Was wäre gewesen, wenn ...? Die alte Frage, die den Historiker zum Träumen verführt. Was wäre, wenn aus dem deutschen Frühling von 1848, aus dem Paulskirchenplenum tatsächlich die deutsche Republik hervorgegangen wäre? Einer würde dann heute ganz gewiss zu ihren Gründungsgestalten gehören, zu den großen Rednern der Parlamentsgeschichte. So aber erinnern sich nur noch die Naturwissenschaftler seiner - als des Geologen und Zoologen Carl Vogt. In Genf, vor der Universität, wo er lehrte, steht sein Denkmal; weit über hundert Titel zählt das Verzeichnis seiner wissenschaftlichen Schriften: Forschungsberichte, Lehrbücher, zoologische Studien.

Doch Vogt war eben auch ein Vorkämpfer der deutschen Republik, ein engagierter Linksdemokrat. Schon im Vormärz hatte er in Paris und Nizza mit dem französischen Sozialisten Pierre Joseph Proudhon und dem russischen Anarchisten Michail Bakunin debattiert, mit Georg Herwegh, dem deutschen Dichterrevolutionär, und James Fazy, dem liberalen Schweizer Journalisten, der bald in Genf eine bedeutende politische Rolle spielte und später einer der engsten Freunde Vogts sein sollte. Im Jahr der europäischen Revolutionen dann, im März des Jahres 1848, wird Vogt in der Paulskirche neben Robert Blum zum Wortführer der demokratischen Linken. Ihr Ziel: die Republik, das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht, die Gleichberechtigung aller Nationalitäten.

Atheist, Kosmopolit, der witzigste Redner des Parlaments

Die Kommunisten hassten ihn wie die Reaktionäre. Für Karl Marx in London ist Vogt bloß ein Vulgärmaterialist und kleinbürgerlicher Demokrat. Noch 1861 schleudert er ihm, den er jetzt für einen Parteigänger Napoleons III. hält, den Bannfluch hinterher: Herr Vogt betitelt er kurz und knapp seine Polemik. Kampfgenosse Friedrich Engels setzt sie 1871 erbittert fort: Abermals "Herr Vogt".

Doch es war nicht nur sein politischer Pragmatismus, der die einen, und sein konsequenter, darwinnaher Materialismus, der die anderen reizte. Es waren auch Stil und Gestus seines Auftretens, seiner Rhetorik. Er muss sein Publikum ähnlich provoziert haben wie in späterer Zeit Herbert Wehner, nur dass Vogt lieber noch zum Degen griff als wie jener polternd zur Keule: "Ich bin wahrlich der Meinung Proudhons: Mit Verstand, Ernst und Ruhe kommt man nicht mehr durch - die einzige Waffe, deren man sich noch gegen dieses dickhäutige Volk dickhäutiger Philister und Politiker bedienen kann, ist der Spott, der Hohn, die Ironie ... Denn die hohle Jämmerlichkeit ihrer Hämorhoiden-Politik ist nur mit äußerlichen Lappen verhängt, die man fratzenhaft anmalen muß, um den ganzen Harlekin wider Willen zur allgemeinen Erkenntniß zu bringen." Später, schon im Exil, sollte er seine Erfahrungen mit dem Duodezstaatengeist der Deutschen in einer tierischen Komödie zusammenfassen: Untersuchungen über Thierstaaten.

Ein kraftvoller Mann war Vogt - den Genüssen des Lebens stets zugetan -, ein souveräner Geist. "Den witzigsten Redner des Parlaments", nennt ihn Ricarda Huch, und für Veit Valentin, den Chronisten der 48er-Revolution, ist er eine "ganz unhistorisch gerichtete Persönlichkeit" in "sentimental-feierlicher Zeit": "Derb bis zum Zynismus" und "grenzenlos in naturwissenschaftlichem Souveränitätsgefühl", dabei "hell und wach, dreist und gewalttätig, gegenüber Gefühlswerten stets bereit zu höhnender Schärfe".

