Joseph Stiglitz kann nicht besonders gut schreiben, aber er schreibt trotzdem. Joseph Stiglitz ist Nobelpreisträger und Autor einer ganzen Reihe Bücher, unter ihnen eine der besten Einführungen in die Volkswirtschaftslehre, die es gibt. Aber sein neues Buch, Die Schatten der Globalisierung, liest sich, als glaube Stiglitz, Schreiben sei nichts anderes als das Ansammeln von Gedanken. Er reiht Absätze und Kapitel aneinander, nimmt Fäden auf, findet neue, wiederholt sich und kommt zum Schluss, als hätte der Laptop auf einmal gesagt, Achtung, gleich ist der Akku leer.

Das Interessante an Stiglitz' Buch ist, dass man über diesen Mangel bereitwillig hinwegsieht.

Denn das Buch ist ungewöhnlich: Es kritisiert die Globalisierung. Nun gibt es wahrscheinlich ein paar Dutzend Journalisten, Publizisten, Schriftsteller und Bürgerrechtler, die behaupten, ihre Bücher hätten genau dasselbe getan, und viel früher als Stiglitz. In den meisten dieser Antiglobalisierungsbücher aber geht es eigentlich gar nicht um die Globalisierung, sondern um etwas viel Allgemeineres und Größeres, nämlich um die Gier des Menschen nach Geld und Reichtum. Ihr gegenüber empfinden Autoren wie Viviane Forrester (Der Terror der Ökonomie, Die Diktatur des Profits) eine tiefe Abneigung, und die berühmte Idee Adam Smiths, dass diese Gier zwar zutiefst egoistisch sei, es aber dem Gemeinwohl diene, ihr freien Lauf zu lassen, halten sie für falsch und unmoralisch. Kurz, sie kritisieren weniger die Globalisierung als den Kapitalismus, und beim Lesen ihrer Bücher wird man das Gefühl nicht los, dass sie den neuen Begriff vor allem benutzen, damit man nicht so leicht merkt, wie alt ihre Kritik ist.

Stiglitz ist anders. Denn Stiglitz ist Stiglitz, und der war Anfang der neunziger Jahre Wirtschaftsberater von US-Präsident Bill Clinton und Ende der neunziger Jahre Chefökonom der Weltbank. Beides sind keine Jobs für Antikapitalisten, und niemand hat Stiglitz danach einer Gehirnwäsche unterzogen. Noch immer glaubt er zutiefst an die positive Kraft des Marktes und an die wohlstandsteigernde Wirkung seiner globalen Verbreitung. "Menschen im Westen halten die niedrig bezahlten Arbeitsplätze bei Nike vielleicht für reine Ausbeutung", schreibt er, "aber viele Menschen in den Entwicklungsländern stellen sich deutlich besser, wenn sie einen Job in einer Fabrik ergattern, als wenn sie weiterhin in der traditionellen Landwirtschaft tätig sind."

Andererseits weiß Stiglitz um die Versäumnisse: "Trotz wiederholter Versprechen in den neunziger Jahren, die weltweite Armut zu verringern, hat die Zahl der Menschen, die in Armut leben, tatsächlich um fast 100 Millionen zugenommen." Wer ist schuld an dem Elend? Nicht die Idee des globalen Marktes, sagt Stiglitz. Sondern ihre real existierende Umsetzung! Nicht die Globalisierung mache die Menschen ärmer, sondern die "bolschewistische Strategie" derer, die den Prozess der Globalisierung lenken. Vor allem die des Internationalen Währungsfonds, des IWF. Ihn hatte Stiglitz schon während seiner Zeit bei der Weltbank kritisiert und sich damit immer mehr Feinde gemacht. Bis er schließlich von seinem Posten zurücktrat.

