Maßgeblich beteiligt an Kipkes Überführung und an der Aufdeckung von ähnlichen Dopingfällen in der ehemaligen DDR ist Professor Werner Franke. Gemeinsam mit seiner Frau Brigitte Berendonk macht er seit Jahren die Öffentlichkeit auf die menschenverachtenden Praktiken des DDR-Dopingsystems aufmerksam, er stellte zahlreiche Strafanzeigen gegen die Täter.

Beim Treffen im Foyer des deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg trägt der 62Jährige eine offensichtlich schwere Umhängetasche. Keine Dopingdokumente, sondern Unterlagen, die er für seinen Hauptberuf braucht: Franke ist Molekularbiologe und ein international anerkannter Krebsforscher. Weniger Anerkennung erfährt er immer wieder, wenn er seiner ehrenamtlichen Passion, dem Kampf gegen das Doping nachgeht. "Wir werden von vielen Seiten gehasst", sagt er. Dieser Hass hat den Ursprung in der Unnachgiebigkeit, mit der Franke und Berendonk seit über 30 Jahren die Fährten der Doper verfolgen: Nach ihrer Teilnahme an den Olympischen Spielen 1968 hat Berendonk als mehrmalige Deutsche Meisterin im Diskuswurf und Kugelstoßen erstmals auf die anabole Verseuchung des Sports hingewiesen. Brigitte Berendonk prangerte in der ZEIT die unter erfolgreichen Athleten übliche "exzessive hormonale Muskelmast" an und wies damals schon auf gefährliche Nebenwirkungen der Anabolikaeinnahme hin.

Die Folge war eine erste große Antidopingdebatte 1969, weitere folgten 1977 und 1992, dem Jahr, in dem Berendonk die Ergebnisse ihrer Recherchen in dem Buch "Doping - Von der Forschung zum Betrug" veröffentlichte. Darin entlarvte sie Trainer, Ärzte und Funktionäre der ehemaligen DDR, die jugendliche Sportler ohne deren Wissen sowie erwachsene Athleten systematisch mit androgenen Steroiden voll gepumpt hatten. Dazu mussten Franke und Berendonk auch zu unkonventionellen Mitteln greifen: Weil ihnen die Einsicht verwehrt worden war, entwendeten sie beispielsweise DDR-Dissertationen über "unterstützende Mittel" und deren Folgen aus der Militärmedizinischen Akademie in Bad Saarow.

Nun steht die Veröffentlichung der jahrelang zusammengetragenen Akten unmittelbar bevor. Bald schon sollen die Unterlagen über das vom DDR-Staat organisierte flächendeckende Doping in Berlin eingesehen werden können. "Wir haben einen Schenkungsvertrag mit der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur abgeschlossen", erklärt Franke. Dokumente, Stasi-Akten und medizinische Aufzeichnungen werden momentan nach und nach von Heidelberg in die Hauptstadt gebracht. "Darunter sind auch Sachen, die bisher noch nicht bekannt sind", verspricht Franke.

Die Stiftung wird auch eine Anlaufstelle für Geschädigte sein. Und davon gibt es einige. Unter ihnen sind besonders viele Frauen, die durch die Einnahme von männlichen Hormonen teilweise schwere gynäkologische Schäden sowie Leber- und Herzprobleme davongetragen haben.

Doch reduzieren Franke und Berendonk ihre Recherchen nicht auf die Dopingmachenschaften in der früheren DDR. Auch das Verhältnis der Funktionäre im vereinigten Deutschland zu Opfern und Tätern prangern sie an. Nach der Wende seien die rund 10 000 gedopten DDR-Sportler für den westdeutschen Sport allenfalls ein ungeliebtes Thema gewesen. "Weder der Deutsche Sportbund noch das Nationale Olympische Komitee haben es bisher für nötig befunden, bei den Prozessen gegen die damaligen Täter dabei zu sein - geschweige denn mit den Opfern zu reden", lautet sein Vorwurf. Für Franke ein klares Zeichen "geistiger Komplizenschaft": "Hilfe bei der Aufklärung in den entscheidenden Jahren nach der Wende gab es von diesen Stellen nicht", sagt er. Vor knapp drei Monaten erst hat der Präsident des Deutschen Sportbundes, Manfred von Richthofen, den eigenen Umgang mit den Opfern des systematischen Dopings in der ehemaligen DDR kritisiert. Anfang Dezember sagte er dann: "Ich bekenne mich zu den Versäumnissen des Sports, die zur Folge hatten, dass das Thema jahrelang verschleppt wurde."

Ein Signal kurz vor Beginn eines Jahres, das Anlass zu Hoffnung gibt. Die Bundesregierung hat versprochen, die Opfer mit zwei Millionen Euro zu entschädigen. Momentan ist der beschlossene Fonds aber noch mit einer Sperre versehen - es herrscht noch Uneinigkeit über die Modalitäten der Entschädigung. Das NOK und der DSB haben bislang keine Bereitschaft gezeigt, den Fonds aufzustocken. Betroffene Sportler - unter ihnen die ehemaligen Leichtathletinnen Brigitte Michel und Ines Geipel - plädieren für eine monatliche Rente, damit die finanzielle Belastung durch Arzt- und Behandlungskosten etwas gemildert wird. Aufgrund der relativ kleinen zur Verfügung stehenden Summe wird vom Sportausschuss jedoch eine Einmalzahlung an nachweislich Geschädigte als realistischer angesehen. Werner Franke plädiert für eine Einbeziehung der "Doping Opfer Hilfe" in den Entschädigungsvorgang. Sie berät seit zwei Jahren Betroffene und unterstützt sie mit privaten Spenden. Der Sportausschuss-Vorsitzende Friedhelm Julius Beucher (SPD) jedenfalls hat versprochen, dass das Doping-Opfer-Hilfe-Gesetz bis zum Ende der Legislaturperiode verabschiedet wird.