Ja, es hat seine Zeitgenossen wohl nicht zuletzt provoziert, dass er als Mann der Wissenschaft über religiöse Fragen sprach, als bekennender Atheist den Kirchen, deren Freiheit er gewahrt sehen wollte, ihre Schranken wies. Ein Wissenschaftler aber, der sich "vom Standpunkt des entschlossenen Unglaubens aus" (Valentin) in die Gesellschaftspolitik mischt - dergleichen sehen Deutschlands fromme Politiker und Kirchenmänner ungern, wie noch die jüngsten Diskussionen über die Stammzellforschung gezeigt haben.

Carl Vogts doppelter Lebensweg als Wissenschaftler und Politiker beginnt in Gießen. Hier wird er 1817 als Sohn eines Medizinprofessors geboren. Es ist eine freisinnige, freimütige Familie: Ihr fällt es leicht, die sozialen Schranken der deutschen Kleinstadtwelt zu ignorieren und bei den jüdischen Nachbarn "das schöne und innig-zarte Laubhüttenfest" mitzufeiern. Carl beginnt ein Studium der Medizin bei seinem Vater, wechselt aber im Banne des genialen Justus Liebig bald zur Chemie über. Georg Büchner gehört zu seinen Kommilitonen und manch anderer politische Feuerkopf. Vogt wird der Konspiration verdächtigt. Liebig warnt ihn. 1835 verlässt Vogt Hals über Kopf Gießen, in Richtung Straßburg. Günstiger Umstand: Die Flucht endet in Bern - bei seinem Vater, der im Jahr zuvor einen Ruf der Universität angenommen hat. Auch Vater Vogt verließ Gießen nicht ganz freiwillig, auch er, der bekennende Freisinnige und Schwager des radikalen Burschenschaftsführers Karl Follen, war zunehmend unter politischen Druck geraten.

Carl Vogt bleibt im Berner Elternhaus bis zu seiner Promotion 1839 als Doktor der Medizin (die von ihm bevorzugten Fächer werden in Bern nicht gelehrt). Die folgenden Jahre sehen den jungen Mann, der sich nun der Geologie und Zoologie zuwendet, beim berühmten Naturforscher Louis Agassiz in Neuchâtel, als Teilnehmer an einer Gletscherexpedition. Dann geht es weiter nach Paris. Seinen Lebensunterhalt bestreitet er jetzt mit wissenschaftlichen Aufsätzen, so unter anderem für die Augsburger Allgemeine Zeitung, Hausblatt auch des Pariser Korrespondenten Heinrich Heine. Immer wieder trifft er politische Sympathisanten, knüpft überall im Europa der Heiligen Allianz, im Reiche Metternichs Verbindungen zu Dissidenten. Doch gegen spekulative Metaphysik, gegen jede Art von Ideologie bleibt der junge Doktor der Medizin immun. Das unterscheidet ihn von vielen seiner Genossen. Als ihn in Paris eines Abends das endlose Gerede seiner Freunde Proudhon und Bakunin über Hegels Phänomenologie zu langweilen beginnt, verabschiedet er sich kurzerhand; als er am folgenden Morgen zurückkehrt, sitzen die beiden immer noch heftig debattierend vor dem Kamin, dessen Feuer längst erloschen ist ...

Er liebt die See, das Wasser, wie die Freiheit. 1846 geht Vogt nach Nizza. Hier erforscht er das Leben der Meerestiere, als ihn, der längst zum polyglotten Europäer geworden ist, der Ruf auf den Lehrstuhl für Zoologie in Gießen erreicht; Liebig und Alexander von Humboldt hatten vermittelt. Am 10. Mai 1847 hält Vogt seine Antrittsvorlesung - kein volles Jahr später ist Deutschland, ist ganz Europa in Aufruhr. Der gerade dreißigjährige Professor wird Mitglied im Demokratischen Verein, zusammen mit seinem Universitätskollegen Moritz Carrière gründet er die Freie Hessische Zeitung (die sich aber nicht lange halten kann). Am 5. März 1848 beschließt die Stadt, eine Bürgergarde aufzustellen, Vogt übernimmt als Oberst die Führung.

Keine Frage, dass der Herr Professor seine Heimat auch in der Paulskirche vertritt; der Nationalversammlung wird er als Abgeordneter Oberhessens bis zu ihrem bitteren Ende 1849 in Stuttgart angehören. Das dortige "Rumpfparlament" wählt ihn noch (für das Ressort der Außenpolitik) in die fünfköpfige Reichsregentschaft, die provisorische Regierung. Dann kapitulieren auch die letzten Parlamentarier, wie bald darauf die letzten revolutionären Truppen im badischen Rastatt, vor dem Militär. Carl Vogt muss wieder fliehen.

