Seit mehr als einem halben Jahrhundert versuchen Forscher, das Feuer der Sonne im Labor zu zähmen und so eine schier unerschöpfliche Energiequelle zu erschließen. Das Zauberwort heißt Kernfusion. Um sie beherrschen zu lernen, wurden weltweit viele Milliarden Dollar investiert. Doch die Sonnenreaktion erwies sich stets als viel zu heiß. Kein Wunder, sie erfordert ein Millionen Grad heißes Plasma. Das zerschneidet selbst Gefäße aus allerbestem Material wie ein glühendes Messer die Butter - und verleiht ganz nebenbei der Wasserstoffbombe ihre Sprengkraft.

Und jetzt kommen sechs US-Forscher daher und behaupten, sie hätten die Sonnenkraft auf dem Schreibtisch entfesselt.

Die Nachricht klingt nicht neu. Schon zu Ostern 1989 hatten zwei andere Wissenschaftler, die Professoren Stanley Pons und Martin Fleischmann, verkündet, ihnen sei die "kalte Fusion" im Labor geglückt. Damals entfachte das gut beleumundete Duo weltweit einen Mediensturm und hektische Nachprüfungen in den Labors. Mit wehenden Fahnen gingen die beiden unter.

Trotz dieses Debakels offerierte das angesehene Wissenschaftsblatt Science am 1. März mit einwöchiger Sperrfrist die Geschichte von Rusi Taleyarkhan, Richard Lahey und vier weiteren Autoren. Ihnen sei es gelungen, in einem einfachen, durchsichtigen Behälter die Flüssigkeit Aceton dermaßen mit Ultraschall zu traktieren, dass sich darin millimetergroße Gas- und Dampfbläschen bildeten, die dann jeweils in heftigen Implosionen in sich zusammenstürzten. Akustische Kavitationen heißen solche Experimente. Dabei sollen angeblich lokale Spitzentemperaturen von zehn Millionen Grad entstehen und so Kernfusionen theoretisch möglich machen. Deren Ablauf behaupten die Autoren anhand zweier Endprodukte der Fusion nachgewiesen zu haben: radioaktives Tritium und Neutronen.

Ein beigefügter Kommentar bescheinigt den sechs Forschern sorgfältige Arbeit, die von unabhängigen Gutachtern streng geprüft worden sei. Er mahnt allerdings auch zur Skepsis, solange eine unabhängige Bestätigung fehle.

Am 4. März schob Science weitere Dokumente nach. Kollegen von Taleyarkhan hatten in der gleichen Apparatur im Oak Ridge National Laboratory die Fusionsmessungen nachzuvollziehen versucht und dabei ein empfindlicheres Nachweisgerät für Neutronen verwandt. Ergebnis: keine Fusion! Die kritisierten Autoren erwiderten in scharfem Ton, ihre Überprüfung der Prüfer zeige wiederum, dass deren Messgerät für die Blasenfusion ungeeignet sei.

Eine korrekte Analyse führe mitnichten zur Widerlegung, sondern zur Bestätigung der spektakulären Daten. Zwei Stunden später hob Science die Sperrfrist für das Streitthema auf - um einer "möglichst genauen Berichterstattung" den Weg zu ebnen.