Der IWF. Er ist ein gigantischer Geldverleiher, das muss man wissen, bevor man Stiglitz liest. Der IWF gibt verschuldeten Staaten Kredit und verschreibt ihnen dafür eine bestimmte Politik, meist eine schmerzhafte. Wie ein Arzt, der einem magenkranken Kind die Milch verbietet. Das Kind leidet unter dem Verzicht, und jene Autoren, die nicht nur Antiglobalisierer, sondern auch Antikapitalisten sind, schreien da auf, die Marktideologie sei menschenfeindlich. Den IWF trifft das wenig. Was soll das Geschrei? Dass es hart ist für das Kind, wenn es keine Milch bekommt, sagt der Arzt, das wisse er selbst, aber später einmal werde das Kind ihm dankbar sein. Später, da werden die verschuldeten, bankrotten Staaten saniert sein.

Falsch, sagt Stiglitz, ganz ohne Geschrei, und kritisiert nicht, dass der Arzt dem Patienten schmerzhafte Vorschriften macht. Sondern kritisiert die Therapie. Er ist Ökonom, genau wie die Doktoren des IWF, und ihnen, den Kollegen, macht er einen Vorwurf, der unter Kollegen nicht härter sein könnte: Dass sie die falschen Rezepte verschreiben.

Ein Beispiel: Im März 1997, kurz nach Dienstantritt bei der Weltbank, reiste Stiglitz nach Äthiopien, in das Hungerland, in dem damals plötzlich Hoffnung keimte. Die Regierung hatte ein Entwicklungskonzept für die Landbevölkerung entwickelt, hatte die Militärausgaben drastisch gekürzt und gleichzeitig eine gute Wirtschaftspolitik betrieben: Die Inflationsraten waren niedrig, die Wachstumsraten hoch. "Doch der IWF", so Stiglitz, "hatte trotz der guten gesamtwirtschaftlichen Daten sein Beistandsprogramm für Äthiopien mit der Begründung ausgesetzt, Äthiopiens Haushaltslage gebe Anlass zur Besorgnis."

Denn Äthiopien erhielt Entwicklungshilfe aus dem Westen, und die Regierung wollte damit Schulen und Krankenhäuser bauen. Der IWF aber befürchtete, Äthiopien könne in Zahlungsschwierigkeiten geraten, weil niemand wisse, wie lange die Entwicklungshilfe fließe. Die Regierung solle nur so viel Geld ausgeben, wie sie an Steuern einnahm und die Entwicklungshilfe zurücklegen.

Dazu Stiglitz: "Mir erschien der Standpunkt des IWF als völlig haltlos ...

Ich wußte, dass die Entwicklungshilfe oftmals viel beständiger floß als die Steuereinnahmen ... Als ich nach Washington zurückkehrte, bat ich meine Mitarbeiter, die Statistiken zu prüfen, und sie bestätigten, dass die internationalen Hilfszahlungen zuverlässiger waren als die Steuereinnahmen.

Demnach hätten Äthiopien und andere Entwicklungsländer die Auslandshilfe, nicht aber die Steuereinnahmen in ihre Haushaltspläne einbeziehen müssen. Und wenn weder Steuern noch Auslandshilfe auf der Einnahmeseite des Etats verbucht werden dürften, dann wäre jedes Land in schlechter Verfassung."

Auch Thailand war in schlechter Verfassung, und Indonesien, Korea, Malaysia - damals, vor fünf Jahren, als die Zeitungen plötzlich ein neues Wort druckten, erst in kleinen, dann in immer größeren Buchstaben: Asienkrise. Auch Russland war in schlechter Verfassung, damals, als der Kommunismus zusammenbrach. Dann kam der IWF. Den Russen verschrieb er den freien Markt als Schocktherapie, den Asiaten höhere Zinsen und Steuern und niedrigere Staatsausgaben.

Plötzlich konnten vor allem Kleinbetriebe ihre Kredite nicht zurückzahlen, verloren Millionen Menschen ihren Arbeitsplatz, kehrte die Armut zurück in Länder, in denen sie besiegt schien. Notwendige Opfer, sagte der IWF.