Es wird seine letzte Flucht. "Als er über die Schweizer Berge gefahren war, schüttelte Vogt den Staub der Frankfurter Kathedrale von seinen Füßen und widmete sich, nachdem er ins Fremdenbuch ,K. Vogt, Regent des Deutschen Reiches auf der Flucht' eingetragen hatte, mit derselben Klarheit, der heiteren Gemütsverfassung und einem unermüdlichen Fleiß aufs neue den Naturwissenschaften. Zum Zwecke des Studiums der im Meere lebenden Zoophyten reiste er 1850 nach Nizza." So anekdotisch verkürzt notiert es der russische Schriftsteller und liberale Politiker Alexander Herzen, der ebenfalls sein Land auf Lebenszeit verlassen musste.

Doch der Meeresbiologe, der Muschel- und Quallenforscher Vogt engagiert sich auch weiterhin. Er hilft anderen Emigranten, die in der Schweiz Zuflucht suchen vor der in Baden wütenden preußischen Soldateska, organisiert Papiere (so auch für Herzen), verschafft Arbeitsmöglichkeiten. Noch von Frankfurt aus hatte er Emma Herwegh einen Verlag für ihr Rechtfertigungsbüchlein Zur Geschichte der deutschen demokratischen Legion. Von einer Hochverrätherin aus Paris vermittelt,das dann bei Levysohn im schlesischen Grünberg erscheint - und von der preußischen Zensur sofort verboten wird.

Das servile Pack der deutschen Professoren

Vogt preist die neue Heimat und dankt ihr aus ganzem Herzen: "Das Asylrecht hat stets der Schweiz schwere Verwicklungen zugezogen und es ist wirklich wunderbar, daß sie es trotz allen Stürmen, trotz aller Demüthigungen, welches es ihr zugezogen, noch stets als ein Grundrecht ihrer Existenz festgehalten und sogar ausdrücklich in ihre Bundesverfassung aufgenommen hat." Er selbst, seit 1851 Professor der Geologie in Genf (später auch der Zoologie), lässt sich erst 1861 naturalisieren. 1853 hatte er geheiratet, aus der Ehe gehen mehrere Kinder hervor. Der Schweizer Carl Vogt blieb der Politik und der Linken treu und gehörte viele Jahre später dem Eidgenössischen Ständerat und, von 1878 bis 1881, dem Nationalrat an.

1849 aber, nach der großen Niederlage, sucht er zunächst einmal Klarheit zu gewinnen, warum die Revolution gescheitert ist. In seiner Bilanz nimmt er kein Blatt vor den Mund. "Schafsköpfe von Anfang an, sind sie es geblieben", heißt es da über die Liberalen. "Warum ihnen weiter zürnen? Sie wußten es wahrlich nicht besser! Mit dem Schlotter im Herzen, mit dem ganzen Vertrauen, das 33 Jahre voll Betruges nicht hatten ausrotten können, im Unterleibe, ließen sie Tag für Tag die Fluth anschwellen und wunderten sich, daß sie ihre auf leichten Sand gestellten Fundamente unterwuschen und wanken machte. Und jetzt kommen die Nachzügler des ganzen Trosses, die Biedermänner und Laubes und Rießers, diese schwabbelnden Gelee-Pasteten mit fettgrünen Augen, dünnen Stimmen und knickerigen Beinen und flehen das deutsche Volk an: Beurtheilt uns billig! Wir haben es ja doch gut gemeint. Wir tragen ja einen Born unerschütterlicher Liebe in unserem Busen! Wir lieben unsere Fürsten noch immer, trotz der Fußtritte, die sie uns gegeben haben! Wir vertrauen noch immer, trotz aller Streiche, die man uns gespielt hat ..."

Die Konservativen, die Monarchisten, die "constitutionellen Schafe", die "in ihren Kammerpferchen Loblieder auf das stehende Heer und die Rettung der Gesellschaft durch dasselbe blöken", bekommen erst recht ihr Fett ab: "Das Heer selbst wird ihnen noch die Noten zu diesen Liedern blau und roth auf den Rücken malen."

