Der Fußballclub droht abzusteigen. Willy Millowitsch ist nicht mehr. Und jetzt auch noch das. Der große Skandal. Es steht nicht gut um Köln in diesen Tagen, deshalb führt der Oberbürgermeister das Wort, bevor er die Aussprache im Rat der Stadt eröffnet. "Man muss sich täglich Rechenschaft ablegen." Der Christdemokrat Fritz Schramma sorgt sich um seine Stadt, die "in den Medien" als "Zentrum für Mauscheleien und Korruption" genannt werde. Nur die Partei, die für die Affäre verantwortlich zeichnet, erwähnt er nicht: die SPD. Es sei völlig fehl am Platz, "die Schuld beim anderen zu suchen".

Auch Rolf Bietmann greift nicht an. Er sei "zutiefst geschockt", erklärt der mächtige Vorsitzende der CDU-Fraktion im Kölner Rat. Dennoch "ist dies nicht die Stunde für Häme". Selbst für den gefallenen SPD-Fraktionschef Norbert Rüther, der die schmutzige Lawine erst ins Rollen brachte, findet Bietmann noch freundliche Worte.

Es ist eine ungewöhnliche Debatte, zu der sich die 94 Ratsfrauen und -männer an diesem Nachmittag im Horion-Haus auf der "schäl Sick", der "anderen Seite" des Rheines, versammelt haben. Ungewöhnlich nicht nur, weil dort vorne, in der ersten Reihe der SPD-Fraktion, vor kurzem noch Norbert Rüther saß. Jener Sozialdemokrat, der seinem Kölner Parteivorsitzenden eröffnet hatte, in den neunziger Jahren mehr als eine halbe Million Mark Parteispenden angenommen zu haben, ohne sie ordentlich zu verbuchen

jener Mann, der nach dem Geständnis von allen Ämtern zurücktrat, sein Parteibuch abgab und dem der CDU-Chef nun eine vernünftige Zusammenarbeit bescheinigt.

Von Anfang an liegt der Verdacht nah, hier gehe es um mehr als eine Parteispendenaffäre. Das Geld, das er erhalten hatte, erklärte Rüther, stamme "aus der Müllbranche". Also Korruption? Die Kölner Staatsanwaltschaft entdeckte schwarze Konten in der Schweiz - Konten, auf die Firmen, die am Bau eines Kölner Müllheizkraftwerks im Jahr 1994 beteiligt waren, Millionenbeträge überwiesen und als Schmiergelder nach Köln zurück transferiert hatten. Wurde die SPD von einer Abfallmafia bestochen? In der Branche heißt es nicht Bestechung, sondern "Beatmung" von Politikern (siehe Interview auf Seite 35).

Köln - nördlichste Stadt Italiens

Kein Wort darüber in der Debatte des Kölner Rats. Das Beben, dessen Schockwellen die SPD-Zentrale in Berlin erreicht haben, wird hier im Epizentrum klein geredet. Mögen die Spitzengenossen um den Erfolg bei der Bundestagswahl fürchten

mag die CDU in der Hauptstadt ankündigen, wegen der Kölner Affäre auch den Bundespräsidenten und ehemaligen SPD-Landeschef Johannes Rau vor dem Parteispenden-Untersuchungsausschuss zu vernehmen - in Köln wird beschwichtigt. "Korruption und Klüngel sind zwei Paar Schuhe", erklärt der CDU-Fraktionschef Rolf Bietmann am Rednerpult. Aber in diesem Punkt sei Köln "national" noch nie verstanden worden.

Noch ist ungewiss, wie sich die Affäre entwickelt. Zu einem Fall von kommunaler Korruption? Oder läuft alles auf einen Parteispenden- und Bestechungsskandal von Flickscher Dimension hinaus? Sicher ist schon heute: Zwei äußerst korruptionsanfällige Milieus sind miteinander verwoben - der Kölner Parteienklüngel und die regionale Müllmafia. Der Klüngelforscher Erwin Scheuch sagt: "Nicht umsonst wird Köln die nördlichste Stadt Italiens genannt."

SPD-Fraktionschef in Panik

In keiner Branche wird mit so harten Bandagen gekämpft wie im Abfallgewerbe.

