die zeit: Wenn die Nationalversammlung im Jahr 2002 den Algerienkrieg auf die Tagesordnung setzt, der vor 40 Jahren mit den Evian-Verträgen beendet wurde, dann streitet das Plenum quer durch die Fraktionen, und auf den Publikumsrängen weinen die Veteranen. Fällt den Franzosen die Auseinandersetzung mit ihrer Geschichte schwer?

Pierre Nora: Man hat zum Beispiel oft gesagt, die Franzosen weigerten sich, über Vichy zu reden. Das ist aber ganz falsch. Das Vichy-Regime, das im nicht besetzten Teil Frankreichs mit den Nazis kollaborierte, war ein Dauerthema.

In gewisser Weise haben die Leute nur über Vichy geredet. Das hat Henri Rousso gemeint, als er sein Buch über das "Vichy-Syndrom" veröffentlichte.

Damit hatte er die Sache auf den Punkt gebracht - und, paradoxerweise, noch einmal verstärkt. Der Begriff vom Vichy-Syndrom nahm ein Eigenleben an und wurde zum Bestandteil eines exzessiven Erinnerns.

zeit: Das Vichy-Regime ist nach dem Zweiten Weltkrieg mit einer drastischen Säuberung liquidiert worden: 8000 oder 9000 Hinrichtungen ohne Gerichtsverfahren, mit 1500 Todesurteilen und insgesamt 130 000 Prozessen.

War das nicht eigentlich genug "Vergangenheitsbewältigung"?

Nora: Nur auf die antisemitische Dimension des Regimes wurde nicht geschaut.