Nach mehreren grotesken Wahlgängen des 77-köpfigen Fernsehrats, der buntesten Interessen-Hydra des Landes, standen die erwünschten beruflichen Qualifikationen fest: Journalist kann er, muss er aber nicht sein. Feste politische, kirchliche oder andere normative Standpunkte sind Voraussetzung, sollten indes nicht prägend wirken. Bekanntheit ist erwünscht, aber nur kein Ruhm. Frische Führungspersönlichkeit sollte er auf Bürokorridoren chargieren können, aber nicht zu heftig, bitte. Kurzum: Präsentiert wird ein Manager aus dem tiefen Reservoir der deutschen Konsens-Elite. Was Nettes eben, in der deutschen Modefarbe Schwarz-Grau. Genauer: Es ist, wenn Stoiber kein Machtwort spricht, das Vorstandsmitglied der Bertelsmann AG Manfred Harnischfeger, zuständig für "strategische Aufgaben". Vor denen stünde er auch nach seiner Wahl - mit den TV-Produktionsstätten des Gütersloher Medienkonzerns im Hintergrund. Und klappt es nicht: ARD-Programmdirektor Günter Struve sitzt auf der Ersatzbank.

Die Komödie um die Nachfolge des scheidenden ZDF-Chefs Dieter Stolte ist beispielhaft für den deutschen Korporatismus, dieses Bündnis für die Wiederkehr des Immergleichen. In seiner gültigen Museumsfassung ist es im ZDF-Staatsvertrag zu besichtigen: Aufgetragen wird den Journalisten, "ein umfassendes Bild der deutschen Wirklichkeit" widerzuspiegeln - eine ästhetisch unlösbare Verpflichtung. Dabei sind selbstverständlich alle "sittlichen und religiösen Überzeugungen der Bevölkerung zu achten". Ausführlich regelt der Vertrag die "Kurzberichterstattung" - inklusive der "anderthalb Minuten"-Meldungen, die uns als sinnlose Politiker-Statements aus den heute-Sendungen vergraulen. Im obrigkeitsstaatlichen Tonfall dekretiert der Vertrag: "Wenn Vertretern der politischen Parteien, der Kirchen ... und den Vertretern der Organisationen der Arbeitgeber und Arbeitnehmer Gelegenheit zur Aussprache gegeben wird, so ist ihnen die Möglichkeit der Rede und Gegenrede unter jeweils gleichen Bedingungen zu gewähren." Das ZDF ist, in anderen Worten, ein proporzgebannter, journalistischer Zwitter: halb frei, halb staatlich - öffentlich-rechtlich eben.

Hüter des Status quo ist der Fernsehrat: anthropologisches Abbild der deutschen Clan-Strukturen. Er wählt, wie die afghanischen Warlords auf dem Petersberg, den Intendanten. Hier sitzen sie alle, die rot-schwarz sortierten "Freundeskreise" der Länder und des Bundes, der Parteien und der Kirchen, der Gewerkschaften und Wirtschaftsverbände, des Städtetags, des Sportbunds, der Europaunion Deutschland e. V., des Tierschutzes, der Vertriebenen, und hin und wieder eine Frau. Das Ganze ist so alt wie das Durchschnittsalter der ZDF-Kunden: ein halbes Jahrhundert und mehr.

Der Staatsvertrag verkörpert die historische Furcht der CDU, dass Journalisten a priori "links" seien und in der ARD für den Umsturz kämpfen - und dass ein zweites Fernsehprogramm Waffengleichheit im Nachrichtenkampf herstellen könnte. Inzwischen haben die Öffentlich-Rechtlichen ganz andere Sorgen: Kostenexplosionen und Zuschauerschwund. Ihre Konkurrenzfähigkeit gegenüber den Privaten haben sie bewiesen. Jetzt sollten der Staat, die Parteien, Kirchen und Verbände sich endlich aus den Kontrollgremien zurückziehen - und auf Artikel 5 des Grundgesetzes vertrauen: "Die Pressefreiheit wird gewährleistet ... Eine Zensur findet nicht statt."