Nordrhein-Westfalens grüne Umweltministerin Bärbel Höhn spricht gar von einem "Müllkrieg" - und der ist nicht auf Köln begrenzt. In ganz Nordrhein-Westfalen werden derzeit städtische Müllverbrennungsanlagen privatisiert. Vor allem zwei Großunternehmen liefern sich erbitterte Schlachten um die Übernahme: Trienekens aus Viersen im Rheinland und der Konkurrent Rethmann aus Lünen. Ist der Kölner Fall womöglich nur einer von vielen?

Schwer zu entscheiden, wann genau die Kölner Affäre begann. Fest steht, dass der SPD-Politiker Rüther zwischen 1994 und 1999 Parteispenden, nach derzeitigem Stand mindestens 511 000 Mark, erhalten und an den damaligen Schatzmeister des SPD-Unterbezirks Köln Manfred Biciste mit dem Hinweis weitergereicht hat, die Spender wollten nicht genannt werden - ganz so wie einst bei Helmut Kohl. Biciste stückelte nach eigenen Angaben die Spenden in so kleine Portionen, dass sie jeweils unterhalb der Veröffentlichungsgrenze von 20 000 Mark lagen, und verteilte an 42 Parteifreunde Quittungen für Spenden, die diese nie geleistet hatten. Das war nur so lange raffiniert, wie nichts herauskam. Nun gibt es 42 Mitwisser, und der gesamte SPD-Unterbezirk steht am Pranger.

Noch muss die Kölner SPD mutmaßen, wie hoch die Summe der Spenden ist, die der ehemalige Genosse Rüther einsammelte. Mühsam muss die Partei den Geldfluss rekonstruieren. Das erklärt, warum die Summe in den vergangenen Tagen immer wieder nach oben korrigiert wurde. Auch die Namen der Empfänger fingierter Spendenquittungen waren Anfang der Woche noch nicht bekannt. Die SPD hat daher alle Kölner Mandatsträger aufgefordert, eine Ehrenerklärung abzugeben. Von den 16 Landtags- und Bundestagsabgeordneten outete sich bisher ein Landtagsabgeordneter, Marc Jan Eumann, als Quittungsempfänger. Er sieht sich mittlerweile "als Trojanisches Pferd" von Rüther missbraucht.

Nebenbei offenbarte Rüther, dass die Kölner SPD-Fraktion jahrelang eine schwarze Kasse geführt hat. Rund 92 000 Euro liegen noch immer auf diesem Konto

angeblich ist seit 1993 nichts mehr ein- oder ausgezahlt worden. Nach allen Erfahrungen aus der CDU-Spendenaffäre dürfte kaum zu klären sein, welches Geld zuvor dort verbucht und möglicherweise wieder verteilt wurde.

Vielleicht wäre die Spendenaffäre gar nicht ans Licht gekommen, hätte Rüther stärkere Nerven gehabt. Doch der bullige Sozialdemokrat war offenbar in Panik geraten, als er von Ermittlungen der Kölner Staatsanwaltschaft gegen mehrere Müllfirmen erfuhr. Wenige Tage bevor Rüther beichtete, hatten Kripobeamte und Staatsanwälte an mehreren Orten Wohnungen und Büros durchsucht. Ermittelt wurde (und wird immer noch) wegen Korruption und Steuerhinterziehung beim Bau der 1998 in Betrieb genommenen Kölner Müllverbrennungsanlage.

Daran beteiligte Firmen waren in einer anonymen Anzeige beschuldigt worden, viele Millionen Mark in die Schweiz verschoben und von dort als Schmiergelder an Kölner Beamte und Politiker gezahlt zu haben. Die Ermittler wurden tatsächlich fündig: Die Gummersbacher Firma L & C Steinmüller, Erbauer der Kölner Anlage, hatte 29 Millionen Mark in die Schweiz überwiesen. Adressaten waren drei Briefkastenfirmen, die Leistungen in Rechnung stellten, die sie nie erbracht hatten. Die Zahlungen machte die Firma Steinmüller dann auch noch steuermindernd geltend. Wie die Süddeutsche Zeitung schreibt, soll Rüther in den neunziger Jahren in die Schweiz gereist sein, um eine Spende der Firma Steinmüller abzuholen.

