Gadamer gehört zu der kleinen Gruppe von Philosophen des 20. Jahrhunderts, an die man sich lange erinnern wird, weil sein Werk außerordentlich fruchtbar ist. Er hat neue Pfade innerhalb der Philosophie beschritten, Pfade, die wir noch lange weiterverfolgen werden. Ohne dass er das Thema selbst direkt benannt hätte, legte er den philosophischen Grund für eine der wichtigsten Anstrengungen des 21. Jahrhunderts: andere Kulturen in ihrer Tiefe zu verstehen. Gadamers Problem war das Verstehen von Texten, insbesondere von solchen, die aus der Vergangenheit stammen. Aber die Vergangenheit ist in dieser Hinsicht nur eine unter vielen Regionen, und Gadamer hat uns damit gelehrt, auch das zeitgenössische Andere zu verstehen.

Eine weitere bahnbrechende Idee, die wir Gadamer verdanken, ist die der Sprachlichkeit, also die Art und Weise, wie menschliches Leben sich nicht nur ausdrückt, sondern von der Sprache geformt wird. Und daraus folgend die Einsicht, dass Sprache in erster Linie Gespräch ist. Gadamer hat dafür die gesamte philosophische Tradition aufgerufen. Vor allem aber hat er uns bestimmte deutsche Quellen erschlossen, zumal solche aus der Blüte der Philosophie und der Kritik im späten 18. Jahrhundert. Dank Gadamer ist die Stimme jener Autoren für uns heute noch vernehmlich. In diesem Augenblick, in dem wir Lebewohl sagen, erkennen wir das ganze Ausmaß unserer Verpflichtung gegenüber Hans-Georg Gadamer. Charles Taylor

Er war einer der wenigen Philosophen des 20. Jahrhunderts, der eine im akademischen Sinn "technische" Philosophie entwickeln konnte, die - wie wenige andere - in der großen abendländischen Tradition verwurzelt war und die doch gleichzeitig die einfachen Menschen ansprechen konnte. Gadamers Denken war tatsächlich, mit Hegel gesprochen, die "Zeit in Gedanken" gefasst. Seine Hermeneutik ist die Philosophie der gegenwärtigen Existenz, und der Mensch unserer Zeit kann sich in seiner Philosophie wiedererkennen. "Sein, das verstanden werden kann, ist Sprache", lautete ein berühmter Satz Gadamers, was aber nicht bedeutet, dass es ein Sein unabhängig von dem gibt, was uns in der Sprache begegnet.

Diese Gleichsetzung von Sein und Sprache - die Gadamer von Heidegger übernimmt - trifft sehr genau unsere heutige Lage. Auf der einen Seite besteht die Welt, in der wir leben, aus einem immer dichter werdenden Netz aus Informationen und Nachrichten; dass Erfahrung nie "unmittelbar" ist, kommt uns heute auf wahrhaft dramatische Weise zu Bewusstsein. Alles ist Interpretation, und Wahrheit ist nur das, über das sich die Interpreten einig sind. Auf der anderen Seite bietet die "Reduktion" der Wirklichkeit auf Sprache die einzig denkbare Perspektive auf Emanzipation und Humanisierung der Welt - die Umwandlung von "Natur" in Kultur, in Dialog, Konsens, Zustimmung und Intersubjektivität.

Das ist es, worauf Gadamers Lehre des Verstehens beharrt: auf der Verwandlung von primitiver Äußerlichkeit, einschließlich Krankheit und Elend, Tod und Gewalt, in Sprache und Kultur. Auch unter politischen Gesichtspunkten ist diese Philosophie enorm aktuell. Sie setzt nämlich Verständigung und Dialog gegen den autoritären Anspruch auf absolute Wahrheit; sie öffnet uns die Augen für einen gefährlichen Naturalismus, der auf der politischen Bühne große Konjunkur hat. Denn nicht nur der Rassismus ist ein Naturalismus; auch das blinde Vertrauen in die unsichtbare Hand des Marktes und vor allem die Idee, dass "natürliche" Ungleichheiten genutzt werden sollten, um "Entwicklung" durch Wettbewerb zu fördern, ist eine Art Naturalismus. Es war Gadamer, der uns gezeigt hat, dass solche Ungleichheiten zu jenen scheinbaren Objektivitäten zählen, die wir verwandeln müssen: in Sprache und Kultur, in eine Gesellschaft der Solidarität. Gianni Vattimo

Horizontverschmelzung ist der Begriff, mit dem der Name Hans-Georg Gadamer auf immer verbunden sein wird. Er gebrauchte dieses Wort, um einen Prozess zu beschreiben, in dem zwei Dichter, zwei Philosophen, zwei Kulturen oder zwei Epochen auf eine bestimmte Weise zusammenkommen: Sie werden weder als unversöhnlich noch als Spezies derselben vertrauten Gattung behandelt, sondern als solche, die trotz ihrer irreduziblen Verschiedenheit in eine fruchtbare Verständigung miteinander eintreten können.

Die Fähigkeit zu dieser hermeneutischen Versöhnung bildet eine wesentliche Voraussetzung dafür, eine urbane und kultivierte Persönlichkeit zu werden. Um ein großes Vorbild für diese beiden intellektuellen Tugenden zu sein, so wie Gadamer es war, muss man wie er starke Wissbegier mit großem Selbstvertrauen und romantische Begeisterung mit intellektueller Großmut vereinen. Die Kombination dieser Eigenschaften befähigte Gadamer, sich leidenschaftlich in ein neu entdecktes Buch zu verlieben, ohne sich jemals völlig davon bekehren zu lassen und zu einem Epigonen zu werden.