Die Frage ist: Warum? Die Ministerin für Frauenangelegenheiten, Sima Samar, sagt: "Wir sind so sehr mit unserem Kleinkram beschäftigt, mit dem Aufbau unserer Ministerien, dass wir dazu nicht die Zeit haben." Ein Blick in Samars Büro genügt, um das zu verstehen. Die Möbel und Stühle, die bisher einzigen ihres gesamten Ministeriums, sind ein Geschenk der UN. Samars Kassen sind leer. Ähnlich sieht es in fast allen afghanischen Ministerien aus. Viel können da Opfer nicht erwarten - nicht einmal, dass sie gezählt werden.

Jenseits dieser durchaus einleuchtenden Gründe bleibt ein Grundproblem: Warum sollte eine Regierung, die von den USA an die Macht gebombt wurde, gerade jene Geschichten zusammentragen, welche die USA in Verlegenheit bringen könnten?

Selbst unter den Nichtregierungsorganisationen gibt es bisher keine, die umfassend gezählt hat. Warum? Der Präsident der italienischen Organisation Emergency, Gino Strada, sagt: "Heutzutage gewinnt man Kriege, wenn man zwei Bereiche kontrolliert: die Medien und die humanitären Organisationen. Das ist in diesem Krieg gelungen."

Strada führt als Chirurg in Kabul ein Krankenhaus, das ausschließlich auf Kriegsopfer spezialisiert ist. Während des Bombardements arbeitete er in Kabul. Dabei erlebte er selbst, wie schwierig es in Afghanistan ist, Buch zu führen über Opfer - unabhängig davon, ob jemand das überhaupt wirklich beabsichtigt.

Eines Tages, noch während der amerikanischen Herbstoffensive, lagen vor dem Eingang von Stradas Krankenhaus 13 Leichen. Die Familienangehörigen hatten sie hierher gebracht, weil sie ihre Toten nach muslimischem Brauch innerhalb eines Tages begraben wollten. Ihnen fehlte jedoch das Geld, und sie hofften, Strada würde helfen. Er gab ihnen etwas, und die Menschen verschwanden mit ihren Toten. Sie gingen, ohne einen Namen oder Adresse zu hinterlassen.

Verschluckt vom Trümmerfeld Kabul.

Der Tod durch Krieg in Afghanistan ist in aller Regel anonym. Alle Opferzahlen der Kriege in den letzten dreißig Jahren beruhen auf Schätzungen.