Deutschlands virtuellstes Rathaus steht in Memmelsdorf. Das kleine fränkische Städtchen in der Nähe von Bamberg bietet seinen knapp 10 000 Einwohnern die Möglichkeit, einiges von dem online zu erledigen, wofür andernorts ein Behördengang fällig ist. So können Memmelsdorfer ihren Hund per Internet anmelden, eine Auskunft aus dem Melderegister und eine Geburtsurkunde anfordern oder Anträge auf Änderung der Lohnsteuerkarte und Erstattung von Kanalgebühren stellen. Bevor sie das tun können, müssen sie allerdings erst mal persönlich im Rathaus erscheinen und sich ein "Digitales Zertifikat" ausstellen lassen. Das ist die elektronische Unterschrift, mit der sie sich in der Online-Kommunikation gegenüber der Behörde ausweisen. Das Angebot besteht schon seit zwei Jahren, doch nur 250 Memmelsdorfer haben sich bisher das kostenlose Zertifikat besorgt. Und mehr als zehn elektronische Behördendienstleistungen im Monat wurden im Rathaus noch nie abgewickelt.

Gegenüber den großen Visionen, die seit einigen Jahren unter dem Stichwort E-Government die Runde machen, nimmt sich die Wirklichkeit äußerst bescheiden aus. Zwar sind inzwischen die meisten Städte und Gemeinden im Internet vertreten. Viel mehr als ein buntes Schaufenster mit etwas Reklame für potenzielle Investoren und einer Liste mit Adressen und Öffnungszeiten findet sich dort allerdings selten. Nur ein Drittel der deutschen Städte mit mehr als 50 000 Einwohnern bietet nach einer Studie des Wissenschaftszentrums Nordrhein-Westfalen in irgendeiner Form kommunale Dienstleistungen über das Internet an. Fast immer handelt es sich dabei um die Möglichkeit, die wichtigsten Formulare herunterzuladen und zu Hause auszudrucken. Danach müssen sie jedoch weiterhin per Hand ausgefüllt, unterschrieben und oft sogar persönlich aufs Amt getragen werden. Nur in ein paar Städten - zum Beispiel in Düsseldorf oder München - können einige Formulare auch online bearbeitet und elektronisch übermittelt werden.

Während die Bürger seit Jahren ihre Bankkonten online führen und am Bildschirm Bücher, Computer oder Urlaubsreisen kaufen, verweigert ihnen die öffentliche Verwaltung den bequemen Service. Wer zum Beispiel umgezogen ist, muss weiterhin mindestens einen Urlaubstag für all die Behördengänge opfern, bei denen doch eigentlich immer nur drei simple Informationen übergeben werden: alte Adresse, neue Adresse, Umzugstag. Warum ist es nicht möglich, diese drei Angaben ein einziges Mal in ein Internet-Formular einzutragen und ihre Übermittlung an die zahlreichen zuständigen Stellen der Technik zu überlassen?

Diese Frage stand am Anfang eines Forschungsprojekts, das vor fast drei Jahren mit einem Etat von über 50 Millionen Euro begonnen hat. Ziel war die Entwicklung von "rechtsfähigen Transaktionen" zwischen Bürger und Behörde. Als Unterschrift sollte dabei die "Digitale Signatur" verwandt werden. Das ist ein elektronischer Code, der auf einer Chipkarte abgespeichert wird und mit einem entsprechenden Lesegerät an jedem beliebigen Computer zum Verschlüsseln und signieren einer E-Mail oder jedes anderen Datensatzes benutzt werden kann. Die Bedingungen für Ausstellung, Sicherheitsstandards und Anwendung der Digitalen Signatur sind umfassend gesetzlich geregelt; das jüngste, im vergangenen Jahr in Kraft getretene Gesetz stellt sie grundsätzlich der persönlichen Unterschrift gleich.

Damit erfüllt die Digitale Signatur eine Bedingung, die bisher immer wieder als Entschuldigung für fehlende Online-Dienstleistungen der Behörden herhalten musste. Während nämlich ein Internet-Buchhändler einfach selber entscheiden kann, ob er bestellte Bücher schon losschickt, bevor er das Geld dafür bekommen hat, ist das Handeln staatlicher Einrichtungen durch Gesetze streng geregelt. Und diese Gesetze verlangen eben für jede Kleinigkeit die Identifizierung durch eine persönliche Unterschrift.

Seit weit über zwei Jahren arbeiten die Teststädte Esslingen, Nürnberg und Bremen an der Entwicklung von Behördendiensten für Inhaber einer Digitalen Signatur. Das Ergebnis ist mehr als kläglich. In Esslingen kann man einen Anwohnerparkausweis oder eine Hundemarke "rechtsfähig" bestellen, in Bremen ein Urlaubssemester an der Universität beantragen oder einen Nachsendeauftrag an die Post übermitteln. Kein Wunder, dass sich auch hier die Zahl der bisherigen Nutzer an ein paar Händen abzählen lässt. Und das, obwohl im Rahmen des Forschungsprojektes die Digitale Signaturkarte samt Kartenleser, für die normalerweise über 50 Euro gezahlt werden müssten, kostenlos unter die Bürger gebracht wird.

"Seit einigen Wochen ist der Zustrom gleich null", sagt Ulrich Mix, als Leiter des Bürgeramtes im Bremer Stadtteil Horn-Lehe für den betreuten Zugang zu den virtuellen Behördendiensten zuständig. Er ärgert sich, dass das Forschungsprojekt noch immer keine wirklich brauchbaren Dienstleistungen anzubieten hat. "Die haben das Geld, und wir haben die Probleme", sagt Mix mit Blick auf die zwei Dutzend Bremer, die im Wartesaal seines Bürgeramtes sitzen, um ihre Umzugsmeldung abzugeben oder die Eheschließung in ihre Lohnsteuerkarte eintragen zu lassen. Dabei wären Bereitschaft und technische Voraussetzungen für Online-Angebote im Stadtteil durchaus vorhanden. An der Debatte eines Verkehrsberuhigungskonzeptes hatten sich jüngst über 400 Anwohner im Internet beteiligt. Und auch der Personalrat kann sich "gut vorstellen", die Mitarbeiterinnen im Bürgeramt von der Routineaufgabe Um- und Abmeldung zu entlasten, um ihnen mehr Zeit für die Beratung in schwierigen Angelegenheiten zu geben.