Meinhard Miegel gehört zu den öffentlichen Intellektuellen in Deutschland, die die Politik beharrlich mit den Zukunftsproblemen der Gesellschaft konfrontieren. In seinem neuen Buch Die deformierte Gesellschaft zieht er nun die vorläufige Summe seiner Diagnosen und Therapien der gesellschaftlichen Krankheiten. Es ist ein großes Buch geworden: informativ, anregend, provozierend. Der Wandel der Arbeitsgesellschaft, so lautet seine wichtigste These, löse zusammen mit der Alterung der Gesellschaft die Fundamente der sozialen Sicherung auf. Zuwanderung sei kein Allheilmittel, zumal offen sei, wie die Gesellschaft mit mehr Einwanderern zurecht komme. Der Wandel mache einen Umbau der Systeme der sozialen Sicherung nötig - und der erreichte Wohlstand ("Der kleine Mann ist groß geworden") mache ihn möglich. In drei Kapiteln (Die demografische Zeitbombe; Wirtschaft und Beschäftigung im Umbruch; Sozialstaat vor dem Offenbarungseid) erneuert der Autor seine Vorschläge zu einer "staatlich organisierten Grundsicherung in Verbindung mit einer breit angelegten, vermögensfundierten privaten Vorsorge" und ergänzt sie durch neue Ideen zur Reform des Gesundheitswesens und der Arbeitslosenversicherung. Sein Plädoyer für mehr Investitionen in Wissen, Bildung und Forschung dürfte einmal ähnlich nachhaltig die Debatte beeinflussen, wie es früher seine Vorschläge zur Rentenreform getan haben.

Die Bedeutung des Buches gründet darin, was er sagt, wie er es sagt und wem: Miegel ist ein Denker des Wandels. Er schreibt, was geschieht, wenn nichts geschieht, und er buchstabiert beides - die Veränderungen und wie die Deutschen die Wirklichkeitverdrängen - in nahezu allen Handlungsfeldern durch. Dabei argumentiert er stets mit klarem Bezug zur Praxis und in langfristiger Perspektive. Er schreibt eine Prosa, die sich flüssig, bisweilen sogar spannend liest. Seine Adressaten sind nicht ein enger Kreis von Experten, sondern Politik und Öffentlichkeit. Er kritisiert wie wenige eine Politik, die nur an die nächste Wahl denkt - und hält doch, nachdrücklicher als andere, daran fest, dass Politik einen Unterschied macht. Er schilt die Sozialkonsumenten, die immer mehr wollen und nicht an die Folgen denken, glaubt aber dennoch an den Sinn von Aufklärung einer Gesellschaft über sich selbst. Er macht geradezu umstürzlerische Vorschläge, aber alles nur, um ein neues Gleichgewicht in der Gesellschaft auf einem höheren Niveau möglich zu machen. Man könnte ihn, wenn die Wendung nicht schon verbraucht wäre, einen konservativen Revolutionär nennen.

Bei aller Kritik im Einzelnen, an seiner Niedergangsprophetie etwa ("Die Kultur des Westens zerstört sich selbst") oder an seinem gelegentlich wenig differenzierten Begriff vom Staat (es geht ja künftig nicht nur um mehr oder weniger, sondern auch um einen anderen Staat), bleibt das Buch doch ein großer Wurf. Aber es bleibt auch die lästige Frage: Sind die Institutionen reformierbar? Sind Demokratien zukunftsfähig? Als der Autor vor gut einem Jahr den Schader-Preis bekam, die höchstdotierte deutsche Auszeichnung für praxisorientierte Sozialwissenschaftler, hat der Heidelberger Politologe Manfred Schmidt in seiner Laudatio den zentralen Einwand formuliert: "Ein Sozialstaat mit hochgradiger Prägung durch frühere Entscheidungen und breiter Anerkennung seitens der Bevölkerung, wie der deutsche Sozialstaat, ist nur begrenzt offen für Umgestaltungen, die weit weg vom bisherigen Pfad der Sozialpolitik führen."

Doch das genau ist das Problem. Die einen sagen, es geht nicht, die Kosten sind zu hoch, und so gehen sie weiter die alten Pfade, auch wenn es bessere Wege gibt. Miegels neues Buch nennt die Kosten, die anfallen, wenn die Deutschen die Wirklichkeit weiter verdrängen, und er zeigt die Chancen, wenn sie neue Wege wagen.

Meinhard Miegel:Die deformierte Gesellschaft Wie die Deutschen ihre Wirklichkeit verdrängen; Propyläen Verlag, München 2002; 303 S., 22,- €