesem Fall eine geschichtspolitische ist. Welche Spuren wird der Tod seiner Frau im Bild Helmuts Kohls hinterlassen?

Eine der beiden Biografien hat die englische Journalistin Patricia Clough geschrieben, eine ausgewiesene Kennerin Deutschlands, Autorin einer Biografie Helmut Kohls, über Jahre Korrespondentin für die Times und den Independent, und dieses Buch trägt den Titel Hannelore Kohl. Zwei Leben (ein übrigens irreleitender Titel, davon später).

Die andere Biografie hat der jüngere Sohn Peter Kohl gemeinsam mit der Journalistin Dona Kujacinski verfasst und der Illustrierten Bunte schon mal zum Vorabdruck gegeben, wo sie seit Wochen unter betrogenen Gattinnen, liebeskranken Prinzessinnen, tapferen Kranken in fragwürdiger Gesellschaft ist: Betrogene Ehefrauen. Gehen oder bleiben?, fragt der eine Titel, voller blonder Damen, anlässlich der Misere von Uschi Glas , die auf dem anderen Titel mitteilt: "Ich denke an Trennung", Prinzessin Margaret daneben, Ihr Leben zwischen Liebe und Verzicht, und mittendrin eben: Hannelore Kohl. Ihr Leben. Geschmackssache.

Um es gleich zu sagen: In keinem der beiden Bücher wird ein geheimer Abgrund aufgedeckt. Keine neuen Nachrichten in Bezug auf Spenden oder Krankheitsbild.

Die Frau ist - wen überrascht das? - nach Lage der Quellen weder ein warmherziges Dummchen noch das Opfer eines rücksichtslosen Mannes gewesen, wurde wohl nicht mal im landläufigen Sinne betrogen. Sondern sie war eine klarsichtige Person, diszipliniert, eine Perfektionistin. Den Söhnen hat sie ein hoch qualifiziertes Leben außerhalb Deutschlands ermöglicht. Wenn sie durch ihre Lichtallergie, die eine Penicillindosis ausgelöst hatte, Schmerzen hatte, ging es am besten keinen was an, Angst rang sie nieder. Sie wollte sich unter Kontrolle haben, und das sah man ihr an.

Zwanzig Jahre später geboren, vermutet Clough mit einigem Recht, wäre sie wahrscheinlich eine erfolgreiche Architektin statt "nur" die Bauherrin ihres Hauses geworden oder Ingenieurin, sie wollte ja Mathematik studieren, das war nur zu teuer. Sie hielt viel von beruflich erfolgreichen Frauen, etwa von ihren Schwiegertöchtern. Über die vermeintliche Geliebte ihres Mannes sagte sie, wie auch bei Clough zu lesen ist, Juliane Weber sei ihre "liebste Freundin", attraktiv außerdem, und wer zur Kenntnis nimmt, dass beide Frauen gern zu zweit in die Ferien fuhren, soll das Gegenteil erst mal beweisen.

Und warum wäre all dies von öffentlichem Belang? Weil es hier nicht nur um eine Frau, sondern um die Frage der Deutungshoheit geht. Die eine Biografie wurde mit der Unterstützung Helmut Kohls geschrieben, die andere nicht.

"Dr. Helmut Kohl ist gegen dieses Buch", so heißt der erste Satz von Patricia Clough, und das allein wird ihm einige Aufmerksamkeit sichern. Denn Kohl hat die Autorin wissen lassen, die Familie, Freunde und Mitarbeiter ständen nur für die andere Biografie als Gesprächspartner zur Verfügung. Um das Bild seiner Familie und seines Lebenswerks, schreibt Clough verärgert, "eifersüchtig vor jenen zu hüten, welche die Dinge anders sehen ... Für ihn ist das einzig faire Bild sein eigenes." Ein Kontrollbedürfnis, das nicht eben auf Souveränität des Altkanzlers schließen lässt. Ahnt er nicht, dass man in der Illustrierten-Welt der betrogenen Frauen den Ehemännern kaum zutraut, zur Aufklärung des Schlamassels etwas beitragen zu können?

Clough allerdings hat sich von der Spurensuche nicht abhalten lassen, hat sich durch das Bundespressearchiv, das Leipziger Stadtarchiv, das sächsische Staatsarchiv gegraben, hat doch mit einer Menge Leute, wenn auch oft ungenannten, reden können. Hat vor allem Hannelore Kohl selbst sprechen lassen (die Quellenangaben fehlen, das macht den Text lesbar, ist trotzdem ein Mangel). Das Bild, das so entsteht, ist fair ohne Ende, kommt ohne Pathos aus, ohne Süßlichkeit, und würdigt unangestrengt die Lebensleistung der Frau Kohl, ob in ihrem Engament für die Hirnverletzten oder als alleinerziehende Mutter, ob sie dem Druck durch den RAF-Terrorismus standhalten musste, der auch ihre Familie bedrohte, oder später dem Druck der Öffentlichkeit, die ihren Mann in der Spendenaffäre vom Podest des makellosen Staatsmannes holte.

Die angekündigte Hausdurchsuchung muss für jemanden, der wie sie das Private zum Bollwerk gemacht hatte, eine Demütigung gewesen sein.

Die Kindheit, die Flucht

Dass es eine wahre Frau hinter der Fassade gäbe, wie es der Titel nahe legt, das sei - wen wundert's? - "ein Irrtum", sagt Clough. "Die öffentliche Hannelore Kohl war die wahre Person, die ihre Pflichten voller Überzeugung und mit aller ihr zur Verfügung stehenden Kraft erfüllte." Dies also an die Adresse derer, die meinen, so könne ein weiblicher Mensch nur gezwungenermaßen leben. So ein Leben kann man trainieren, geschont hat sich diese Frauengeneration selten. Ein Zeuge, der Frau Kohl gut gekannt haben soll, spricht von ihrer Künstlichkeit. Nur darf ihn Clough nicht beim Namen nennen.

