Am 17. März wird im New Yorker Jewish Museum eine Ausstellung eröffnet, deren sachlicher Titel kaum ahnen lässt, dass hier ein neues Kapitel des Umgangs mit dem Holocaust aufgeschlagen werden soll: Mirroring Evil: Nazi Imagery/Recent Art - zu Deutsch etwa Spiegel des Bösen. Nazi-Bildwelten in der Kunst des Gegenwart. Der Kurator Norman L. Kleeblatt und seine Mitstreiter haben sich zum Ziel gesetzt, ein Tabu zu brechen: Es sei an der Zeit, den Blick von den Opfern der NS-Verbrechen auf die Täter und ihre Symbole zu richten. Eine junge Generation von Künstlern, so stellt es James Young im Katalog dar, verwehre uns den leichten Ausweg der Identifikation mit den Opfern und zwinge uns stattdessen zur Konfrontation mit den "Gesichtern des Bösen".

Die große Geste der Macher, die hier den Widerstand gegen ein "Bilderverbot" (Young) proben, konnte nicht ohne Folgen bleiben: Der beabsichtigte Eklat stellte sich schon vor der Eröffnung ein. Allerdings könnte es sich bei diesem Erfolg um einen jener Triumphe handeln, die im Rückblick von Niederlagen schwer zu unterscheiden sind. Man hatte wohl doch nicht mit der Heftigkeit des Aufruhrs gerechnet, der schon durch die Veröffentlichung des Katalogs ausgelöst wurde. Alles hatte mit einem Bericht des Wall Street Journal angefangen, im Jüdischen Museum würden Werke von Künstlern "auf der Suche nach ihrem inneren Nazi" zu sehen sein. Ein Lego-KZ, ein "Giftgas-Giftset" (Zyklon-B-Dosen mit Markenlogos von Hermes und Chanel), Bilder von Hollywood-Schauspielern in NS-Uniformen und digital manipulierte Fotos von KZ-Häftlingen sollten, so hieß es, unter den Exponaten sein.

Nazismus der Warenwelt Von dieser Nachricht alarmiert, begannen die New York Post und das jüdische Traditionsorgan Forward in ihren Spalten zu debattieren, ob es sich bei der Ausstellung um eine "Trivialisierung" des Nationalsozialismus und seiner Opfer oder vielmehr um eine "mutige Erkundung der medialen Faszination des Bösen" handele. Mitglieder der jüdischen Gemeinde und der Überlebendenorganisationen protestierten in Kommentaren und Leserbriefen gegen die vermeintliche "Desakralisierung der Schoah" und "Verhöhnung der Opfer" durch eine neue Künstlergeneration.

Man möchte meinen, es sei illegitim, sich vor der Eröffnung einer Ausstellung zu solchen Urteilen hinreißen zu lassen. So verteidigten sich auch die von der schieren Empörung des Publikums überraschten Veranstalter: Man solle doch bitte erst einmal den Eindruck abwarten, den die fertige Ausstellung bieten werde. Diese Rückzugsposition ist allerdings nicht frei von Scheinheiligkeit: Die Mehrzahl der ausgestellten Werke steht in der Tradition der so genannten Konzeptkunst, die selber den Akzent auf die in ihr verwirklichten Ideen und Begriffe legt. Da kann es wohl nicht ganz illegitim sein, wenn bereits die bekannt gewordenen Konzepte zu heftigen Reaktionen führen.

Im Übrigen waren viele der provokanten Werke schon anderswo zu sehen, wie etwa das notorische Lego-KZ des polnischen Künstlers Zbigniew Libera, das von Gegnern und Befürwortern der Ausstellung als Symbol des ganzen Projektes angesehen wird. Und die anstößigen Fotoarbeiten von Alan Schechner sind für jedermann im Internet zugänglich mitsamt den dazugehörigen Absichtserklärungen des Künstlers: "Wie viele Menschen meiner Generation wurde auch ich von der schrecklichen Macht der Bilder des Holocaust überwältigt und zum Schweigen gebracht", schreibt Schechner erläuternd über ein manipuliertes Foto, das ihn in Häftlingskleidung in einer KZ-Baracke vor ausgemergelten Insassen zeigt, eine Cola-light-Dose in der Hand haltend. Es fällt freilich nicht leicht, sich Alan Schechner überwältigt und schweigend vorzustellen. Seine Selbstkommentare plaudern munter über die "Instrumentalisierung" und "Kommerzialisierung" des Holocaust, die seine kritische Kunst entlarven will.

Ohne Zweifel gibt es solche Tendenzen. Sie sind auch längst zum Gegenstand der Forschung und des öffentlichen Streits geworden: Israelische Historiker, am prominentesten Tom Segev, haben seit Jahren die Inanspruchnahme der Schoah als Mittel zur zivilreligiösen Legitimation der israelischen Politik kritisiert. Der Chicagoer Historiker Peter Novick hat in einer Studie die "Amerikanisierung des Holocaust" nachgezeichnet und die Herausbildung eines "Opferbewusstseins" als Kernbestandteil der Identität amerikanischer Juden analysiert. Norman Finkelsteins Pamphlet wider eine angebliche "Holocaust-Industrie" war ein Bestseller. Und hatte man nicht schon anhand von Schindlers Liste ausgiebig über den Zugriff der Unterhaltungsindustrie auf die Schoah debattiert?

