die zeit: Herr Teufel, Sie lehnen das Zuwanderungsgesetz ab und wenden sich damit gegen die Wünsche der baden-württembergischen Industrie. Warum?

Erwin Teufel: Weil für mich Integration absolute Priorität hat. Und wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dann hat ihn die Pisa-Studie gebracht.

Hierher kommen Leute, die in der zweiten und dritten Generation Hilfsarbeiter sind - nur mit dem Unterschied, dass wir bei der ersten Generation noch Hilfsarbeiter gebraucht haben. Leute ohne qualifizierte Berufsausbildung und ohne Deutschkenntnisse wandern bei uns in einem hohen Prozentsatz in die Sozialhilfe, in die Arbeitslosigkeit. Unverantwortlich ist das. Ich möchte, dass die folgenden Einwanderer-Generationen vergleichbare Zukunftschancen haben wie junge Deutsche. Da haben wir großen Nachholbedarf.

zeit: Genau dem Problem soll das Zuwanderungsbegrenzungsgesetz mit klar definierten Grenzen entgegenwirken.

Teufel: Was ist denn wirksam an solchen Begrenzungen? Von dem Tag an, als unter dem Bundeskanzler Helmut Schmidt ein Anwerbestopp für türkische Gastarbeiter verfügt worden ist, hatten wir unter einer Million Türken hier, jetzt sind es mehr als doppelt so viele. Im Übrigen: In der EU mit ihren fünfzehn Staaten herrscht Freizügigkeit. Jährlich kommen Hunderttausende aus anderen EU-Ländern - vollkommen in Ordnung. Bald schon kommen zehn weitere Staaten Osteuropas hinzu, und die Freizügigkeit wird sich allenfalls für eine kurze Übergangszeit begrenzen lassen. Die sieben Jahre, über die der Bundeskanzler spricht, scheinen mir illusorisch. Dann die Bürgerkriegsflüchtlinge. Die Wahrheit ist konkret: Aus Bosnien-Herzegowina hat Großbritannien 1500 Flüchtlinge aufgenommen, Frankreich 3000 und Baden-Württemberg 58 000. Jetzt wollen wir sie allerdings zurückführen, weil es keinen Konflikt mehr gibt. Und eines noch: An der Uni Stuttgart sind inzwischen 25 Prozent der Studenten aus dem Ausland. Ja, hat denn von uns jemand was dagegen, dass qualifizierte Leute zum Studium kommen? Nein, wir werben sie an und vergeben erstmals auch besondere Stipendien an sie.

zeit: Sehen Sie die Möglichkeit, doch noch vor der Wahl einen Kompromiss zur Zuwanderung zu finden?

Teufel: Mit diesem Scheinangebot kaum. Man sollte das bis ins Letzte ausloten, aber ich glaube nicht. Herr Schily hat in zwei Konferenzen den Grünen erhebliche Zugeständnisse machen müssen und sich damit von uns wegbewegt. Daran haben auch die neuen Vorschläge nichts geändert. Dabei hat der Bundeskanzler vorher klar gesagt, dass Ausbildung und Jobchancen der hiesigen Menschen Vorrang vor zusätzlicher Zuwanderung hat. Er hat ja die gleichen Umfragen wie wir.