Den Anfängen - der Kindheit, der Flucht - gilt Cloughs besonderes Augenmerk: In den Archiven hat sie Hinweise auf die "kriegswichtige" Arbeit des Vaters gefunden, der Ingenieur war und bei der HASAG in Leipzig Karriere machte. Die baute die Panzerfaust, an deren Entwicklung Renner jedoch nicht beteiligt war. Am 1. April 1933 trat er in die Partei ein: "Ihr Vater war ganz dem Zeitgeist verhaftet", bilanziert Clough zurückhaltend und betont - wie zum Nachweis der Sorgfältigkeit -, es gebe "keinerlei Hinweise darauf, dass Renner persönlich an irgendwelchen Verbrechen seines Unternehmens beteiligt gewesen ist" (das heißt: an der schlimmen Behandlung von Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen).

Daneben die Erfahrungen des Kindes, das die Luftangriffe erlebt, buchstäblich aus heiterem Himmel also: "Ich war zweimal in brennendem Asphalt eingeschlossen", sagt Hannelore Kohl später, spricht von dem Mann mit rot glühendem Stahlhelm, dem sie helfen musste, von Menschen mit Lungenriss und wie sie einmal aus einem Fenster geworfen wurde. All dies sind Äußerungen, die so nur bei Clough stehen, der Sohn hat auf sie verzichtet. Warum?

Hannelore Kohl hat kein Aufhebens um ihre traumatischen Erlebnisse gemacht.

Ihre Eltern, sagte sie, haben damals mit ihr nicht über die Verbrechen der Deutschen gesprochen. Ob sie später mit der Frage nach der Mitschuld ihrer Eltern befasst war? Was aus ihrem Bedürfnis wurde, den Vater zu idealisieren, der 1952 starb, als sie fast zwanzig war, und von dem sie sagte, er sei früh gestorben? Beide Biografien geben keine Antwort. Im Buch des Sohns sagt Helmut Kohl, er sei für seinen Schwiegervater auch ein unverständlicher Mensch gewesen, wegen des politischen Engagements: "Vater Wilhelm hat sich für Politik nicht interessiert, und darüber zu reden wäre ihm nie in den Sinn gekommen."

Das Buch des Sohns wirkt merkwürdig angestrengt. Es sortiert die Welt in Freunde und Gegner, und hier kommen die Freunde zu Wort: die Freundinnen Rena, Annegret, Ursula, Irene (die sie bis zuletzt treu umgaben), die Mitarbeiter (die sie bis zuletzt schätzten), die Söhne (nur die Schwiegertöchter fast gar nicht), die Ärzte (ein prominenter Kenner der Krankenakte wird gleich eingangs als medizinischer Berater gewürdigt), die Brüder Ramstetter, das Tagebuch der Mutter Renner (",Püppi' macht bitte, bitte"), das mit der Eheschließung der Tochte r abbricht. Ausführlich Helmut Kohl.

Die "umfassende Ausbildung von Körper und Geist", heißt es über die Leipziger Kindheit in dieser Biografie, "entspricht ganz dem Ideal der Zeit". Das heißt hier nicht nationalsozialistisch, aber von der protestantisch-preußischen Prägung des Kindes ist dafür die Rede: "Selbstbeherrschung" muss die Kleine lernen, "jede Form von Wehleidigkeit ist verpönt". Vielleicht fehlen hier auch deshalb die Details des Kriegsendes, vielleicht kommt hier Hannelore Kohl auch deshalb nur wenig zu Wort.

Das Bild, mit dem wir ausgestattet werden, ist das einer selbstständigen Frau, die wie ein Soldat diente und darin ihre Erfüllung sah. In einer Republik, die erst vom Terrorismus, dann von den Nachrüstungsgegnern in Unruhe versetzt wurde, von den Einheitsskeptikern, den Gegnern des Golfkriegs, von denen, die in den Augen der Familie eine Art Rufmordkampagne starteten, weil ihr Mann die Namen der Spender nicht nannte.

Sohn Walter hält es für nötig zu erwähnen, wie sehr Angela Merkels Distanz zu Kohl die Mutter gekränkt habe, und so entsteht die Suggestion, das feindliche Lager trage am Tod von Frau Kohl, vorsichtig gesagt, eine Mitschuld: psychosomatische Einflüsse. Die unheilbar kranke Frau ging nicht aus dem Leben, ohne ihren Nächsten ihre Treue und Liebe neuerlich zu versichern, in Briefen, welche die Öffentlichkeit nun gewiss gar nichts angehen. Nein, die Darstellung überrascht niemanden, auch nicht in den Details. Ob jemand sie einleuchtend findet?

Die Chance, sie an den Quellen zu überprüfen, werden erst die Nachgeborenen haben, und so lange kann das Buch von Patricia Clough die Lücke gut füllen.

Ob die Angelegenheit dann noch von Interesse ist? Den Frauen der Generation von Hannelore Kohl wäre es zu wünschen. Denn gerade für sie wurde ja das Gleichheitsversprechen der Verfassung ersonnen. Und für ihre Söhne.

Patricia Clough: Hannelore Kohl

Zwei Leben

aus dem Englischen von Peter Torberg

Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart/ München 2002

224 S., 19,90 e

Dona Kujacinski/Peter Kohl: Hannelore Kohl

Ihr Leben

Verlag Droemer, München 2002

382 S., 19,90 e