Noch nie waren die im Development Assistance Committee (DAC) der OECD vereinten Industrieländer weiter von ihrem - vor mehr als 30 Jahren selbst gesteckten - Ziel entfernt, wenigstens 0,7 Prozent ihres Sozialprodukts den Zukurzgekommenen zu spendieren. Im Jahr 2000 hatten sie gerade noch 0,22 Prozent für die Bekämpfung des weltweiten Elends übrig, knapp 54 Milliarden Dollar. Das ist weniger, als Jahr für Jahr von Deutschland West nach Deutschland Ost transferiert wird.

In der kommenden Woche werden die Abgesandten der Völkergemeinschaft erneut Zeugnis ihrer Heuchelei ablegen. Die UN-Gemeinde versammelt sich dann im mexikanischen Monterrey zu einem Konklave, das viele als "Mutter aller Konferenzen" bezeichnen. Nach all den Weltgipfeln der vergangenen Dekade steht auf der Tagesordnung der Abgesandten erstmals nur das eine, das zentrale Thema: Geld, die Entwicklungsfinanzierung. Der kleine Nenner, auf den man sich vermutlich einigen wird, ist bekannt. Es bleibt wohl beim Recycling einer vagen Absichtserklärung: "Wir drängen die entwickelten Staaten, konkrete Anstrengungen hinsichtlich des 0,7-Prozent-Ziels zu machen ...", heißt es im Entwurf des Monterrey-Konsens, zu dem sich die Unterhändler aus Nord und Süd bereits zusammengerauft haben. Außer Spesen also nichts gewesen - es sei denn, der eine oder andere Regierungschef bringt noch ein kleines Geschenk mit. Ganz freiwillig, ganz unverbindlich.

Tatsächlich geht es aber um mehr als bloß Almosen. Die offizielle Entwicklungshilfe ist bei weitem nicht die wichtigste Quelle der Entwicklungsfinanzierung; sie wird es auch nie sein. Bis weit in die Helfergemeinde hinein herrscht vielmehr Konsens darüber, dass die armen Länder selbst Ressourcen mobilisieren müssen, um ihrer Armut zu entrinnen. Doch als wäre das Maß an Bigotterie nicht schon voll, werden sie genau dabei von den Reichen behindert. Um bei der magischen Ziffer 0,7 zu bleiben: Jedes Exportwachstum um diesen Prozentsatz bringt den Entwicklungsländern genauso viel zusätzliches Einkommen wie die gesamte offizielle Entwicklungshilfe. Allerdings: Mit ihrem Protektionismus hindern die Industrie- die Entwicklungsländer daran, dieses Geld auch wirklich zu verdienen. Nach Angaben der Weltbank bestraft die reiche Welt Importe aus der armen Welt mit Zöllen, die im Durchschnitt viermal höher sind als die Abgaben, die auf Produkte der Industrieländer erhoben werden. Insgesamt kostet der Protektionismus der Reichen die Armen rund 100 Milliarden Dollar pro Jahr, etwa doppelt so viel wie die gesamte Entwicklungshilfe ausmacht.

Das allein ist Skandal genug. Doch insbesondere den auf den Rohstoffexport angewiesenen Žrmsten der Armen unter den Entwicklungsländern muss noch auf weitere Art geholfen werden. Und das kann nicht nur bedeuten: mehr šberweisungen von Geldhilfen. Soll Entwicklungszusammenarbeit eine Zukunft haben, muss sie mehr sein als nur more of the same.

Einige notorische Kritiker geißeln die "Politik der Geschenke" schon seit langem. Die Monopolisierung des Mitgefühls durch die "Hilfsindustrie" aus Verwaltern, Experten, Consultants, Gutachtern, Auftragnehmern und auch NGOs richte am Ende mehr Schaden an als Nutzen zu stiften, meinte etwa Lord Peter T. Bauer, ehemals Professor an der London School of Economics. Eritrea, ein bettelarmes Land, verzichtete deshalb sogar schon einmal auf die vermeintlichen Wohltaten aus dem Norden. Und selbst die Weltbank, die "Bank der Armen", deren Präsident James Wolfensohn sich gerade vehement für die Verdopplung der Entwicklungshilfe binnen fünf Jahren in die Bresche geworfen hat, macht aus den Defiziten der herkömmlichen Politik keinen Hehl.

Erstens bewirkt laut Weltbank mangelnde Koordination der "Geber" allzu oft, dass die "Nehmer" mit der Verwaltung der Hilfe heillos überfordert sind. Zeitweise war allein das mosambikanische Gesundheitsministerium gleichzeitig mit 405 Projekten beschäftigt; viel spricht übrigens auch dafür, dass momentan Afghanistan von der Hilfsbereitschaft überfordert ist. Zweitens moniert die Weltbank, dass nach wie vor zu viele Projekte in den Köpfen der Helfer ausgebrütet werden, weshalb sie die Empfänger nicht als die ihren betrachten und nicht engagiert genug vorantreiben. Drittens habe die Verknüpfung von Geldzuflüssen mit immer mehr Auflagen zwar die Bürokratie aufgebläht und die Verwaltungsapparate in den Empfängerländern beschäftigt; echte Konsequenzen aus der Missachtung der Auflagen seien aber nur selten gezogen worden.

Das Sündenregister der Entwicklungspolitik ist damit keineswegs erschöpft. Kann aber die Erkenntnis begangener Fehler Anlass sein, in Zukunft globale Solidarität zu verweigern? Die Völkergemeinschaft hat sich vor mehr als einem Jahr einige "Millenniumsziele" gesetzt, darunter die Halbierung des Anteils der ganz Armen bis 2015, die Sicherstellung einer Primarschulbildung für alle Jungen und Mädchen, die Reduzierung der Müttersterblichkeit um drei Viertel. Wie, wenn nicht auch mit mehr und besserer Hilfe, sollen diese begrenzten und klar definierten Ziele erreicht werden?