Fast die Hälfte der in der Schweiz deponierten Steinmüller-Schmiergelder, über 14 Millionen Mark, hat den Ermittlungen zufolge der damalige Geschäftsführer des Anlagenbauers, Sigfrid Michelfelder, in die eigene Tasche gesteckt

acht Millionen Mark hat er offensichtlich dem Geschäftsführer der Betreibergesellschaft AVG, Ulrich Eisermann, zugeschoben. Beide sitzen inzwischen in Untersuchungshaft. Wo die restlichen 7 Millionen Mark geblieben sind, wer damit womöglich geschmiert wurde - das ist noch unbekannt. Sollte sich herausstellen, dass aus diesem Schmiergeldtopf auch die von SPD-Mann Rüther angenommenen Spenden stammen, läge die Käuflichkeit politischer Entscheidungen auf der Hand.

Firmenpatriarch Hellmut Trienekens ging nach der Durchsuchung seiner Geschäftsräume in die Offensive, sagte freiwillig bei der Staatsanwaltschaft aus und hat "einige Steuerdelikte zugegeben", so Oberstaatsanwältin Regine Appenrodt. Trienekens bestritt aber, jemanden bestochen zu haben. Daran liegt ihm viel, seine Holding ist an der Betreiberfirma der Müllanlage, AVG, beteiligt. Nachdem Trienekens bei der Staatsanwaltschaft ausgesagt hatte, fürchtete der SPD-Politiker Rüther offenbar, der Spendenskandal werde ohnehin bald auffliegen. Doch die Behörde hatte bis dahin nicht den geringsten Hinweis, sagt die Staatsanwältin. Auf Trienekens fiel nun - nach Rüthers hastigem Geständnis - der Verdacht, mit den Spenden SPD-Politiker geschmiert zu haben. Warum sonst sind sie heimlich in die Parteikasse geschleust worden?

Der Müllmogul versuchte den Verdacht mit der Erklärung zu entkräften, er habe der SPD lediglich aus seinem Privatvermögen, aus versteuertem Geld, gespendet, weitaus weniger als die in Rede stehenden 511 000 Mark.

Will man verstehen, wie Parteien und Müllindustrie zueinander fanden, muss man auf die achtziger Jahre zurückblicken, als in vielen deutschen Gemeinden der Streit um Müllverbrennungsanlagen (MVA) loderte. Bereits 1988 hatte die Stadt Köln ein Gutachten zur Müllentsorgung in Auftrag gegeben. Das Heidelberger Institut für Energie und Umweltforschung empfahl die flächendeckende Einführung der Biotonne in der Millionenmetropole sowie, trotz umweltpolitischer Bedenken, den Bau eines Müllofens. Eine Anlage für 235 000 Tonnen Müll pro Jahr müsste reichen, so die Rechnung. Der Rat der Stadt nahm das Gutachten dankend entgegen. Kurz darauf verabschiedeten SPD und CDU ein Abfallwirtschaftskonzept, das weniger Biotonnen vorsah. Dafür fiel die MVA mit 387 000 Tonnen deutlich größer aus als empfohlen. Später wurde die Kapazität noch einmal nach oben korrigiert. Ob der Kölner Müllofen mit stattlichen 421 000 Tonnen Müll jemals vollständig ausgelastet sein wird, ist noch immer fraglich. Sogar Müll aus Neapel wird herangekarrt und in Köln-Niehl verbrannt, damit die Anlage ausgelastet ist. Die Müllgebühren stiegen dank des Preistreibers Müllofen in Köln von 242 Mark für die 120-Liter-Tonne im Jahr 1992 auf mehr als 800 Mark im vergangenen Jahr.

Die Anlage im Kölner Norden war eines der Lieblingsprojekte des ehemaligen Regierungspräsidenten Franz-Josef Antwerpes (SPD). Und heute muss er sich fragen lassen: Wurde er belohnt für sein kompromissloses Engagement? Die Liste der Ungereimtheiten bei ihrem Bau ist lang. 1992 gründete die Stadt Köln die AVG. Vorsitzender des Aufsichtsrates wurde Lothar Ruschmeier (SPD), damals Oberstadtdirektor. Zum Geschäftsführer wurde Ulrich Eisermann bestimmt, bis dahin Leiter des Hauptamtes der städtischen Verwaltung

auch er ein Sozialdemokrat. Weil die Kommune schon damals sparen musste und Öffentliches privatisieren wollte, beteiligte die Stadt Köln die Firma Trienekens mit 25,1 Prozent an der AVG. Eine Ausschreibung fand nicht statt.

Auch bei der Auswahl des Bauunternehmens hielten die Entscheidungsträger den Wettbewerb in Grenzen.