Vor allem der finstere Friedrich Ludwig Jahn ist Vogt bis ins Physische hinein zuwider: "Wo ... war ein schmutzigerer, ecklerer Geselle zu finden als dieser Turnvater Jahn, der in seinem weißen Barte den täglichen Speisezettel herumtrug und mit Erfolg Rüben in den Furchen seiner Haut hätte säen können?"

Doch auch mit seinen eigenen Standesgenossen, den Professoren, rechnet Vogt quer durch alle Fraktionen fröhlich ab: "Pfui über dieses Pack gesinnungsloser Hofknechte, welchem an unseren Universitäten die Bildung der Jugend - nein, die Bildung der zukünftigen Staatsdiener anvertraut ist. Dazu passen sie vollkommen, diese Jäger nach vollgewichtigen Louis d'oren. Es gibt keine Niederträchtigkeit einer Regierung, keine Schandthat des Absolutismus, kein noch so eckles Laster eines Befehlenden, welches nicht in einem deutschen Professor einen Vertheidiger, einen Lobredner finden könnte. ... Wie schade, daß die körperlichen Züchtigungen abgeschafft sind. Ich hätte mir sonst eine niedliche Behandlung dieser wissenschaftlichen Paviane, dieser Affen der Gewalt, ausgedacht. Ich ließe ihnen die bleiernen Hintern mit Ruthen streichen, bis sie blau und roth in Striemen angelaufen wären, schnitte ihnen das entsprechende Theil aus den Hosen und zwänge sie, mit so bemalten Ärschen ins Colleg zu gehen! Das sollte ein Gaudium für die Musensöhne werden."

Vogts Notizen, seine Erinnerungen an die deutsche Nationalversammlung, datiert vom 24. Oktober 1849 bis zum 13. Februar 1850, sind eine verblüffende Trouvaille, ein einzigartiges Dokument der deutschen Parlamentsgeschichte. Der Gießener Archivar Klaus Günther Judel hat sie jetzt in der Kantonsbibliothek Sankt Gallen aufgespürt und an leider arg versteckter Stelle, als Band 6 der Berichte der Justus-Liebig-Gesellschaft nämlich, ediert (ISSN 0940-3426/6; 226 S., 10,- ¤). Sie bestätigen auf eigene Weise Veit Valentins Charakteristik Vogts als einer "ganz unhistorisch gerichteten Persönlichkeit" - ein Mann, seiner Zeit und der großen Mehrheit seiner Kollegen in der Paulskirche weit voraus.

Im Sankt Galler Konvolut fand sich zudem der Entwurf eines Rundschreibens an Deutsche. Auch darin analysiert Vogt das Wesen der Revolution und die Gründe für ihr Scheitern: "Wie sonderbar, wie widerspruchsvoll, daß eine Revolution, welche vor allem eine Verbesserung der gesellschaftlichen Zustände der besitzlosen Klassen zum Ausgangspunkte und Endziele hatte, da wo sie siegreich war, nur Individuen an ihre Spitze zu bringen wußte, denen selbst in den entscheidenden Augenblicken der Thathandlung Geld und Gut höher standen und heiliger waren als Menschenleben."

Mit "den Individuen an der Spitze der Revolution" war die rechte Mehrheit der Paulskirche, war der Parlaments- und Ministerpräsident Heinrich von Gagern gemeint. Sie wähnten, am Ende die Demokratie als konstitutionelle Monarchie retten zu können, mit dem preußischen König als Erbkaiser an der Spitze. Das hätte das Mehrklassenwahlrecht bedeutet, wie es die in Preußen bereits oktroyierte Verfassung vorsah. In Vogts erster Notiz vom 24. Oktober 1849 heißt es dazu: "Der edle Gagern hat beim Abreiten seines politischen Steckenpferdes vor den praktischen Republikanern auch wieder einmal den alten Unsinn seiner constitutionellen Partei vorgebracht, ,mit dem allgemeinen Stimmrecht läßt sich nicht regieren'. ... Die Constitutionellen arbeiteten ihre armen Köpfe und ihre Staatslexika von einem Ende zum anderen durch, um uns zu beweisen, daß es Unterschiede in der politischen Befähigung gäbe, welche durch Besitz, Reichthum, Geld und Grundeigenthum und derlei zufällige Güter eines Menschen materiellen Ausdruck fänden. Deshalb Ausscheidung ganzer Klassen nach den Steuerlisten, deshalb die halb unmöglichen, halb unsinnigen Wahlgesetze, womit die moderne Staatsweisheit Preußens den Staat ... rettend beglückt hat. Wir setzen dem Allen nur die einfache Behauptung der Gleichberechtigung aller Menschen und des gleichen Stimmrechtes aller Staatsbürger entgegen."

