Die 200 Plätze in Hörsaal 13 der Universität Bielefeld sind fast alle besetzt - vorwiegend von grauhaarigen Frauen und weißhäuptigen oder kahlköpfigen Männern. In einer halben Stunde wird Professor Heinrich Rüthing seine Vorlesung zur Geschichte des Mönchstums beginnen. Einige junge Studenten schlendern nach und nach herein, Kaffeetasse und Käsebrötchen in der Hand. Sie setzen sich auf die freien Plätze oder auf die Stufen und unterhalten sich. Die Älteren lesen im Skript, streichen Passagen mit dem Textmarker an, putzen ihre Lesebrillen. Sie sind so genannte besondere Gasthörer, eingeschrieben für ein spezielles Seniorenstudium.

Solche Seniorenstudiengänge gibt es mittlerweile an gut 50 der rund 350 deutschen Hochschulen. "Studieren für Ältere" heißt das, "Studium im Alter" oder auch "Weiterbildung für ältere Erwachsene in der nachberuflichen oder nachfamiliären Lebensphase". Viele Namen, ähnliche Konzepte: Meist hat die jeweilige Hochschule eine Weiterbildungsstelle eingerichtet. Die wählt Vorlesungen und Seminare für das Seniorenstudium aus, führt Neulinge durch die Universität oder die Bibliothek, bietet Übungen zum wissenschaftlichen Arbeiten an und Seminare mit Themen, die besonders für Ältere interessant sind: Selbsthilfe, Altenwohnen, Biografiearbeit, Leben und Sterben. Abitur müssen die Seniorstudenten in der Regel nicht mitbringen. An einigen Hochschulen können sie ein Zertifikat bekommen, als Teilnahmebescheinigung und Motivationshilfe. Oder als Abschluss, der auf ein Ehrenamt vorbereitet.

Ursula Landwehr ist 67, Hausfrau, Mutter von zwei Töchtern, Oma und - wie die Senioren in Professor Rüthings Geschichtsvorlesung - Teilnehmerin bei "Studieren ab 50", dem Weiterbildungsprogramm der Bielefelder Universität. "Was hast du denn davon?", hätten manche Freunde und Verwandte gesagt, als sie vor neun Jahren zur Uni wollte. "Das schaffst du doch nicht mehr, du bist zu alt." Eineinhalb Stunden Vorlesung, volle Konzentration, zuhören und dabei mitschreiben - "Kein Problem mehr", sagt sie. "Das trainiert sich und nützt mir auch im Alltag." Sogar mit Magen-Darm-Grippe zieht sie ihr Uniprogramm durch.

Zielstrebig biegt sie ins Treppenhaus T, die Handtasche über der einen Schulter, eine schwarze Büchertasche über der anderen. Im fünften Stock trifft sich jede Woche die Schreibwerkstatt, eine der 15 Seniorenarbeitsgruppen an der Bielefelder Universität. Andere beschäftigen sich mit Gewalt, Frankreichs Kultur, Stadtrecht oder emotionaler Intelligenz. Alle Gruppen orientieren sich am "forschenden Lernen". Die Älteren sollen nicht nur in den Vorlesungen sitzen und konsumieren wie in Volkshochschulkursen. Sie sollen ihr Wissen und ihre Fähigkeiten anwenden, sich zusammenschließen und sich ein Thema suchen, vielleicht eines, für das sonst Zeit, Geld und Interesse fehlen. Daran arbeiten und die Ergebnisse dokumentieren.

Acht Frauen und zwei Männer sitzen an den Tischen, die in der Mitte von Raum 528 zusammengeschoben sind. Packen Schreibzeug aus, Duden und Synonymwörterbuch. "Hat jemand etwas zum Vorlesen dabei?", fragt Ursula Landwehr in die Runde. Dann wird der Text begutachtet und kritisiert - "Muss da so oft ‰warum' drinstehen?" Es wird am Inhalt gehobelt und an den Formulierungen gefeilt. Die Fenster beschlagen. Drei Bücher hat die Schreibwerkstatt bereits veröffentlicht. Männergeschichten,Der blaue Luftballon und Schritte: Gedanken über den Herbst, die Liebe, Geschichten aus der Nachkriegszeit, Gedichte. Weitere Bücher sind geplant, Lesungen auch. "Es ist ja nicht so, dass wir nicht mehr ehrgeizig wären." Ursula Landwehr freut sich auf die Uni: "Jede Woche. Und ich bin selbstbewusster geworden. Nur Hausfrau zu sein, das hing einem schon nach."

Auf 25 000 schätzt das Bundesbildungsministerium die Zahl der Seniorenstudenten. Weit mehr als die Hälfte sind Frauen. Viele, die wie Ursula Landwehr nach der Hochzeit nur Kinder, Mann und Haushalt hatten. Die jetzt etwas für sich machen wollen und nachholen, was sie nicht durften oder konnten. Nur wenige Seniorenstudenten sind völlig "bildungsunerfahren", wie es im Weiterbildungsjargon heißt. Die meisten haben mittlere Reife gemacht und eine Lehre, manche haben Abitur oder sogar einen Hochschulabschluss. Pensionierte Schulleiter sind dabei, ehemalige Bankangestellte, Krankenschwestern, Malermeister.

Die Teilnehmerzahlen steigen. Gleichzeitig ändert sich die Teilnehmerstruktur. "Es werden mehr Männer, die Teilnehmer sind leistungsbereiter, sie haben mehr Vorbildung als in den vergangenen Jahren und die Erstsemester sind jünger. Die Leute gehen eben früher in den Ruhestand", beobachtet Ulrike Strate-Schneider, Sprecherin der Bundesarbeitsgemeinschaft Wissenschaftliche Weiterbildung im Alter (BagWiWa), in der alle Hochschulen mit Seniorenstudium zusammengeschlossen sind. Geschichte, Theologie, Philosophie oder Literatur sind die bevorzugten Fächer. Jura, Medizin, Naturwissenschaften oder Wirtschaft werden auch besucht, aber deutlich weniger. Zu schwierig, sagen viele. Es sei denn, die Inhalte werden kompakt und alltagstauglich angeboten.