Regierungspräsident Antwerpes hatte dem AVG-Aufsichtsratsvorsitzenden Ruschmeier bereits frühzeitig empfohlen, "dabei besonders die Firma Steinmüller aus Gummersbach zu berücksichtigen". 1994 wurde der Vertrag mit Steinmüller als Generalunternehmer, wie von Antwerpes gewünscht, unterzeichnet. Ein Ratschlag sei das damals gewesen, mehr nicht, rechtfertigt sich Antwerpes heute. Als Regierungspräsident habe er auch die Wirtschaft fördern müssen

und die Firma Steinmüller stamme aus der Region. "Diejenigen, die beklagen, das sei Parteinahme, sind geistig verwirrt."

Wäre es nach Antwerpes gegangen, wäre die Anlage noch größer ausgefallen.

Denn je mehr Abfall verbrannt werde, desto günstiger könne ein Müllofen betrieben werden. Für den Protest von seinerzeit 54 000 Kölner Bürgern gegen den Bau hat der selbstherrliche Antwerpes nur Verachtung übrig.

"Investitionen in dieser Größenordnung kann man keinem Bürgerbegehren anheim stellen." Schließlich gehöre die Müllentsorgung zur Daseinsvorsorge der Kommunen. Dass diese die Entscheidungshoheit über die Abfallwirtschaft längst aus der Hand gegeben haben, bestreitet auch Antwerpes nicht. "Es ist Trienekens-Land hier." Korruption? Ach was, noch handele es sich bei der Kölner SPD-Affäre um "ein ganz kleines Karo".

Klüngel ist nichts Schlechtes. Das sagen die meisten Kölner. Auch Peter Meisenberg sagt es. Er ist Publizist und Autor von Köln-Krimis. Noch nie, erinnert sich der 54-Jährige, "habe ich irgendwas auf offiziellem Weg erreicht, alles lief über Schulkameraden, Freunde, Bekannte".

Als Autor hat er Klüngelfälle der Kommunalpolitik vorausgeahnt, wie in seinem Thriller Haie. Da geht es um den Bau der größten Sporthalle Europas, ein Millionengeschäft, und viele in Köln wollen mitverdienen. "Böse, böse dekonstruiert Meisenberg darin den täglichen Wahnsinn des Klüngels", urteilte eine Lokalzeitung. Kurz darauf beschloss die Stadt den Bau der Arena, einer gigantischen Sport- und Showhalle, ein Millionengeschäft, und viele in Köln verdienten daran mit.

Der Kölner Klüngel ist keine moderne Erscheinung. Einer der Oberklüngler war der spätere Bundeskanzler Konrad Adenauer. Kaum war er 1917 zum Kölner Oberbürgermeister gewählt worden, richtete er sich zwei Monate später eine schwarze Kasse ein, in die Gelder flossen, die eigentlich der Stadt zustanden, Aufsichtsratstantieme etwa. Adenauer kaufte von dem Geld Geschenke für Vereine und Würdenträger, die er sich gewogen machen wollte. Immer raffgieriger wurde Adenauer, je länger er amtierte, fand der Publizist Werner Rügemer durch Archivstudien heraus. So bestand Adenauer auf "freier Wohnung", obwohl er eine 14-Zimmer-Villa besaß, und ließ sich zu seinem Grundgehalt von 36 000 Mark im Jahr noch einmal 43 000 Mark Wohngeld genehmigen, ebenso 20 000 Mark für "Licht und Brand". Er schloss ohne Skrupel Insidergeschäfte an der Aktienbörse ab, kaufte Wertpapiere mit städtischem Geld, wenn sein eigenes nicht reichte.

Nirgendwo herrsche ein so "kräftiges Maß an Regelverletzung" wie in Köln, "das die Menschen gar nicht so empfinden", sagt Günter Herterich, in den siebziger und achtziger Jahren der mächtigste Politiker in Köln. Zeitweise hatte er sowohl den SPD-Partei- als auch den Fraktionsvorsitz inne. Er konnte sich durchsetzen, aber mit der Kölner Mentalität lebte der gebürtige Stuttgarter immer auf Kriegsfuß. "Hier sagen die Menschen nicht nein, sie sagen: Wir müssen noch mal drüber reden. Ich habe Jahre gebraucht, das zu verstehen."