Gagern, dem Wohlmeinende noch 1998 neben der Paulskirche in Frankfurt ein gewaltiges Denkmal setzen wollten, trägt in Vogts Augen für das Scheitern der Nationalversammlung die Hauptverantwortung: "Wo auch dieser Retter des Vaterlandes hingestellt wurde, überall erwies er sich seiner Stellung unzulänglich - unfähig den Posten auszufüllen, den ihn eitle Selbstüberschätzung zu beanspruchen trieb ... Die Burschenschaft der zwanziger Jahre, jenes hohle Wesen ohne inneren Kern, das in den längst verstorbenen Ideen der Freiheitskriege sich herumtrieb und nur noch die äußere Schale behalten hatte, war in diesem Führer der Erbkaiserlichen so recht zu seinem Ausdrucke gekommen."

Die lächerliche Liebe der Deutschen zum Militär

Dass die Erbkaiserlichen ausgerechnet auf den Militär- und Polizeistaat Preußen gesetzt hatten, erschüttert Vogt noch im Nachhinein - angesichts der Gräuelmeldungen über das Wüten der preußischen Soldaten in Baden. Militär? "Sobald der Mann die bunte Jacke anhat, gehört er weder sich noch dem Staate, noch der Gesellschaft - er gehört nur seinem Oberen an, dem er unbedingten Gehorsam schuldig ist. Er soll sein wie ein Stock in der Hand seines Herren - das war der oberste Grundsatz des Jesuitenordens, das ist der oberste Grundsatz im stehenden Heere! So ist es ein Staat im Staate und wie alle solche auf unbedingten Gehorsam gegründeten Gesellschaften, das gefährlichste Werkzeug gegen Alles, was Menschenwürde und Menschennatur heißt."

Darüber hinaus müssen die deutschen Demokraten nun auch erfahren, dass der Gegenrevolution der gekrönten Häupter überall im Reich eine willfährige Justiz zur Verfügung steht. Vogts Aufzeichnungen berichten davon. Schon am 25. Oktober 1849 erreicht ihn selber in Bern eine Vorladung aus Gießen: "Betr. Untersuchungen gegen den gewesenen Professor der Zoologie C. Vogt zu Gießen wegen indicierten Landesverraths und Aufforderung zum Aufruhr." Vogt dokumentiert diesen und einen späteren Versuch, seiner habhaft zu werden, mit einem gewissen bitteren Vergnügen.

Nicht minder ironisch kommentiert er das kraftmeiernde Treiben manches Mit-Emigranten. Er selber hat bald keine Hoffnung mehr, von der Schweiz aus eine Wendung der politischen Verhältnisse in Deutschland erzwingen zu können. In der letzten Notiz seiner Erinnerungen an die deutsche Nationalversammlung vom 13. Februar 1850 analysiert Vogt, was noch im folgenden Jahrhundert das entscheidende Problem der deutschen Emigranten sein sollte: "Daß sie vom Auslande her unmöglich Führer sein können, daß sie, als Flüchtlinge, ihre Wurzeln nur in der Vergangenheit, nicht in der Gegenwart haben".

Es war wohl diese Erkenntnis, die ihn bei aller Verbundenheit zu seiner Heimat in der Schweiz bleiben ließ. Und als Schweizer Staatsbürger ist er denn auch gestorben, am 5. Mai 1895, umgeben von seiner Familie - Carl Vogt, der bekannte Naturwissenschaftler, Forscher und erste Rektor der Universität Genf. Da hatte Preußen-Deutschland, von Kaiser Wilhelm II. herrlichen Zeiten entgegengeführt, den deutschen Demokraten Carl Vogt schon lange vergessen.

Der Autor war von 1976 bis 1986 Chefredakteur des Deutschlandfunks und lebt in Hamburg