Angesichts dieser Lage mutet die Schockgeste der New Yorker Ausstellung merkwürdig deplatziert an: Die Tabus sind ja längst gebrochen, die großspurig angekündigten Lektionen von einer breiten Öffentlichkeit längst gelernt. Die selbsternannte Avantgarde, von Ehrfurcht angesichts der Kühnheit ihrer "Transgressionen" (Young) erfüllt, trottet in Wirklichkeit dem Zeitgeist hinterher. Die Selbstanpreisungen der Künstler als furchtlose Pioniere einer Ästhetik des Bösen sind bloß peinlich: Niemandem scheint aufgefallen zu sein, dass die Schockästhetik, die sich einst gegen die Mächtigen und den Mainstream der Gesellschaft richtete, bei diesem Thema leer läuft.

Diejenigen, die hier brüskiert werden - die letzten überlebenden Opfer -, haben in Fragen der Ästhetik des Grauens keine Nachhilfe nötig.

Die Bewertung der ausgestellten Werke mag man für eine Frage von individuellem Geschmack und Taktgefühl halten. Anders die bereitwillig mitgelieferten Erläuterungen der Künstler und Kuratoren: Norman Kleeblatt schreibt, das Lego-KZ wolle uns darauf aufmerksam machen, "dass die Bausteine für das gesellschaftlich Gute in Bausteine für gesellschaftlich Böses verwandelt werden können. Man kann aus dem gleichen Mörtel und den gleichen Ziegelsteinen, aus denen Vernichtungslager gebaut werden, auch Häuser bauen, die Menschen gesund und glücklich machen." Dies mag man noch für eine aufgebauschte Trivialität halten. Wenn jedoch erklärt wird, Schechners Posieren mit der Diät-Cola vor den Buchenwald-Häftlingen enthülle "Parallelen zwischen den Gehirnwäsche-Taktiken der Nazis und dem Warenfetischismus" (Kleeblatt) unserer kapitalistischen Welt, so wird die Sache skandalös.

Es geht den Machern der Ausstellung nach eigenem Bekunden gar nicht so sehr darum, die kommerzielle und ideologische Deformation des Holocaust-Gedenkens zu kritisieren. Es soll vielmehr suggeriert werden, dass die ausbeuterischen und manipulativen Mittel unserer Medien- und Warenwelt denen der Nazis nicht unähnlich sind. So wahr es ist, dass die Nazis ihre Opfer entmenschlicht und verdinglicht haben - dürfen wir darum den Nationalsozialismus als eine bloße Chiffre für die allgemeine Verdinglichung des Lebens in der Moderne betrachten? So scheint es die Ausstellung durch ihr frivoles Spiel mit Symbolen nahe legen zu wollen.

Mit folgenden Worten erläutert Alan Schechner eine Fotomontage, in der ein Strichcode und das Bild einer Gruppe von Häftlingen ineinander fließen: "Indem die Zahlen sich in menschliche Gesichter verwandeln und die Warenbezeichnung in die Häftlingskleidung übergeht, tritt die verstörende Assoziation von Verdinglichung, Konzentrationslager und digitalem Bild hervor. Die tiefere Botschaft spricht von der Verwandlung des Menschen in einen Strichcode, von der Verwandlung menschlichen Lebens in Nummern."

Solcher Art sind die "verstörenden" Einsichten, mit denen die Macher der Ausstellung winken: Gemeinplätze aus der Mottenkiste der Kulturkritik.

Besonders unangenehm jedoch berührt der Versuch der Verantwortlichen, sich über den aggressiven Charakter ihres Projekts hinwegzumogeln. Man hat die Entrüstung traumatisierter Menschen programmiert, zieht sich dann aber, wenn das Programmierte erwartungsgemäß eintritt, hinter pseudokritisch-allgemeine Floskeln zurück.

Dem Unternehmen steht eine verklemmte, hoch sublimierte Aggression der zweiten und dritten Generation nach dem Holocaust - der Töchter und Söhne von Holocaust-Überlebenden gegen ebenjene Überlebenden - auf der Stirn geschrieben. Viele der Beteiligten, so auch Schechner und Kleeblatt, entstammen Familien, die ihre Angehörigen in den Vernichtungslagern verloren haben. Man lasse sich nicht einreden, am Lego-KZ seien tatsächlich Einsichten über den NS-Staat zu gewinnen. Es geht eher um eine infantile Rebellion gegen das Allerheiligste der Familientradition und gegen die eigenen Schuldgefühle.

Im Dienste dieser Rebellion wird die Profanisierung der Erinnerung an die Toten mindestens in Kauf genommen. Der Künstler sieht sich gewissermaßen als Opfer der Opfer. So kann er an ihrem grandiosen, quasiheiligen Status teilhaben, gerade indem er dagegen aufbegehrt.

Vielleicht muss man Mirroring Evil in einem weiteren Kontext verorten - der therapeutischen Subkultur, die unter dem Motto des "Second generation syndrome" den Opferstatus von Generation zu Generation trägt. Schon existieren spezialisierte Netzwerke für "lesbische jüdische Töchter von Holocaust-Überlebenden". Eine Gruppe mit dem Namen Children of the Holocaust Anonymous folgt dem 12-Schritte-Programm der Anonymen Alkoholiker. Womöglich kann die Schockästhetik der Ausstellung - allerdings gegen die Absichten ihrer Macher - doch etwas Gutes bewirken: die Wiedergewinnung des Sinnes dafür, was ins Museum und was auf die Couch gehört.