Die Handschrift von Doktor Lothar Kipke ist zwar krakelig, aber gut lesbar. In einem Vortragsmanuskript, das 1996 während einer Hausdurchsuchung bei dem früheren Arzt des DDR-Schwimmverbandes sichergestellt wurde, führte er die schädlichen Nebenwirkungen von Dopingmitteln auf: Virilisierung, Behaarung, Akne, Zyklusverschiebungen bei Frauen, Hemmung der Eigenproduktion an Testosteron bei Männern, Leberstörungen bei beiden Geschlechtern. Dennoch verabreichte Kipke seinen Sportlern regelmäßig männliche Hormone zur Leistungssteigerung - unter bewusster Inkaufnahme von teilweise irreversiblen Schäden. Vor zwei Jahren wurde er deshalb wegen Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und drei Monaten verurteilt.

Maßgeblich beteiligt an Kipkes Überführung und an der Aufdeckung von ähnlichen Dopingfällen in der ehemaligen DDR ist Professor Werner Franke.

Gemeinsam mit seiner Frau Brigitte Berendonk macht er seit Jahren die Öffentlichkeit auf die menschenverachtenden Praktiken des DDR-Dopingsystems aufmerksam, er stellte zahlreiche Strafanzeigen gegen die Täter.

Beim Treffen im Foyer des deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg trägt der 62-Jährige eine offensichtlich schwere Umhängetasche. Keine Dopingdokumente, sondern Unterlagen, die er für seinen Hauptberuf braucht: Franke ist Molekularbiologe und ein international anerkannter Krebsforscher.

Weniger Anerkennung erfährt er immer wieder, wenn er seiner ehrenamtlichen Passion, dem Kampf gegen das Doping nachgeht. Wir werden von vielen Seiten gehasst, sagt er. Dieser Hass hat den Ursprung in der Unnachgiebigkeit, mit der Franke und Berendonk seit über 30 Jahren die Fährten der Doper verfolgen: Nach ihrer Teilnahme an den Olympischen Spielen 1968 hat Berendonk als mehrmalige Deutsche Meisterin im Diskuswurf und Kugelstoßen erstmals auf die anabole Verseuchung des Sports hingewiesen. Brigitte Berendonk prangerte in der ZEIT die unter erfolgreichen Athleten übliche exzessive hormonale Muskelmast an und wies damals schon auf gefährliche Nebenwirkungen der Anabolikaeinnahme hin.

Die Folge war eine erste große Antidopingdebatte 1969, weitere folgten 1977 und 1992, dem Jahr, in dem Berendonk die Ergebnisse ihrer Recherchen in dem Buch Doping - Von der Forschung zum Betrug veröffentlichte. Darin entlarvte sie Trainer, Ärzte und Funktionäre der ehemaligen DDR, die jugendliche Sportler ohne deren Wissen sowie erwachsene Athleten systematisch mit androgenen Steroiden voll gepumpt hatten. Dazu mussten Franke und Berendonk auch zu unkonventionellen Mitteln greifen: Weil ihnen die Einsicht verwehrt worden war, entwendeten sie beispielsweise DDR-Dissertationen über unterstützende Mittel und deren Folgen aus der Militärmedizinischen Akademie in Bad Saarow.

Nun steht die Veröffentlichung der jahrelang zusammengetragenen Akten unmittelbar bevor. Bald schon sollen die Unterlagen über das vom DDR-Staat organisierte flächendeckende Doping in Berlin eingesehen werden können. Wir haben einen Schenkungsvertrag mit der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur abgeschlossen, erklärt Franke. Dokumente, Stasi-Akten und medizinische Aufzeichnungen werden momentan nach und nach von Heidelberg in die Hauptstadt gebracht. Darunter sind auch Sachen, die bisher noch nicht bekannt sind, verspricht Franke.