Niemand hat mich in meinem Leben menschlich stärker bewegt oder tiefer beeindruckt als Marion Dönhoff. Wir waren nicht gleichaltrig

sie war in das ruhige Zeitalter vor dem Ersten Weltkrieg hineingeboren, ich in die Turbulenzen des Deutschlands der zwanziger und dreißiger Jahre. Sie war von heiterer Gelassenheit, ich unter dem Druck einer härteren Zeit geformt. Aber wir waren enge Freunde

und diese Freundschaft werde ich zeit meines Lebens wie ein Ehrenabzeichen tragen.

Anspruchslos, wie sie war, ganz aufgegangen in ihren Pflichten, hat sie als Spross einer der bedeutendsten Adelsfamilien Ostpreußens doch nie ihre Herkunft vergessen - die Sehnsucht nach der Heimat durchzog ihr Leben. Ihr freilich wurde diese Sehnsucht zum Antrieb, die Hassgefühle zu überwinden, die ihre Welt in Ruinen gelegt und um ein Haar ihr Vaterland zerstört hätten.

Sie wurde als Aristokratin geboren, aber ihr Adel war ein Adel der Haltung, nicht der Geburt. Wenn sich Marions Leben in zwei Begriffen zusammenfassen ließe, so wären dies Toleranz und Achtung vor dem anderen.

Im Jahre 1995, als das in Ostpreußen nahe ihrem Geburtsort gelegene polnische Lyzeum nach ihr benannt wurde, sprach sie in einer Feierstunde zu den Abiturienten. Sie sagte: "Vielleicht werden Sie fragen, was mir als geistige Einstellung für die Zukunft am wichtigsten erscheint. Ich denke, ihr müßt vor allem versuchen, tolerant zu sein. Gewiß, man könnte eine lange Liste aufstellen, aber wie lang sie auch sein mag, Toleranz muß jedenfalls ganz oben stehen, denn wer wirklich tolerant ist, der wird nicht in Haß verfallen und darum auch nicht versucht sein, Gewalt zu üben. Er wird die Meinung des anderen respektieren, auch wenn sie seiner eigenen widerspricht, er wird den Ausländer und den ethnisch anderen nicht diskriminieren, und er wird - und das ist sehr wichtig - keine neuen Feindbilder erfinden, mit denen der Gegner verunglimpft wird."

Wer Menschen bloß nach ihren politischen Positionen einordnet, der wird die tiefe Zuneigung, die Marion und mich verband - sie, deren politische Freunde im Allgemeinen links von der Mitte standen, und mich, dessen Ansichten meist eher rechts von der Mitte angesiedelt waren -, ganz unverständlich finden.