Simenons Die grünen Fensterläden, im Zuge der Neuausgabe seiner Werke bei Diogenes erschienen, ist ein Meisterwerk, das davon erzählt, wie einer mit seinem Leben fertig wird. Fertig werden heißt: Wie er es zu Ende bringt. Das Buch hat ein Vorwort von beklemmender Allgemeingültigkeit: Freunde, so Simenon, hätten ihn nach der Lektüre des Manuskripts gewarnt, man würde glauben, er erzähle die Geschichte der großen Schauspieler Raimu, Michel Simon, W. C. Field oder Charlie Chaplin. Die Hauptfigur des Romans ist nämlich der "große Maugin" , ein Schauspieler, der dem Alkohol bis zum bitteren Ende zuspricht. Im Vorwort sagt Simenon, niemand der zitierten Künstler sei gemeint, aber "gerade wegen der Größe dieser Schauspieler ist es nicht möglich, eine Romanfigur ihres Berufes und ihrer Größe zu schaffen, die nicht gewisse Züge des einen oder Eigentümlichkeiten des anderen trüge".

So ist das Buch ein "Schlüsselroman" auch über Schauspieler, die Simenon gar nicht hatte kennen können. Nach der Lektüre des Vorworts stellte ich mich darauf ein, hier würde ich wieder etwas über die Anthropologie des Schauspielers zu lesen bekommen. Aber es kam anders, denn die Schauspielerei spielt zwar eine wesentliche Rolle, weil sie das Einzige ist, was dieser Maugin kann. Durch die Schauspielerei ist er als hervorragender Mensch im Leben verankert

er hat den Status des Prominenten, aber weil das Buch vor allem davon erzählt, wie dieser prominente Mensch im Leben keineswegs verankert ist, steht die Schauspielerei im Hintergrund. Wie Simenon diese Konstellation erzeugt, wie er an einer Stelle andeutet, verwischt und an einer anderen präzisiert und klarlegt, wie er die Scheinwerfer auf seiner Szene einsetzt, das ist von einer außerordentlichen Kunstfertigkeit.

Während die Schauspielerei dem Helden selbstverständlich ist, ist ihm alles andere ein Problem, auch eines, das vom Herzen kommt: Er ist sechzig und hat das Herz eines Fünfundsiebzigjährigen: einen schlaffen, birnenförmigen Beutel anstatt einer linken Herzkammer. Für die Charakteristik arbeitet Simenon mit der Abneigung Maugins gegen alles Fleischliche: "Sein Leben lang hatte sich in ihm alles gesträubt, sobald jemand auf gewisse, chirurgische Eingriffe, gewisse, vor allem, weibliche Organe zu sprechen kam. Alles, was mit Entbindung zusammenhing, widerte ihn an."

Dennoch hat er einen Sohn, aber das Verhältnis zu ihm ist genau nach dieser Abwehr des Kreatürlichen konstruiert: Der Sohn nämlich ist eine Art keimfreier Schleimer, der dem Bühnenkünstler mit Schilderungen seines umfassenden Lebensunglücks Geldspenden entlockt. Dieser gibt nicht aus Güte, schon gar nicht aus Liebe, auch nicht bloß, um seine Ruhe zu haben. Er zahlt mehr aus Verachtung, vor allem aber aus einer Routine heraus, die das merkwürdig Klinische im Verhältnis zum Sohn aufrechterhält: Das sterile, pedantische Betteln ist dem Künstler lieber, als es Ausbrüche, Streitigkeiten, also überhaupt Lebensäußerungen wären. Daran ändert sich nichts, wenn Maugin in der Bar auch einmal ein sadistisches Spiel mit seinem eigen Fleisch und Blut treibt.

Aber das sind alles äußerliche Geschichten. Maugin ist ein Mensch, der in seinem Inneren nicht zu Hause ist

er will da nicht sein, wo er sein muss.

Bei sich hat er nichts zu suchen, und die Versuche, außer sich zu geraten, bringen nicht viel. Auf dieser Flucht kann man ja immer nur mehr oder weniger trinken. Sein Glück ist schal, und Maugin, der nicht lieben kann, bemüht sich wenigstens, eifersüchtig zu sein. Das gelingt ihm besser, aber am Schluss ist auch dieses Gefühl ausgehöhlt, abgestanden.

Lesend spürte ich leibhaftig, wie dieser unsympathische Mensch auch nur einer ist, der versucht, mit dem Leben fertig zu werden. Durch Simenon widerfährt ihm diese Gerechtigkeit, der Romancier hat die Sozialisierung des Soziopathen auf seine Fahnen geschrieben: Wenn man auch den "großen Maugin" nicht ins Herz schließen kann, so kann man sich in ihm wiedererkennen. Die Art, wie die Erinnerungen durch seinen Kopf gehen, wie er allein ist oder verlogen in Gesellschaft, wie er allmählich von der Aura abgelebten Lebens erdrückt wird: No future!, das ist allzu menschlich. Ich bin zu sehr Feuilletonist, um es am Ende nicht so zu sagen: Die grünen Fensterläden sind die blaue Blume des Spießers. Maugin hat das weiße Haus mit dem Schieferdach und den grünen Fensterläden nicht vergessen. So sieht eine Bleibe aus, aber c'est la vie ...

* Georges Simenon:

Die grünen Fensterläden

Roman

aus dem Französischen von Alfred Günther

detebe 20373, Diogenes Verlag, Zürich 2002

230 S., 8,90 e