"Einiges beiseite schaffen"

Wer jedoch nicht mitmache beim Tricksen und Bereichern, der gelte schnell als Außenseiter. Als Herterich bei seiner Sparkasse einen Kredit für sein Haus aufnehmen wollte, erzählt er, habe ihm eine Bankangestellte, eine Genossin, vorgehalten: "Da bist du selber schuld. Du hättest in den vielen Jahren in deinen Ämtern ja einiges beiseite schaffen können."

Gestürzt wurde Herterich von Klaus Heugel, der 1999 wegen Insidergeschäften mit Aktien so kurz vor der OB-Wahl von seiner Kandidatur zurücktreten musste, dass die SPD keinen Ersatzkandidaten mehr nominieren konnte und das Amt nach Jahrzehnten an die CDU verlor.

Bis Anfang dieser Woche gab es keinen ernsthaften Hinweis darauf, dass außer der SPD auch die CDU in der Domstadt illegale Parteispenden erhalten haben könnte. Trotzdem ließ das Geständnis des ehemaligen Sozialdemokraten Norbert Rüther auch die nordrhein-westfälischen Christdemokraten hektisch werden.

Bücher wurden überprüft, Parteispenden kontrolliert. Und CDU-Landeschef Jürgen Rüttgers hat seine Worte sorgfältig gewählt, als er davon sprach, der Landesverband seiner Partei habe in den vergangenen sechs Jahren - so weit zurück reicht die Aufbewahrungsfrist für Spendenquittungen - keine Spenden von der Firma Trienekens erhalten. Für die Orts- und Kreisverbände wollte er offenbar nicht bürgen.

Für die Zurückhaltung der CDU könnte es einen einfachen Grund geben: Firmenchef Hellmut Trienekens, der CDU eng verbunden. 1998 im Bundestagswahlkampf, als Helmut Kohl auf der Domplatte sprach, war der Unternehmer als Ehrengast dabei. Auf der Gehaltsliste seines Unternehmens stehen eine Reihe nordrhein-westfälischer Christdemokraten.

Der frühere CDU-Landeschef Bernhard Worms arbeitet seit ein paar Jahren als Berater für den Müllmulti. Der Kölner Bundestagskandidat Egbert Bischoff ist Prokurist der Kölner Trienekens GmbH. Sein Parteifreund Wolfgang Schänzler - er war Ratsmitglied in der Kölner Nachbargemeinde Pulheim - leitet die Kölner Niederlassung und war vor drei Jahren schon einmal in einen Trienekens-Skandal verwickelt. Damals erpresste ein Hochstapler das Unternehmen mit der Behauptung, er habe Belege dafür, dass die Firma in Köln Schmiergelder gezahlt habe. Statt Anzeige zu erstatten, händigte Schänzler dem Erpresser 70 000 Mark aus. Erst später flog der Schwindel auf.

Angst vor einem Flächenbrand

Das System Trienekens ist ein Mehrparteiensystem. Der frühere Parlamentarische Geschäftsführer der SPD im Bundestag, Karl Wienand, vorbestraft wegen Spionage für die DDR, verdingte sich als Trienekens-Lobbyist. Durch seine Personalpolitik hat Trienekens im Lauf der Jahre ein engmaschiges Netz zwischen dem Unternehmen und Kommunen in Nordrhein-Westfalen geflochten. In Köln hat sich dieses Engagement gleich doppelt gelohnt. Nicht nur der umstrittene Müllofen, auch die städtischen Abfallwirtschaftsbetriebe (AWB) gehören mittlerweile zu 49,9 Prozent der Trienekens AG. Die große Konkurrenz auf dem nordrhein-westfälischen Müllmarkt, die Firma Rethmann, blieb trotz eines günstigeren Angebots chancenlos. CDU und SPD stimmten im Rat wie bei allen wichtigen Entscheidungen in Sachen Müll gemeinsam - für Trienekens.

Klüngel? Korruption? Strafbar ist das System Trienekens - von Einzelfällen abgesehen - bislang nicht. "Ein Instrument der Machtausübung, nicht der persönlichen Bereicherung", stellt Jörg Frank von den Kölner Grünen nüchtern fest. Doch weil in der Domstadt jetzt offenbar geworden ist, wie sehr das System Trienekens in die Nähe krimineller Machenschaften gerückt ist, und weil niemand mehr ausschließen kann, dass auch das Müllunternehmen selbst verstrickt ist, fürchten sich SPD und CDU nun vor einem Flächenbrand.

