Alle Fassaden sind gleich, nur einige haben noch mehr Kriegsnarben als andere. Von der Wohnung im 15. Stock ist eine leere, schwarze Höhle geblieben. Die Fenster darüber decken dunkle Plastikplanen ab. Der angeschossene Balkon vor der 17. Etage ragt spitz aus der Wand wie ein entstellter Kiefer. Seit sieben Jahren herrscht Frieden. Doch die Hochhäuser in Dobrinja, draußen vor Sarajevos Altstadt, tragen noch immer die Gesichter des Krieges.

Seit zwei Jahren haben sie einen neuen, reichen Nachbarn mit Grünanlage ringsum. Der festungsgroße Kuppelbau mit seinen runden Zwillingstürmen ähnelt einem kompakten Klinikum. Und das gilt nicht nur für die Außenansicht. Die Moschee König Fahd beherbergt auf ihrem Gelände alles, was operativ benötigt wird zur Verbreitung der wahhabitischen Heilslehre. Dazu gehören eine Religionsschule, eine islamische Bibliothek und ein Turnsaal, damit Sport die Unterrichtung im Gebetsritus stützen kann. Die Scheiben der Seitengebäude sind verspiegelt. Auf ihnen drängen sich die Silhouetten der invaliden Wohnblocks wie arme Patienten. Goldene Lettern über eisgrauem Marmor und Granit laden am Ende des Areals in das Kulturzentrum König Fahd Bin Abd al Aziz Al Saud. Vor dem Eingang herrscht Parkverbot. Alle Plätze sind reserviert für die Saudische Hohe Kommission.

Die Kommission ist eine humanitäre Hilfsorganisation, an deren Spitze ein Diplomat steht. Sie hat mehr für Bosnien gespendet als all die anderen. Und das schon seit 1993, als der Westen noch schlief. Mit großen Summen ließ sie nicht nur Moscheen aufbauen und Religionsschulen gründen, sondern auch Wohnungen wieder instandsetzen. Alle Spenden stammen aus den Schatullen und Kollekten der Dynastie Al Saud in Riad. Die Fahd-Moschee ist ihr Geschenk an die bosnischen Muslime, die sie als Opfer der Christen sieht - auch wenn Serben und Kroaten bei ihren mörderischen Vertreibungsfeldzügen zur Aufteilung Bosniens alles andere als christlich handelten.

Kein geringerer als Prinz Salman hat die König-Fahd-Moschee am 15. September 2000 eingeweiht. Salman bin Abd al-Aziz ist nicht nur der Emir von Riad und der Vorsitzende des königlichen Familienrats, er gehört auch zu den glorreichen Sieben. Die unterscheiden sich von den mehr als 3000 anderen Prinzen dadurch, dass sie nicht nur den legendären Staatsgründer Ibn Saud zum Vater, sondern Hassa al-Sudeiri zur Mutter haben. Die Tochter eines Beduinenfürsten war die einzige Frau, die Ibn Saud nach einer Scheidung noch einmal heiratete. Die Sudeiri-Prinzen bilden heute Saudi-Arabiens innersten Machtzirkel. Zu ihnen gehören neben König Fahd und Prinz Salman auch Verteidigungsminister Prinz Sultan und der langjährige Innenminister Prinz Najev.

Für Salmans Besuch versank Sarajevo am 15. September 2000 im Grün des Propheten. Doch kein Jahr sollte vergehen, seit der Prinz die Moschee mit dem Namen seines Bruders geweiht hatte, da brach das Welthandelszentrum in New York unter den Terroranschlägen zusammen. 15 der 19 Selbstmordattentäter besaßen saudische Pässe. Mit einem Mal erschienen die weltumspannenden Spenden und Moscheenbauten des Königshauses in einem ganz anderen Licht. Das Reich zwischen Rotem Meer und Golf geriet in den Ruf, nicht nur das meiste Öl, sondern auch die militanteste Manpower für religiöse und terroristische Missionen zu exportieren. Saudi-Arabiens aggressive Staatsreligion des Wahhabitentums wurde als eine Hauptquelle des Fundamentalismus entdeckt. Mit Anzeigenkampagnen und Unschuldsbeteuerungen versuchen sich die saudischen Herrscher seither reinzuwaschen. Kronprinz Abdallahs jüngster Friedensplan für den Nahen Osten zählt zu diesen Bemühungen um Schadensbegrenzung.

Auch in Bosnien kamen die königlichen Wohltaten nach dem 11. September schnell in Verdacht. Die Gaben der Saudis, allen voran die König-Fahd-Moschee, wirkten plötzlich wie Danaergeschenke. Arabische Glaubenskämpfer, die zusammen mit bosnischen Muslimen gegen die serbischen Mordbrenner des Radovan Karadzic gekämpft hatten, gerieten ins Fadenkreuz. Die geschockte Nato-Friedenstruppe und die sprichwörtlich plumpe bosnische Polizei schoben sie schon auf bloßen Verdacht hin ab.

Im Oktober beschlagnahmten amerikanische SFor-Soldaten in der Saudischen Hohen Kommission Computerfestplatten und Dokumente. Sie nahmen sogar vier Angestellte der Hilfsorganisation vorübergehend fest. Zu solchen Aktionen ist die Nato-Friedenstruppe nach dem Abkommen von Dayton ermächtigt, wenn die Sicherheit Bosnien-Herzegowinas gefährdet erscheint. Inzwischen haben die US-Behörden die bosnische Regierung über ihre Auswertung informiert und schweres Geschütz gegen das saudische Zentrum um die Fahd-Moschee aufgefahren.