Stiglitz sagt: "Der IWF glaubt die Antworten zu haben: Sie stammen nicht aus der Wirtschaftswissenschaft, sondern entsprangen einer Ideologie." Er meint die Marktideologie, die Lehre, die auf jede Frage zwei Antworten hat: flexibilisieren und liberalisieren.

Der IWF, der Ideologische Währungsfonds? Auf den ersten Blick ein unfairer Vorwurf, denn die Antworten des IWF stammen sehr wohl aus der Wirtschaftswissenschaft. Es gibt ökonomische Theorien, oft von großer formaler Schönheit und Präzision, die diese Antworten untermauern. Die meisten ihrer Erfinder sahen sich nicht einer Ideologie verpflichtet, sondern dem, was wirklich ist, und hätten Karl Popper zugestimmt, der sagte: "Wir sollten versuchen, Theorien aufzustellen, die der Wahrheit ein Stückchen näher kommen als die unserer Vorgänger".

Trotzdem hat Stiglitz Recht. Denn inzwischen weiß man, dass die Theorien des IWF der Wahrheit nicht immer nahe kommen. Zahlreiche Länder hat er veranlasst, ihre Finanzmärkte ausländischen Investoren und Spekulanten zu öffnen, und sie dadurch anfällig gemacht für Krisen. Hat sie gedrängt, schon bei niedriger Inflation die Zinsen zu erhöhen, und dadurch Unternehmen in den Konkurs getrieben. Notwendige Opfer, sagte der IWF auch da, aber weder gibt es eindeutige empirische Beweise für die wohltuende Wirkung liberalisierter Finanzmärkte noch für die schädliche Wirkung moderater Inflationsraten.

Die Wirtschaftswissenschaft hat längst angefangen, anderswo nach der Wahrheit zu suchen. Sie fragt etwa, welche Folgen es hat, wenn Marktteilnehmer unterschiedlich gut informiert sind, sie erforscht die Bedeutung ethischer Regeln, sie zieht in Erwägung, dass sich womöglich selbst professionelle Kapitalanleger nicht immer völlig rational verhalten. So sind manche Theorien, auf die der IWF seine Politik baut, selbst zu Vorgängern geworden.

Längst wissen die Ökonomen, wenn sie es denn wissen wollen: "Jene Annahmen, die dem Marktfundamentalismus zugrunde liegen, gelten nicht in Industrieländern, geschweige denn in Entwicklungsländern." (Stiglitz) Sie wissen, dass flexibilisieren und liberalisieren manchmal ganz sinnvoll ist, aber manchmal auch nicht, dass nicht nur der Staat, sondern auch der Markt versagen kann, und dass es der Globalisierung ganz gut tun könnte, zur Abwechslung wieder einmal mehr Staat zu wagen.

In Entwicklungsländern, schreibt Stiglitz, sollte der Staat junge Industrieunternehmen finanziell unterstützen und sie durch Zölle vor ausländischer Konkurrenz schützen, bis sie wettbewerbsfähig geworden sind.

Sollte außerdem den Kapitalmarkt eher stärker als schwächer regulieren, um das Land gegen Bankenkrisen und Spekulanten zu wappnen. Nichts daran ist neu.

Kaum eines der großen reichen Länder dieser Welt ist auf anderem Weg zu Wohlstand gelangt. Auch die Herren des IWF sprachen in feierlicher Rede auf großen Gipfeln schon davon, dass etwas nicht stimmt mit der Globalisierung, so wie sie ist. Am nächsten Morgen aber zogen sie wieder ihren weißen Kittel an und verhielten sich meist nicht anders als zuvor.

Wie also nennt man einen Arzt, der seine Patienten krank macht, weil er auf falsches und veraltetes Wissen vertraut, dies aber nicht einsehen will?

Genau, einen Ideologen. Dieser Nachweis ist das Verdienst von Schatten der Globalisierung. Und deshalb ist es ein schlecht geschriebenes gutes Buch.

* Joseph Stiglitz:

Die Schatten der Globalisierung

Siedler Verlag, Berlin 2002

256 S., 19,90 e