Weitab der örtlichen Parteizentralen, im südlichen Vorort Zündorf, empfängt Professor Erwin Scheuch in der umgebauten Scheune seines Gutshauses Journalisten aus ganz Deutschland, um ihnen den Klüngel zu erklären. Er gilt als Experte für die Soziologie des Klüngels, seit er vor genau zehn Jahren mit seiner Frau Ute, auch sie vom Fach, ein kleines Bändchen mit dem Titel Cliquen, Klüngel und Karrieren veröffentlichte. Wenig hat sich seither geändert an den Kölner Verhältnissen

allein Professor Scheuch, mittlerweile 73 Jahre alt, klingt inzwischen etwas altersmilde. Viele der Hauptakteure von heute kamen schon damals in dem Büchlein vor. Der CDU-Fraktionsvorsitzende Bietmann zum Beispiel, von dem Scheuch allerlei dubiose Grundstücksgeschäfte zu berichten weiß. Oder der SPD-Fraktionsvize Heinz Lüttgen, Inhaber einer großen Versicherungsagentur, der laut Scheuch zu viel Geld gekommen sein soll, indem er städtische Gesellschaften versicherte.

Bietmanns erste Reaktion auf die SPD-Affäre - dies sei nun "nicht die Stunde der Häme" - wertet Scheuch als Indiz dafür, dass Klüngelregel Nummer eins in diesem Fall offenbar eingehalten wurde: "Der Gegner muss mit ins Boot genommen werden." Dafür spreche auch der Leichtsinn, mit dem die SPD die Spenden in ihr Finanzsystem einspeiste, nämlich mithilfe mehrerer Dutzend Genossen, also Mitwisser. "Die müssen sich sehr sicher gefühlt haben", meint Scheuch.

Trostpreise für die Basis

Die Theorie des Klüngels nach Scheuch: Einziger Zweck der Kölner Politik ist die Vorteilsnahme. Damit die reibungslos funktioniert und nicht durch kleinlichen Parteienhickhack behindert wird, einigen sich die herrschenden Cliquen - zwei Lager in der SPD, zwei verfeindete Gruppen in der CDU - sowohl intern als auch miteinander auf Spielregeln. Die "Hauptpreise" sind hoch dotierte Posten in privatisierten städtischen Gesellschaften und Aufträge, die die Stadt vergibt. Damit die Basis stillhält, seien aber auch "Trostpreise ganz wichtig": Sondergenehmigungen für erlaubtes Falschparken an Bezirkspolitiker oder eine Wochenendreise für fleißige Parteiarbeiter - oder eben fingierte, steuermindernde Spendenquittungen.

Schwerer zu durchschauen als die Theorie ist die Praxis des Klüngels, die nach Scheuch so funktioniert: "Der A tut dem B einen Gefallen. Jetzt ist der B dem A verpflichtet. Dann hilft der A mit, dass der B dem C einen Gefallen tut. Und jetzt ist der C dem A eine Gefälligkeit schuldig. Je indirekter Sie so was machen, umso schwerer ist es nachzuweisen." War es so im aktuellen Fall? "Komisch ist es schon", antwortet Scheuch, "dass es die SPD forciert hat und der Hauptnutznießer, Herr Trienekens, der CDU nahe steht."

Die Kölner SPD-Affäre ist nicht mehr als eine lokale Episode, so lautet die Botschaft, die die Berliner SPD-Parteizentrale seit einer Woche verkündet.

Bislang hat sie dabei die Fakten auf ihrer Seite. Wenn es eine Verbindung zur Bundes-SPD gibt, dann über Franz Müntefering. Der SPD-Generalsekretär war bis vor drei Monaten auch Landesvorsitzender der SPD in Nordrhein-Westfalen. Hat er etwas von den Vorgängen in Köln gewusst? Er stehe hier "mit gutem Gewissen und sauberen Taschen", hat der Generalsekretär auf dem SPD-Ost-Parteitag in Magdeburg am vergangenen Wochenende versichert.

Schmerzhafter als der vage Verdacht dürfte für Müntefering sein, dass er nun dieselben hohlen Formeln von lückenloser Aufklärung und Konsequenzen herbeten muss, für die er Angela Merkel und Roland Koch während der CDU-Spendenaffäre scharf attackiert hatte. Die zweite Botschaft der SPD-Spitze in diesen Tagen lautet daher: Wir werden beweisen, dass wir mit einem solchen Skandal besser umgehen als die CDU.*