Nur einen Lidschlag dauert es, bis Siegfried Maruschke rot angelaufen ist. Zwei-, dreimal klappt sein Kiefer auf und zu. Er ringt nach Worten. Doch die aufsteigende Wut lässt sich nicht mehr herunterschlucken. Starr wird der Körper, die Hände ballen sich zu Fäusten. Dann gurgelt es herauf, aus der Tiefe seines Bauches: Das ist mein Samen! Betretenes Schweigen im Besprechungszimmer. Mein Samen!, setzt er noch mal nach. Blicke weichen aus. Auf die Holzvertäfelung. Auf die Neonröhren unter der niedrigen Decke.

Auf das Wappen der Republik. Normalerweise gilt Maruschke als umgänglicher Gesprächspartner. Aber wenn es um sein Heiligstes geht, hört der Spaß auf.

Das Heiligste liegt vor uns auf dem Tisch. Hellbraune Körnchen, kaum größer als der Einstich einer Stecknadel. Vorwitzig sind sie aus einem Briefumschlag gerieselt, den Maruschkes Sohn Fito gerade aus dem Tresor geholt hat. Zwei Gramm genügen - und bald steht ein Hektar Land eng bewachsen mit mannshohen Pflanzen. Tabakpflanzen, deren zwei Monate währendes Leben Maruschke umsorgt wie das einer Filmdiva. Und am Ende liegen die Blätter, streng nach Sorten und Jahrgängen sortiert, in Maruschkes Lagerhallen, die lang sind wie Hangars und von Personal mit schweren Kalibern bewacht werden. So viel als Antwort auf die Frage, die den Zorn des Hausherrn auslöste: ob ein solch winziger Schatz nicht leicht abhanden komme?

Maruschkes Gesicht nimmt allmählich wieder seine Ausgangsfarbe an. Schnaufend zieht er eine Frucht seiner Arbeit aus der Brusttasche des Hemdes. Mein Körper ist mein Humidor, pflegt er zu sagen. Beschnüffeln, Ende abschneiden, in Brand setzen sind eins. Und solche Stimmungsschwankungen sind wohl verständlich in einer Gegend, wo drei-, viermal im Jahr die Tassen im Schrank wackeln. Nicht nur an Hurrikans wie David oder George sind die Dominikaner gewöhnt, sondern auch an Erdbeben.

Der Tourismus hat die Dominikanische Republik zur DomRep gemacht, er hat aus Strandhütten ein Ballermann geschaffen und All-inclusive zur Ideologie erhoben. 250 000 Deutsche kommen jährlich. Die meisten lassen sich in Puerto Plata und Punta Cana Bändchen ums Handgelenk legen, die zu Freigetränken berechtigen. Andere bevorzugen Luxusghettos wie das Casa de Campo im Südosten der Insel, einem Teletubbie-Land mit Golfplätzen, 300 hauseigenen Polopferden und Mauern wie Hollywoodkulissen.

Maruschkes Firma José Méndez liegt in Santiago de Los Caballeros, eineinhalb Autostunden südlich von Puerto Plata. Auf den ersten Blick erinnert sie eher an das Ausrolllager einer Spedition als an den Sitz eines Tabakbarons. Doch die Bescheidenheit täuscht. Nicht nur weil in diesem betriebsamen Handelszentrum mehr Geld verdient wird als in der wuchernden Kapitale Santo Domingo an der Südküste der Insel. Wenn Maruschke eine Montechristo, eine Upmann oder eine Laura Chavin in die Hand nimmt, dann tut er das auch in der Gewissheit: Sie ist hier gewachsen, im Valle Cibao. Von riesigen Bergketten wird das 400 Quadratkilometer große Tal gesäumt. Flamboyants und ungezählte Palmenarten stehen zwischen den Feldern. Auch die Davidoff wächst hier, seit sich Zino 1988 mit den Kubanern überworfen hat.

Tabak ist neben dem Tourismus die wichtigste Devisenquelle. Kurz nachdem Kolumbus 1492 die ersten Ureinwohner der Insel Hispaniola mit qualmenden Gebilden in den Nasenlöchern antraf, begannen die Spanier an Ort und Stelle mit dem Anbau. Aber zum weltgrößten Produzenten handgerollter Zigarren wurde die Dominikanische Republik erst in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Scharenweise flohen enteignete Tabakfabrikanten vor dem Fidelismus auf die benachbarte, zweitgrößte Antilleninsel. Ihr Heiligstes nahmen sie mit. Seitdem gedeiht Pilote Cubano oder Olor auf dominikanischem Boden, und es gibt viele kubanische Marken auch in einer dominikanischen Version. Zuvor hatte man hier nur Criollo angebaut - jenes stinkende Kraut für schwarze Zigaretten, deren Rauchern man nachsagt, sie fräßen kleine Kinder mit Senf.